Cold Calls, die digitale Pest

Fritzfon

Eben hatte ich einen Cold Call aus Singapur in gebrochenem Deutsch. Bitcoins sind ja der neueste Schrei. Die machten sich noch nicht mal die Mühe einer deutschen Telefonnummer.

Gestern hatte ich einen Cold Call in gebrochenem Deutsch aber mit deutscher Telefonnummer. Google Adwords, der neueste Schrei. Ganz klar waren Call Center Geräusche zu hören.

Mittlerweile fange ich an, mich mit internationalen Vorwahlen auszukennen. Indien, Niederlande, Frankreich – viele Cold Calls aus diversen Ländern hatte ich schon. Bloß blöd, wenn dann ein Bekannter aus Frankreich anruft. Na ja, am Freitag war ich wohl neugierig und ging trotzdem dran. Glück gehabt.

Zwei Erkenntnisse:

  1. Meine Telefonnummern sind auf irgendwelchen Listen gelandet. Die wohl gut gehandelt werden, obwohl ich (wenn ich dann mal drangehe) umgehend ruppig werde und auflege.
  2. Deutsche Telefonnummern sind auch nicht mehr das, was sie früher mal wert waren. Ist heutzutage auch kein Hexenwerk, ich habe auch deutsche oder ausländische Telefonnummern für „spezielle Zwecke“

Zwei Maßnahmen:

  1. Keine Rufnummerportierung mehr. Solche Cold Calls laufen sowohl auf meiner Mobilnummer als auch auf meinen Festnetznummern auf. Deswegen lasse ich beim DSL-/Festnetzwechsel von O2 zu EWR auch meine Nummer nicht portieren. Und im April, wenn ich den Mobilfunkanbieter wechsle, werde ich auch keine Portierung machen.
  2. Ich werde eine „Firewall“ hochziehen. Unbekannte, ausländische oder unterdrückte Rufnummern landen demnächst direkt auf der Sprachbox.

Die Digitalisierung erleichtert auch dies: Haufenweise Call Center mit x-beliebigen Rufnummer, und der Handel mit Rufnummernlisten.

Diese Cold Calls sind die reinste digitale Pest. Ich warte nur darauf (NEIN!), dass der erste Cold Call Bot, ein Ableger von Alexa, Siri oder Cortana anruft.

An diese Pest kommen noch nicht mal die Freundesanfragen leicht gekleideter Facebook-Mädels ran.

Mein holpriger Weg von O2 zu EWR

Fritzfon

Mein Wechsel von O2 Business zu EWR (früher „Elektrizitätswerk Rheinhessen„) gestaltet sich auf der O2-Seite holprig. Dafür bekomme ich jetzt neue Telefonnumern – und ich bin den O2-Support für Geschäftskunden los.

Zwei Mal hat O2 einen Portierungsauftrag für meinen DSL-/Festnetzanschluss (Internet auf dem Lande: Tschüss Platzhirsche, hallo Rheinhessen!) wegen falscher Anschlussdaten abgelehnt. Also habe ich am Freitag ganz normal bei O2 gekündigt. Per Fax, weil die AGB von 2014 das (oder per Brief) so vorschreiben.

Der Wechsel von O2 zu EWR hat mir wieder gezeigt, wie schlecht der O2-Support für mich als Geschäftskunden ist. Nicht nur das mechanische zweimalige Ablehnen des Portierungsauftrags, sondern auch in besonderem Maße der Telefonsupport zeigten mir das. Beispielsweise musste ich am Freitag für ein dreiminütiges Telefonat mit der Geschäftskunden-Hotline eine halbe Stunde am Telefon hängen. Eigentlich waren es sogar zwei Telefonate, denn nach etwa 17 Minuten und der ersten Hälfte des Telefonats, hing ich wieder in der Warteschleife, weil die Mitarbeiterin in einer Fachabteilung nachfragte.

Zu Beginn eines Anrufes, nach den ganzen Abfragen (Vertragsfrage, technische Probleme etc.), kommt bei der O2-Kundenhotline immer die Bitte, ich solle doch „Ja“ sagen, wenn das Gespräch zur Verbesserung des Supports aufgezeichnet werden dürfe. Zunächst machte ich dieses Mal den Fehler, „Nein“ in ganz normalem Gesprächston zu sagen. Das verstand der Automat nicht. Dann wollte ich logisch nicht antworten. Ich sollte ja auch nur etwas (nämlich „Ja“) sagen, wenn ich die Aufzeichnung wollte. Also sagte ich einfach nichts. Das wurde auch nicht verstanden. Erst nach der erneuten, dritten Ansage (wonach ich dann wieder nichts sagte), ging es weiter.

Natürlich machte die O2-Ansage wie so oft mehrmals in der Warteschleife eine falsche Versprechung (Hervorhebung von mir):

Wir sind gleich persönlich für Sie da!

Das hat bei O2 noch nie funktioniert. Ganz anders bei EWR.

