Über die nie verlorene Langsamkeit im Lesen. Vorsicht #longreads!

Dieses Internet ist ein merkwürdig‘ Ding. Ich finde darüber die abscheulichsten und wunderbarsten Dinge zum Lesen, Hören und Sehen. Ich bin ja so mehr der Lese-Typ, auch wenn ich schon mal Podcasts höre oder sehe. Aber das Lesen, das geht bei mir irgendwie viel schneller und beflügelt bei mir die Fantasie mehr [Außer natürlich, es geht um etwas wie Star Trek oder Star Wars – Anm. d. Verf.].

Das mit dem Lesen ist bei mir sehr unterschiedlich. Mal lese ich langsam, mal lese ich schnell – obwohl ich mehr der schnelle Leser bin, der gerne mal etwas scannt und dabei doch plötzlich merkt, dass er den Absatz lieber in Ruhe lesen sollte. Dieses Social-Media-Dingens jedoch hat in den letzten Jahren (also beginnend bei mir so ab etwa 2007) dazu geführt, dass ich gerne schnell einen Happen zu mir nehme und noch einen. Und mal schnell auf Twitter, dann auf Facebook, doch den Artikel lesen … der sollte dann aber nach 300 Wörtern auf den Punkt gekommen sein. Manchmal, da stoße ich dann auf etwas, das ich zunächst überfliege und dann … lasse ich es mir auf dem geistigen Gehörgang zergehen. Beispielsweise, wenn Miriam Meckel über die Wiederentdeckung der Langsamkeit im Lesen auf Turi2 schreibt.

Miriam Meckel über die Wiederentdeckung der Langsamkeit im Lesen (in meiner Pocket)
Miriam Meckel über die Wiederentdeckung der Langsamkeit im Lesen (in meiner Pocket)

Dies ist von Miriam Meckel eine sehr schöne Geschichte, die ich glaube verstanden zu haben, auch wenn ich Sten Nadolnys Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ noch nie gelesen habe. Für mich geht es in Miriams Artikel um die Konzentration auf das Lesen, auf das unaufgeregte und gerade dadurch aufregende Lesen von Geschichten (egal ob Fiktion oder nicht). Für mich waren in meiner Jugend die Bücher etwas, um in fremde Welten und Gedankenwelten einzutauchen und mich mit Neuem zu beschäftigen. Ich las am Abend stundenlang in die Nacht hinein Bücher von Karl May. Bei allen Inkonsistenzen zur Wirklichkeit begeisterten mich diese (fiktionalen) Reiseberichte und überzeugten mich, dass es Schurken und Gutmenschen in allen Kulturen gibt. Oder Jule Verne … oder Hans Dominik (wusstet Ihr übrigens, dass viele seiner Werke 2016 im Projekt Gutenberg erscheinen?) oder, oder, oder …

Bücher … sind gedruckte Bücher dem Verschwinden und alleinigem Verwahren in Antiquariaten anheim gestellt? Werden wir in 20 Jahren von gedruckten Büchern als etwas von „damals“ sprechen? In Diskussionen kann es schnell zur Bildung von Fronten zwischen „Haptikern“ („Ich brauche die Haptik von gedruckten Büchern, die ist so wunderbar!“) und „Praktikern“ („E-Books sind so praktisch, die ganze Welt in ein paar Gramm!“). Ich, der ich mit gedruckten Büchern groß wurde, bin Konvertit. Das Praktische an diese E-Books ist einfach wunderbar. Besonders mit E-Book-Readern wie dem Kindle. Beleuchtung, Blättern, „information at my fingertips„, das Streichen über die Lesefläche. Aber ich genieße auch ein gedrucktes Buches, insbesondere, wenn da die Bildgewalt zuschlägt.

Miriam Meckel meint, es gäbe

… Unterschiede zwischen digitalen und gedruckten Informationen. Schülerinnen und Schüler etwa verstehen Texte auf Papier deutlich besser als auf dem Bildschirm; das sagt jedenfalls eine Studie des norwegischen Lesezentrums an der Universität Stavanger von 2012. Wahrscheinlich hat das mit unserer Geschichte zu tun, zumindest bei den Menschen, die noch mit Print groß geworden sind. Hunderte von Jahren der Verbindung zwischen Lesen und Material haben unser Gehirn evolutionär verdrahtet.

Ach, die Evolution. Reden wir in 20 Jahren noch einmal darüber, wenn die Evolution der Technik Haptik und Farbe vielleicht nicht nur auf einen E-Book-Reader sondern sogar direkt auf den Sehnerv mit dreidimensionaler Erfahrung bringt.

Langsam aber immerhin hat der Buchhandel irgendwann begriffen, dass er die technische Entwicklung weder verdammen noch als Hype abtun sollte. Wie bei jeder schnellen und geradezu disruptiven Entwicklung kommt es zu Reibungen, Verlusten und Gewinnen. Einige davon beschreibt Holger Ehling in seinem Artikel „Papier oder E-Book – Hauptsache lesen“ auf Das Netz:

E-Books, Streit ums Urheberrecht, Unsicherheit über die Zukunft des stationären Buchhandels und der große, böse Feind namens Amazon – das waren die Debatten, die den Buchmarkt 2015 geprägt haben. So weit, so statisch, der Markt konsolidiert sich.

Alles fließt, alles ist im Fluss. So auch bei mir. Ich habe früher auch lieber ein gedrucktes Buch gelesen. Bis ich dann einen Kindle aus reiner Neugierde hatte. Und auch damit lese ich gerne auch lange Bücher oder lange Artikel, die mich einfach fesseln. Das hat mich nie so richtig verlassen, das LangeLesen. Aber nachgelassen, nachgelassen hat es in dieser unserer kurzlebigen Zeit schon ein bisschen …

Slow Media

Der Artikel von Miriam (ach, schließlich sind wir im Netz doch alle gleich, oder?) erinnert mich an das Slow-Media-Manifest (dort ausführlich):

  1. Slow Media sind und wirken nachhaltig
  2. Slow Media fördern Monotasking
  3. Slow Media zielen auf Perfektionierung
  4. Slow Media machen Qualität spürbar
  5. Slow Media fördern Prosumenten
  6. Slow Media sind diskursiv und dialogisch
  7. Slow Media sind soziale Medien
  8. Slow Media nehmen ihre Nutzer ernst
  9. Slow Media werden empfohlen
  10. Slow Media sind zeitlos
  11. Slow Media sind auratisch
  12. Slow Media sind progressiv
  13. Slow Media zielen auf Verantwortung bei Rezeption und Produktion
  14. Slow Media werben um Vertrauen und nehmen sich Zeit, glaubwürdig zu sein. Hinter Slow Media stehen echte Menschen. Und das merkt man auch.

Das Manifest erscheint mir ziemlich absolutistisch. Aber ohne Anspruch vergeht die Realität in Gewohnheit. Letztendlich kann ich allen Punkten etwas abgewinnen. Für mich gehört eine Eigenschaften implizit zu einem Stück dazu: Es ist kein Appetithappen für ein paar Sekunden. Ein Lesestück hat Länge und Tiefgang.

Lang, lang!

Gerade Länge ist etwas, das im heutigen Medienkonsum oft zu kurz kommt. Viele heutige Fernseh- oder Kinofilme beispielsweise brillieren mit kurzen schnellen häufigen Schnitten, wo die einzelnen Szenen nur knapp über meiner Wahrnehmungsgrenze liegen – wenn überhaupt. Beim Lesen ergeht es mir ähnlich: Einen Link geklickt, kurz drübergeflogen, ab zum nächsten Klick. Es ist ja so verführerisch, dieses Klicken.

Da mag die Evolution zuschlagen: Jeder Klick bietet eine Belohnung, mehr Klicks bedeuten mehr Belohnungen – auch wenn es nur scheinbar Belohnungen sind. Meistens bieten die geklickten Inhalte nicht mehr Informationen und faktische Belohnungen als zwanzig inhaltlich gleiche und gleich flache Happen. Doch weil ich sogleich belohnt werde, teile ich die Belohnungen sogleich auf diesem Twitter via Buffer. Was ja auch so schnell mit nur einem Klick geht. Und mich selbst entschuldigend, dass ich durch das Buffern ja meine Follower nicht überflute, klicke ich gleich noch um so öfter.