Bei der Herznet-Hotline von EWR kommen auch die bekannten Abfrageweichen (oder war es sogar nur eine?). Dann jedoch hatte ich innerhalb von 20 Sekunden eine sehr nette Person am Telefon, die in aller Ruhe mit mir telefonierte, meine Fragen beantwortete und mich beriet. Aufgrund der Portierungsschwierigkeiten hatte ich insgesamt bisher etwa sieben Telefonate, und die „Customer Experience“ am Telefon war jedes Mal positiv.

Die normale Kündigung hat jetzt den Vorteil, dass ich neue Telefonnummern bekomme. Die bisherigen Telefonnummern sind anscheinend auf irgendwelchen gehandelten Listen gelandet, so dass ständig jemand cold-call-mäßig anruft. Beispielsweise mal eine angebliche Blindenwerkstatt, dann diverse Krankenprivatversicherungsportale oder auch Energiekostenberatungsfirmen.

Die Print-Visitenkarten sind eh fast alle, und die brauche ich sowieso so gut wie nie. In diesem Neuland sind es auch nur wenige Seiten, auf denen diese Telefonnummern hinterlegt sind. Meistens ist das dort eine Sipgate-Nummer, die ich auch weiterhin für Impressum etc. verwende. Ein paar Leute rufen wir an. Das ist eine gute Gelegenheit, sich mal wieder zu unterhalten. Bei keinen von denen habe ich bis zum Gespräch bisher eine halbe oder gar ganze Stunde in der Warteschlange verbracht.

Endlich werde ich den O2-Support los.

Zumindest für meinen DSL-/Festnetzanschluss. Meine Mobilverträge laufen noch etwas länger. Noch …

Internet auf dem Lande: Tschüss Platzhirsche, hallo Rheinhessen!

AVM-Fritzbox: Besetzt von Lani

Ich bin gespannt. Eben habe ich einen Auftrag für Glasfaser an EWR (früher „Elektrizitätswerk Rheinhessen„) geschickt, zusammen mit dem Kündigungsauftrag an O2 Business.

10 MBit/s down und 1 MBit/s up sind einfach nicht mehr zeitgemäß – weder für mich als freiberuflichen Geschäftskunden noch für unseren Haushalt mit Smart TV, 3 Notebooks, 2 Smartphones, Dropbox, Onedrive, Kindle, NAS, Amazon TV, Plex etc. Und für beides schon mal gar nicht.

AVM-Fritzbox: Besetzt von Lani
AVM-Fritzbox: Besetzt von Lani

Wer auf seiner alten Infrastruktur und Technik beharrt, der wird irgendwann auf ihr sitzen bleiben und von neuer Konkurrenz verdrängt.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Die „Platzhirsche“ Telekom, O2, Vodavone, 1&1 und wie sie alle heißen müssen aufpassen, dass sie die Digitalisierung ihrer Kunden nicht verpassen. EWR, ein lokales rheinhessisches Energieversorgungsunternehmen, hat eine unternehmerische Entscheidung getroffen und in vielen Gemeinden Rheinhessens sein eigenes Glasfasernetz „Herznet“ verlegt. Die „letzte Meile“ erfolgt durch die Anbindung an die Verteilerkästen der Telekom. Und auf Wunsch wird für Unternehmenskunden auch Glasfaser bis ans Haus verlegt.

Ja, ich werde etwa doppelt so viel bei EWR wie bei O2 Business bezahlen. Aber erstens können mir O2, Telekom und Co. überhaupt kein schnelles Internet anbieten, zweitens bezahle ich für „bis zu 16 MBit/s download und bis zu 2,1 MBit/s upload“ und bekomme nur 10 MBit/s download und 1 MBit/s upload vom Verteiler, und drittens bekommt das Geld jetzt die Region (auch wenn EWR zu 50 Prozent RWE gehört).

Ich bin gespannt auf die Umstellung im November. Ich geh’s langsam an und fange mit 50 MBit/s down und 10 MBit/s up an 😉

Ein Artikel, der ein Longread über einen Longread über Longreads werden wollte

Ich schreibe nie mehr Longreads ...

Ich kann schnell schreiben. Ich beherrsche das Zehnfingersystem. Und ich kann damit blind schreiben. Dies und das Stenografieren habe ich in den Siebzigern gelernt, als Computer noch mit Lochkarten gefüttert wurden. Das Stenografieren habe ich schnell verlernt. Mit dem Zehnfingersystem wäre es mir vermutlich genauso gegangen, wenn nicht jemand eine Schreibmaschine an einen Computer gehängt und das eine Tastatur genannt hätte.

Mit dem ersten Absatz habe ich das gemacht, wovon der Longread über Longreads und die Kunst des Schreibens langer Texte abrät: Dass der Autor über sich schreibt. Doch der Longread über Longreads macht so einiges, was mich stört, und so nehme ich mir einige Freiheiten heraus.

Tabus nicht nur für Longreads

Beispielsweise nehme ich mir die Freiheit, mich über so manche Eigenschaften dieses Longread-Über-Longread-Textes (LÜLT) zu mokieren.