Dabei gibt es so schöne und so informative Bissen in diesem Internet. Auf einige Bissen kam ich (ich weiß nicht mehr wie) auf der Website WaitButWhy. Und dieses Jahr hat Tim Urban seinen Lesern einige richtig große Bissen verpasst. Daran ist laut Tim Urban Elon Musk schuld („Last month, I got a surprising phone call„). Das führte schließlich dazu, dass Tim live beim SpaceX Launch Live Webcast dabei war – vor der Kamera. Irgendwie war Tim daran schuld, dass ich dieses Jahr wieder gerne längere Artikel gelesen habe – auch wenn ich das zunächst nicht erkannte.

Was ist „lang“?

Was ist eigentlich ein „langer Artikel“ in diesem Internet? Ich persönlich bin da sehr flexibel. Die „Wortgrenze“ liegt für mich bei etwa 1.000 Wörtern, ab der ich einen Artikel als „lang“ einstufe. Das hängt aber von vielen Faktoren ab. Was ist beispielsweise, wenn im Artikel viele Zitate sind? Zählen diese Wörter auch dazu? Was, wenn in einem Artikel von 800 Wörtern ein Video-Interview in einer Länge von sieben Minuten enthalten ist. Sollte ich da die Wörter des Videos mitzählen? Was, wenn eine komplizierte Grafik enthalten ist?

Also, ich nehme mir heraus, meine Wortgrenze von 1.000 Wörtern ganz flexibel zu handhaben.

Doch was fange ich mit dieser Definition eines „langen“ Artikels überhaupt an? Wozu ist sie gut, was ist da für mich drin? Und überhaupt: Was ist da für Euch drin?

Na ja, da bin ich mir nicht so sicher. Ich möchte wieder mehr längere Artikel lesen, die ein Thema oder einen Sachverhalt etwas gründlicher beleuchten. Meine Wortgrenze dient mir als Anhalt, um mir einen Ruck oder keinen Ruck bei einem Artikel zu geben, ob er für mich unter diesem Aspekt interessant ist. Aber wäre es da nicht gut, sogleich Artikel als potentiellen Lesestoff aufgrund ihrer Länge zu identifizieren? Doch wie weiß ich, ob ein Artikel mehr als 1.000 Wörter hat, bevor ich auf den Link klicke? Gar nicht. Da sind immer jede Menge kurze Artikel dabei. Meistens sogar sind es kurze Artikel. Also, habe vor dem Aufruf des Artikels keine Ahnung. Es sei denn, ich schreibe den Artikel gleich selbst. So wie diesen etwa – der hat jetzt, während ich ihn schreibe – laut WriteMonkey inklusive Zitaten und Links bereits über 1.700 Wörter.

Aber sonst? Wie komme ich an lange (oder zumindest) längere Artikel ran, ohne nach einem Klick den Text eines Artikels in einen Editor mit Wortzählfunktion zu kopieren?

LangLesen-Kuratoren

„There’s an app for that“ ist ja ziemlich ausgelutscht als Spruch. Aber wenn eine hinreichend große Nachfrage existiert, dann kommt früher oder später jemand auf die Idee, diese Nachfrage mit einem Angebot zu befriedigen. In diesem Internet geht das ja auch seit diesem Web 2.0 immer schneller.

In der Vergangenheit stieß ich immer mal wieder auf Twitter auf das Hashtag „longreads“ („#longreads lang:de„). Und erstaunlicherweise (oder eben auch nicht) gibt es einen gleichnamigen Dienst. Und nicht nur diesen einen, der sich mit langen Artikel beziehungsweise Reportagen beschäftigt und sie zur Verfügung stellt. Bei meinen tage- und nächtelangen Recherchen zu diesem langen Artikel (ha, das glaubt Ihr doch wohl nicht?) stieß ich auf bislang vier Dienste, die lange Artikel kuratieren.

Das Schönste (für mich) an diesen Angeboten ist, dass sie alle einen RSS-Feed haben. Diese Feeds landen bei mir in meinen Feedreadern (Readkit/Mac, NextGen Reader/Win) in einem Ordner mit der sinnigen Bezeichnung „Lesestoff“. Außerdem sind die Dienste auf Twitter, wo ich eine entsprechende Twitter-Liste angelegt habe: LangLesen.

Longreads

Soweit ich das überblicke ist Longreads (RSS) das Elter aller Longreader 🙂

Longreads, founded in 2009, is dedicated to helping people find and share the best storytelling in the world. We feature nonfiction and fiction over 1,500 words, and many of the stories come from our community’s recommendations.

Longreads ist von Automattic, dem Unternehmen hinter WordPress.

The Browser

The Browser (RSS) braust durch dieses Internet:

Each day The Browser recommends five or six pieces of writing that we think are worth your valuable time
The daily recommendations are always freely available
Subscribers get full access to our archive, a daily email newsletter, and read-later buttons for Pocket and Kindle

Longform

Longform (RSS)

Longform.org recommends new and classic non-fiction from around the web.
Article suggestions, including writers and magazines submitting their own work, are encouraged. Longform considers pieces over 2,000 words that are freely available online.
Longform was founded in 2010. Longform Fiction was added in December 2012. Additional sections to come.

LiesMich

Und – fast hätte ich es nicht zu glauben gewagt – dann gibt es noch das deutschsprachige LiesMich (RSS):

LiesMich sind drei junge Redakteure aus Berlin. Tagsüber arbeiten wir in Medienagenturen, Redaktionen und Pressestellen. Nachts lesen wir Texte. Vor allem lange Reportagen und Features haben es uns angetan. Doch haben wir festgestellt: Lange Texte kommen im Netz oft zu kurz. Deshalb haben wir LiesMich gegründet. Hier stellen wir unsere Lieblingsstücke aus deutschsprachigen Zeitungen und Magazinen vor. Gute Reportagen, die zeitloses Lesevergnügen bieten. Und wir wollen von euch erfahren, welche Reportagen euch besonders bewegen.

Dieses Jahr hat sich LiesMich etwas besonderes ausgedacht, die Längsstrecke, eine Kooperation von LiesMich und „Langstrecke“ der Süddeutschen Zeitung:

Wir empfehlen in einer Kooperation mit dem Reportagemagazin „Langstrecke“ der Süddeutschen Zeitung die 50 besten Reportagen 2015: eine Längststrecke sozusagen!

Fazit

Da steh ich nun, ich armer Tor …“ und versuche etwas klüger zu sein als zuvor. Was also nun?

Ich nehme mir vor, tiefgehendere Artikel zu lesen und mich bewusster mit Artikeln und deren Inhalten zu beschäftigen. Und vielleicht auch mal wieder längere Artikel auf meinen Blogs zu schreiben (ach was?!).

Meinen Online-Lesestoff sammle ich sowieso auf Pocket (und werde wohl auch das neue Feature der Empfehlungen ausprobieren). Dort habe ich meinen Recherchepool mit vollem Offline-Zugriff. Entsprechende LangLese-Artikel kennzeichne ich in Pocket mit dem Schlagwort/Tag „longreads“. Na ja, und dann werde ich diese Artikel bewusster lesen. Das Tag „longreads“ hilft mir, solche Artikel aus meinem Lesestoff auszuwählen, wenn ich auch wirklich entsprechend Zeit habe.

Ihr habt dann in Folge (möglicher- und hoffentlicherweise) auch etwas davon. LangLese-Artikel, die ich für hinreichend lesenswert halte, packe ich in

Und wenn Ihr einen interessanten LangLese-Artikel findet: Nutzt das Hashtag #longreads auf Twitter. Und wenn Ihr mögt, signalisiert Ihr mir das mit einem @fwhamm-Mention.

In Anlehnung an den Gruß der Vulkanier wünsche ich Euch also nun:

Lest lange und in Wohlstand! \V/_

P.S.: … und einen guten Rutsch in ein gutes Neues Jahr!

Nachtrag (17.01.2016)

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5 thoughts on “Langlesen – Lest lange und in Wohlstand!

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