Der Text benutzt Fetttext und Unterstreichung zur Hervorhebung von Wörtern und Satzteilen. Ich habe nicht nur das Blind schreiben mit analogen und mechanischen Schreibmaschinen gelernt, sondern ich habe auch „HTML schreiben“ (manche nennen es „HTML Programmieren“) gelernt. Als eine der wichtigen Regeln habe ich gelernt:

1. Benutze nie Unterstreichungen, wo nicht auch ein Link hinterlegt ist!

Natürlich ist das nur relevant, wenn der Benutzer tatsächlich in der Lage ist, versehentlich auf einen nicht existierenden Link zu klicken. Wenn das geringste Scrollen mit dem Zeiger die Seite bereits an ihr Ende schießen lässt, so wie bei dem LÜLT, dann ist das eh egal. Deswegen gilt:

2. Auf keinen Fall mache es dem Benutzer unmöglich, den Text genießen zu können und sich galant durch den Text zu bewegen!

Ich musste den Mercury Reader bemühen, um den Text für mich genießbar zu machen. Beim Genießen (tatsächlich, es gelang mir irgendwie) fragte ich mich jedoch immer wieder: Wer hat denn diesen LÜLT geschrieben? Nicht „was“ sondern „wer“ hat diesen Text geschrieben?

3. Veröffentliche keine Texte anonym, nenne den Namen des Autoren!

Bei diesem LÜLT fehlt jegliche Angabe, wer der Autor ist beziehungsweise wer die Autoren sind. Wenn ich nicht weiß, wer einen Text geschrieben hat, dann kann ich den Text nur schwer einordnen. Hat überhaupt ein Mensch diesen Text geschrieben? Bei so manchen Sätzen und im Fluss des Lesens glaubte ich eher wahrzunehmen, dass entweder ein Übersetzungsprogramm stumpf einen Satz in die deutsche Sprache übertragen hatte, oder ein Robot den Text generiert hatte.

Über welche Leseerfahrung und 1.200 Worte könnte man damals sprechen? Man nahm einen dicken Stapel von Papier und hat die Bücher ausgedruckt, die man im Internet fand – nur so könnten sie überhaupt gelesen werden.

Könnte man damals sprechen? Oder konnte man damals sprechen? Das klingt mir ziemlich nach einer 1:1-Übersetzung aus dem Englischen, bei der „would“ zu „könnte“ wurde.

Jedoch wird ein Typ von Content sich ab einem Punkt selber vermarkten, während anderer Content auf der Stelle tritt.

Einspruch Euer Ehren! „Ein Typ von Content“ versus „anderer Content“? Ginge es da nicht eher um einen „anderen Typ von Content“?

So gibt es viele Stellen, an denen ich mich frage „Was ist in den Autor da nur gefahren?“ und „Wer hat da Korrektur gelesen?“ Und ja, das „da“ und das „ja“ sind überflüssige Füllwörter.

4. Verschwurbele keine Prädikate, vergiss keine Satzteile und achte darauf, dass alles zusammen passt!

Apropos „Korrektur gelesen“. Manchmal frage ich mich, ob im LÜLT ein Satz verschwurbelt ist, oder ob da schlicht niemand, noch nicht einmal Ms. Word, Korrektur gelesen hat. Denn „schlicht“ ist einfach und nicht „schlich“:

Ein weiterer Grund besteht darin, dass ein Longread häufig nicht auf einmal komplett zu lesen ist, schlich seiner Größe wegen.

5. Vergiss nie, nie, nie die Korrekturlesung!

Es sei denn, Du bist ein so verkorkster Schreiberling wie ich. Der kann sich so etwas schlich erlauben.

Ich schreibe nie mehr Longreads ...
Ich schreibe nie mehr Longreads …

Apropos „schlicht“:

Statt hier die Aufmerksamkeit des Lesers hier zehn Mal zu locken […]

Ein solches Wort zwei Mal im selben Satz an unterschiedlichen Stellen einzubringen ist schlicht Nachlässigkeit.

6. Werde nicht nachlässig, bevor nicht der Text das erste Mal veröffentlicht ist!

Apropos „nachlässig“: Wenn ich einen deutschen Text über Longreads lese, dann halte ich es für nachlässig, wenn im Text nur auf entweder englische Quellen oder eigene deutschsprachige Artikel verlinkt wird. Das wirkt zusammen mit den oben angeführten Tabus bei mir so unglaubwürdig.

7. Vergiss keine der bisher genannten Tabus, wenn Du authentisch und glaubhaft wirken willst!

Nein, man braucht nicht schnell schreiben zu können, um Longreads zu schreiben. Man muss aber dafür motiviert sein.

Und deswegen wurde dieser Artikel kein Longread.

Schlaflos und planlos in Berlin #rp17

Blues Brothers - Briefcase Full Of Blues (Plex)

Da bin ich also wieder. Zurück im Schreibenden nach einigen Monaten, weil sich das länger irgendwie nicht ergeben hatte. Und wieder in Berlin zur re:publica, weil sich das länger irgendwie nicht ergeben hatte.

Die re:publica hatte sich nicht irgendwie irgendwie nicht ergeben, sondern ich hatte auch irgendwie auch keine Lust auf eine Klassentreffen-Veranstaltung mit ein paar tausend Teilnehmer. Als ich das letzte Mal da war, da waren es mir schon ein wenig zu viele Leute. Aber es gab auch sehr interessante Leute und sehr interessante Themen.

Ende letzten Jahre hatte ich dann mal wieder überlegt, ob ich zur re:publica fahre. Im Januar kaufte ich mir ein Early Bird Ticket und ein Bahnticket (für 43,50 Euro!), und ich reservierte ein Hotelzimmer. Letzte Woche überkam mich der Veranstaltungsblues: Soll ich wirklich da hin fahren? Mindestens 8.000 Leute und gefühlte 500 Sessions zu gefühlt 1.000 Themen? Na ja, dachte ich mir, das Early Bird Ticket würde ich sicherlich wieder verkaufen können. Aber das Bahnticket für 43,50 Euro? Sooo viel ist das auch nicht. Andererseits bin ich in mancher Beziehung dann doch … geizig? Oder eher bewusst, was Ausgaben angeht?

Jetzt liege ich im Bett in meinem Hotelzimmer im Hotel Sachsenhof, in der Nähe der U-Bahnstation Nollendorfplatz. Nur zwei Stationen weiter ist das Gleisdreieck, und da sind es gefühlt zwei Schritte (okay, ein Schild sagt, es seien 50 Meter) bis zur Station Berlin.

Gestern kam ich mit der Bahn. Natürlich hatte ich das gefühlte normale Bahn-Chaos mit Oberleitungsstörung, Kinder auf dem Gleis und zuletzt Notarzteinsatz in Berlin. Einchecken im Hotel, kurz auspacken (aka Zeugs wenig elegant aber effektiv im Zimmer per Wurf verteilen), zur U-Bahnstation, zur Station Berlin, dort einchecken und ein Bändchen holen. Nein, nicht nur holen. Das Ding musste an mein Handgelenk. Also hatte ich das Ding dann an meinem rechten Handgelenk. Ich hasse Bändchen, wenn ich die dann über Nacht anbehalten soll. Im Innenhof rumgelungert, rumgelaufen und rumgequatscht. Die ersten bekannten und auch ein paar neue Gesichter.

Planlos.

Heute nacht schlief ich richtig mies. Ich habe keine Ahnung, warum. Okay, vielleicht war es das Bändchen der re:publica an meinem rechten Handgelenk. Sowas stört einfach meine Schlaffreiheit. Und ich Dusel hatte vergessen, die Garmin Fenix 3 an meinem linken Handgelenk auszuziehen. Also schlief ich unruhig wie mit Handschellen. Außerdem hatte ich nicht daran gedacht, mein Reisekopfkissen mitzubringen. Oder in der Rezeption nach einem kleineren Kopfkissen zu fragen. Hotelzimmer sind diesbezüglich die Hölle für mich. Überall gibt es diese 80 mal 80 Zentimeter aufgeplusterten Kopfkissen. Mein Kopf knickt ab, ich bekomme schlecht Luft. Insgesamt also mit Handschellen und wie am Galgen. Alles in Allem war ich zwar heute nacht nicht wach, aber ich schlief auch nicht wirklich.

Gegen fünf Uhr wachte ich dann wirklich auf. Da kam ich dann endlich auf die Idee, das Kopfkissen schwungvoll aus dem Bett zu befördern. Ich kann auch ganz ohne Kopfkissen besser schlafen als mit Monsterbegleitung. Ich muss nur dran denken. Außerdem hatte ich vergessen, das Fenster auf Schräg zu stellen. Das holte ich dann nach. Der Dank waren gefühlte Tausende von Vögeln, die im Innenhof den neuen Tag mit ihrem Gesang begrüßten. Ich liebe morgendlichen Vogelgesang. Ich liebe auf dem Land, wisst Ihr? Aber dieser Innenhof, dieser Hall, diese gefühlten 200 db.

Schlaflos.

Jetzt laufen die Blues Brothers mit ihrem Album „Briefcase Full Of Blues“ per Plex. Eine gerippte CD (ja, so alt bin ich), die auf dem Server in unserem Wohnzimmer liegt. Plex holt mir unsere CDs in die Welt, egal wo wir gerade sind. Ja, ich weiß, es gibt jetzt Spotify und so Scheiß. Habe ich auch alles ausprobiert. Mein Amazon Prime, meine diversen Sparteninternetradiosender (beispielsweise Hawaiian Rainbow) mag ich auch. Aber ab und zu liebe ich es, in meiner Albensammlung zu stöbern. Musik, die ich liebe, und die richtig hipp für mich ist. Da klicke und klacke und tippe ich in meinem Browser oder Client oder Smartphone oder wasweißich herum und plötzlich kommt da sowas. Spotify ist gut, aber ich bin besser.

Planlos.

Nachher fahre ich … nein, erst frühstücke ich gemütlich. Wach bin ich ja schon irgendwie. Nachher fahre ich die zwei Stationen zur re:publica und stolpere da rein. Am Samstag stolperte ich ein wenig im Programm der re:publica herum. Ich lud mir sogar zwei Android-Apps mit dem re:publica-Programm auf mein Smartphone und setzte mir Bookmarks auf zwei Web-Apps mit dem Programm der re:publica. Aber bei den gefühlten 500 Sessions und den ganzen Leuten, die endlich wiedersehe oder endlich mal erstsehe oder endlich kennenlerne, wer braucht da noch ein Programm, wenn das beste Programm doch bei Kaffee oder Bier abläuft. Barcamp-Atmosphäre macht sich so langsam in mir breit. Eine gewisse Vorfreude auf die re:publica will ich dann genau jetzt doch nicht verleugnen. Aber ich habe keinen Plan, keine Favoriten für die re:publica. Zur Not schaue ich aufs Programm, was gleich läuft, und entscheide mich spontan.

Oder ich spiele Barcamp-Roulette: Einfach in irgendeinen Raum gehen, und sehen was kommt. Oder im Raum sitzen bleiben und mich von der nächsten Session überraschen lassen, um dann zu bleiben oder nach zehn Minuten zu gehen. Oder mit jemandem ins Quatschen kommen und rausgehen, Kaffee trinken. Oder ein Bierchen (ja, ich weiß, ich bin Rheinhesse, na und?). Ich lass mir doch nicht meine re:publica durch ein Programmraster vorschreiben.

Planlos.

Frank (Shaka!)
Frank (Shaka!)

Ich bin Frank Der Entspannende. Ich zeige Euch das hawaiianische Shaka Zeichen. Ich bin der mit dem Aloha Shirt. Love Out LoudAloha!

Aloha (pronounced [əˈlo.hə]) in the Hawaiian language means affection, peace, compassion, and mercy.

(Aloha. (2017, May 7). In Wikipedia, The Free Encyclopedia. Retrieved 04:37, May 8, 2017)

Und ich bin schlaflos und planlos in Berlin.

Und jetzt gehe ich erst mal duschen. Und dann zum Frühstücken.

Kaffee. Ich brauche Kaffee. Denn ich bin schlaflos und planlos in Berlin. Da hilft nur Kaffee. Oder eine re:publica.

 

 

Denn die Kompliziertheit ist dem Verständlich sein sein Feind

Verständlichkeit (Flesch-Wert)

Ein subjektiv-komplizierter Text, nicht recherchiert, und aus dem Bauch heraus geplappert.

Bei schwierigem und kompliziertem Text kommt es schon mal zu Widersprüchen oder Fehlern. Das erfordert aktives Beschäftigen mit dem Text. Oder das Komplizierte wird einfach nicht verstanden, weil Viele nur einfach verstehen.

Wer etwas nicht versteht, der wird dem Urheber des Komplizierten nicht vertrauen. Wer leicht, sehr leicht oder sogar extrem leicht schreibt, der wird verstanden. Wer verstanden wird, und wer einfache Lösungen postuliert, dem wird vertraut. Denn wenn das Postulierte nicht eintritt, dann war es die Schuld von anderen. Denn es ist ja ganz einfach.

Vielleicht ist es also tatsächlich ganz einfach, warum Demagogen und Populisten so schnell und so verbreitet auf dem Vormarsch sind. Nicht nur das Vertrauen in argumentative, begründete und ausgewogene Texte und sonstige Inhalte sinkt nach meinem Eindruck. Auch das Vertrauen in Menschen, die derart schreiben und reden, sinkt.

Machen wir uns nichts vor: Ein Großteil der Bevölkerung in den „entwickelten Ländern“ wie USA oder Deutschland versteht nur leicht verständlichen Text. Viele Politiker und Experten, die an sich begründet und ausgewogen zu einem Urteil kommen mögen, jedoch schwafeln verschachtelte Text (so wie ich jetzt) und halten mehrstündige Reden. Fachwörter, Passivformen und umgekehrter Satzbau sind weitere Nägel auf den Sarg der Verständlichkeit. Meine Lehrer brachten mir in der Schule“SPO“ bei: Subjekt – Prädikat – Objekt. Fertig. Heutzutage ist „OPS“, kombiniert mit Passivformen und verschachtelten Sätzen, Nebensätzen, Einklammerungen und wasweißichallesnichtnoch, in Mode. Hört Euch nur mal die Nachrichten in Fernsehen und Hörfunk mit ihren Passivista (Evangelisten der Passivformen) an.

Und dann lese ich auch noch solche „Konstrukte“:

Denn: Demokratie lebt von Vertrauen: Zum Beispiel dem Vertrauen, dass Politiker nicht vornehmlich ihre eigenen Interessen, sondern die der Bürger vertreten, oder dem Vertrauen darauf, persönlich vorankommen zu können, fair bezahlt zu werden, im Alter abgesichert zu sein – egal ob Mann oder Frau, und natürlich lebt die Demokratie auch nur, wenn Vertrauen in ihre Institutionen, in die Medien und – natürlich – die Wirtschaft besteht und auf der anderen Seite solches Vertrauen nicht durch Lügen, Verschwörungstheorien oder Hass systematisch angegriffen wird.

Zwei Doppelpunkte in einem Satz, drei Stricke, viele Kommas und ein passiv angegriffenes Vertrauen. Ein willkürlich ausgewähltes Lesbarkeitstool wirft einen Flesch-Lesbarkeitsindex aus:

Das ergibt einen Flesch-Wert von 23.

Da braucht mein Hirn schon ein paar Sekundenbruchteile zum Kneten. Und das, obwohl ich grundsätzlich einen Flesch-Wert von weniger als 21 zu ertragen geeignet sein könnte (das musste jetzt sein!)

Ich komme nicht umhin, mir den gesamten Artikel „Onlinekommunikation, Populismus und die Medien – Teil 3: Was PR-Leute tun könnten“ in dem willkürlich ausgewählten Lesbarkeitstool analysieren zu lassen.

Ihr Text besteht aus 137 Sätzen mit 2280 Wörtern, wovon 1024 verschiedene. Sie haben total 4484 Silben benutzt (Endsilben auf -e zählen nicht).

Das ergibt einen Flesch-Wert von 24.

Für die Leseleichtigkeit (erforderliche Bildung für gutes Verständnis) eines allgemeinen deutschen Textes gilt in der Regel:
81  bis  100 extrem leicht (5. Klasse)

71  bis  80 sehr leicht (6. bis 8. Klasse)

61  bis  70 leicht (Abschlussklasse)

41  bis  60 durchschnittlich (Sek, FOS, Berufsschule)

31  bis  40 etwas schwierig (Mittelschule)

21  bis  30 schwierig (Matura, Abitur)

bis  20 sehr schwierig (Hochschulabschluss)

Immerhin: Der erste Artikel der Serie ergibt mit dem willkürlich ausgewählten Lesbarkeitstool einen Flesch-Wert von 37. Doch schon der zweite Artikel sinkt auf einen Wert von 22. Um Thomas Pleil zu lesen, muss einer (oder eine) also mindestens Abiturista sein.

Mir ist klar, dass Texte nicht immer für jeden leicht lesbar sein können oder sogar müssen. Pleils Artikelserie zielt wohl kaum auf Schüler in der fünften Klasse. Doch sein Text war für mich Anlass, über seine acht und eine Ideen zu sinnieren. Bei der zweiten Idee stolpere ich kurz. Doch nein, sie greift nicht ganz das, was mir fehlt. Es fehlt die zehnte Idee.

10. Verständlich kommunizieren

Gerade Kommunikationsprofis (zu denen ich PR-Leute einzuteilen geneigt bin), Politiker und Fachleute stehen in der Verantwortung, verstanden zu werden. Sie sollen nicht nur „Plastikdeutsch“ vermeiden, sondern sie sollen auch gut verständlich kommunizieren. Gerade bei Politikern sehe ich eine Schere:

  • Entweder sie kommunizieren zu einfach, zu reduziert und zu kurz. Wenn dann auch noch alternativ oder nicht faktische Falschheit dazu kommt, entsteht jemand wie Trump.
  • Oder sie kommunizieren zu kompliziert, zu ausufernd und zu lang. Wenn dann auch noch alternativ oder nicht faktische Falschheit dazu kommt, entsteht jemand wie … Castro oder Honecker vielleicht.

Kommunikationsprofis neigen zum Ersten, Fachleute neigen zum Zweiten. Politiker neigen entweder zum Ersten oder zum Zweiten, wobei sie oft weder das Erste noch das Zweite sind.

PR-Leute bzw. Kommunikationsprofis, Politiker und Fachleute sollten gut verständlich und mit ausgewogener Argumentation kommunizieren, um Polarisierung entgegenzuwirken, Vertrauen zu schaffen und damit das öffentliche Klima zu verbessern.

P.S.: Sind Lehrer eigentlich auch Kommunikationsprofis?

P.P.S.: Bis zum „P.S.“ komme ich mit dem willkürlich ausgewählten Lesbarkeitstool immerhin auf einen Flesch-Wert von 42. Und das, obwohl ein Zitat von einem PR-Mann und Kommunikationsprofi enthalten ist.

Wehret den Anfängen: Donald Trump ist ein gefährlicher Demagoge.

Holocaust Denkmal Berlin (22.08.2010)

Heute ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, den der Bundespräsident Roman Herzog 1997 einführte und den die UN 2005 zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärte.

Es war der damalige Bundespräsident Roman Herzog, der 1996 den 27. Januar als Gedenktag in Deutschland einführte, 2005 erklärten auch die Vereinten Nationen den Tag zum Internationalen Gedenktag an die Opfer des Holocausts. Der Tag solle „jeder Gefahr der Wiederholung entgegen wirken“, sagte Herzog damals in seiner Proklamation. 20 Jahre danach ist das nötiger denn je: Gerade erst forderte der Rechtspopulist Björn Höcke, Landeschef der Alternative für Deutschland (AfD) in Thüringen, eine „180 Grad-Wende“ in der Erinnerungskultur – und meinte damit eine Abkehr von der Erinnerung an den Holocaust. Das Holocaust-Denkmal in Berlin bezeichnete Höcke als „Denkmal der Schande“, Rechtsextremismusforscher attestierten Höcke nach seiner Rede im Brauhaus-Keller eindeutige Nähe zu Rechtsextremisten wie der NPD.

(27. Januar: Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus – „Worte wie Gift und Drogen“ (Mainz&), siehe auch: 27. Januar: Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus (Bundeszentrale für politische Bildung))

Holocaust Denkmal Berlin (22.08.2010)
Holocaust Denkmal Berlin (22.08.2010)

Das Holocaust-Denkmal in Berlin ist in der Tat ein „Denkmal der Schande“. Es ist ein Denkmal der Schande Deutschlands und der Deutschen, die den Holocaust zuließen, mithalfen oder ihn sogar durchführten oder planten. Ein Denkmal der Schande von Deutschen, die nach dem 2. Weltkrieg von nichts mehr wussten und sogar in BRD und DDR trotz ihrer Nazivergangenheit in verantwortlichen Positionen saßen. Es ist ein Denkmal der Schande Deutschlands, in dem sich Demagogen an die Spitze eines Staates setzen und dort hielten. Es ist ein Denkmal der Schande Deutschlands, in dem viele Deutsche sich bereitwillig durch eine Clique von Demagogen verführen ließen, ihnen folgten und ihre abscheulichsten Fantasien auslebten.

Demagogie (griechisch δῆμος, dēmos, „Volk“, und ἄγειν, agein, „führen“; auch: Volksverführung) ist im abwertenden Sinn ideologische Hetze, besonders im politischen Bereich.

[…]

Demagogie wird heute unter anderem so definiert:

„Demagogie betreibt, wer bei günstiger Gelegenheit öffentlich für ein politisches Ziel wirbt, indem er der Masse schmeichelt, an ihre Gefühle, Instinkte und Vorurteile appelliert, ferner sich der Hetze und Lüge schuldig macht, Wahres übertrieben oder grob vereinfacht darstellt, die Sache, die er durchsetzen will, für die Sache aller Gutgesinnten ausgibt, und die Art und Weise, wie er sie durchsetzt oder durchzusetzen vorschlägt, als die einzig mögliche hinstellt.“

– Martin Morlock 19771

(Seite „Demagogie“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 9. November 2016, 13:30 UTC. (Abgerufen: 27. Januar 2017, 06:10 UTC))

Hitler war ein Demagoge, Goebbels war (s)ein Demagoge, Stalin war ein Demagoge. Ich halte Erdoğan für einen Demagogen. Und ich halte Höcke für einen Demagogen. Immer wieder übertritt er die Grenzen der Moral und des Geschmacks ein Stück weiter. Seine Partei, die AfD, beschwichtigt oder ignoriert seine Ausfälle – und hinter der Hand nicken wahrscheinlich viele wie Gauland zustimmend. „Das wird man doch noch sagen dürfen“ höre ich da immer wieder heraus. Nein, darf man nicht. Höcke ist ein leider gelungenes Beispiel, wofür ein „Denkmal der Schande“ wirklich steht: Für Demagogen, und für die ihnen Folgenden.

Die KZ-Gedenkstätte Buchenwald erklärt Höcke für „nicht willkommen“. Das ist gut. Doch er sollte nicht nur unwillkommen sein, er sollte an keiner solchen Gedenkveranstaltung teilnehmen dürfen. Höcke ist beides recht. Nimmt er teil, feiert er seinen Triumph. Wird er ausgeschlossen, findet er sich als „Verfolgter“ bestätigt, drückt auf die Tränendrüsen und jammert über sein Schicksal. Bei der nächsten Gelegenheit wird er es noch weiter treiben. Dann also wenigstens klare Kante zeigen und ihn ausschließen.

KZ-Gedenkstätte Dachau - Nie wieder.
KZ-Gedenkstätte Dachau – Nie wieder.

Ein anderes „Denkmal der Schande“ ist das KZ Dachau. Das erste Mal war ich dort während meiner Zeit an der Offizierschule der Luftwaffe im wenige Kilometer entfernten Fürstenfeldbruck. Wir gingen dort hin als Bestandteil unseres Offizierlehrgangs. Wir waren jung und immer zu Scherzen aufgelegt. Doch als wir dort ankamen waren wir alle ruhig, sehr ruhig. Dieses bedrückende Gefühl, das ich damals erfuhr, hat mich bei jedem Besuch einer solchen Gedenkstätte wieder erfasst.

Das Gelände lag ungefähr 20 Kilometer nordwestlich von München. Zunächst diente das Lager der Inhaftierung von politischen Gegnern des Nationalsozialismus. Heinrich Himmler, 1933 Reichsführer SS und Münchener Polizeipräsident, ließ es östlich der Stadt Dachau auf dem Gelände einer ehemaligen Munitionsfabrik errichten. Es diente – vor allem in seinen Anfangsjahren, als die NSDAP ihre Macht festigen wollte – zur Inhaftierung und zur Abschreckung politisch Andersdenkender.

(Seite „KZ Dachau“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 19. Januar 2017, 13:34 UTC. (Abgerufen: 27. Januar 2017, 10:09 UTC))

Dachau, Buchenwald und viele weitere „Denkmale der Schande“ zeigen, wozu Beschwichtigung, Abwiegelung und Abwarten führen kann. Erst wird nur ein Schild gehoben („Kauft nicht bei Juden“). Wenn es keinen Widerstand gibt, dann wird schon mal geschlagen. Später gibt es Pogrome, irgendwann werden Menschen gefoltert und umgebracht.

Gefoltert wird grundsätzlich, wer nicht für die Demagogen ist. Es gibt keine Regel außer dieser:

Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich. Und wer gegen mich ist, der spürt meine harte Hand.

Mich, mich, mich! Nie geht es gefährlichen Demagogen um andere oder um irgendeine „Sache“ wie „das Volk“ oder „die Nation“. Es geht ihnen immer um sich selbst, um ihre Macht, um ihr Ego. Gleichgesinnte werden geduldet (und gerne intern heimlich oder nicht bekämpft), weil der Zweck die Mittel heiligt. Auch das Brechen von Regeln durch Gleichgesinnte wird geduldet, bis sich eine Chance ergibt, das gegen die Kumpane auszunutzen. Regeln gelten nur für die anderen. Mauern sind erlaubt. Folter ist erlaubt. Privatsphäre gibt es nicht. Regeln und Verträge werden gebrochen.

Staaten und Politiker beherrschen das Beschwichtigen. Aus vermeintlicher Taktik wird geduldet, beschwichtigt, abgewartet. Doch gefährliche Demagogen sehen sich dadurch bestätigt und angefeuert. Ein historisches Beispiel ist die Appeasement-Politik von Neville Chamberlain und französischen Politikern, die immer wieder beschwichtigten, nachgaben, weggaben. „Hitler will das Sudetenland? … aber wenn er es nicht bekommt, dann wird er vielleicht wütend. Wer weiß, was er dann macht!“ Hitler bekam das Sudetenland. Danach holte sich Hitler die Rest-Tschechei, immer mehr. Immer weiter, immer mehr. Wenn gefährliche Demagogen keinen ernsthaften Widerstand erfahren, dann schwadronieren sie nicht nur weiter im Hinterzimmer sondern sie verführen und führen immer weiter. Sich selbst und ihre Clique erhöhen sie, um andere zu erniedrigen oder gar zu foltern.

Donald Trump schmeichelt der Masse. Er appelliert an ihre Gefühle, Instinkte und Vorurteile. Er macht sich der Hetze und der Lüge schuldigt. Er übertreibt Wahres oder stellt Wahres grob vereinfacht dar. Er gibt die Sachen, die er durchsetzen will, für die Sache aller Gutgesinnten aus. Die Art und Weise, wie er seine Sachen durchsetzt oder durchzusetzen vorschlägt, stellt er als die einzig mögliche hin.

KZ-Gedenkstätte Dachau - Wachturm und Zaun.
KZ-Gedenkstätte Dachau – Wachturm und Zaun.

Trump lügt. Trump wird Zäune und Mauern bauern – aus Beton und in den Köpfen. Trump wird die Folter für die USA wieder einführen. Donald Trump ist Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Lacht nicht über ihn.

Trump ist ein gefährlicher Demagoge.

Zuerst ignorierten sie Trump, dann lachten sie über ihn, dann bekämpften sie ihn und dann gewann er. Doch kein Sieg ist für immer.

Solange Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist, werde ich nicht in die USA reisen.

P.S. Es braucht klare Worte wie die von Norbert Röttgen, Vorsitzender Auswärtiger Ausschuss des Bundestages. Es ist ein Anfang.

Der CDU-Politiker Röttgen wird in die USA reisen, um politische Allianzen gegen Trumps Politik zu schmieden.

Nachtrag (27.01.2016):

Auf dem Gelände der Gedenkstätte Buchenwald ist der Opfer des Nationalsozialismus gedacht worden. Die Gedenkstätten-Stiftung hat AfD-Mann Björn Höcke für die Zeit der Gedenkveranstaltung Hausverbot erteilt, sein Wagen wurde wieder weggeschickt.

(MDR Thüringen: Hausverbot für Höcke – Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus in Buchenwald, Hervorhebung von mir)


  1. Martin Morlock: Hohe Schule der Verführung. Ein Handbuch der Demagogie. Econ Verlag, Wien/Düsseldorf 1977, ISBN 3-430-16823-6, S. 24. 

#TerrorIhrUrteil: Das Grundgesetz, unsere codifizierte Moral

Terror - Ihr Urteil (Bildquelle: Das Erste)

Am Montagabend sah ich im Ersten die Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von Ferdinand von Schirach. Es ging um falsche Entscheidungen, die richtig sein können.

Vor einem fiktiven Berliner Schwurgericht steht der Abschuss eines Passagierflugzeugs durch den Luftwaffen-Major Lars Koch kurz vor München zur Verhandlung. Ein Terrorist entführte ein Passagierflugzeug mit 164 Menschen an Bord auf dem Flug von Berlin nach München.

(Seite „Terror – Ihr Urteil“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. Oktober 2016, 10:24 UTC. (Abgerufen: 18. Oktober 2016, 11:22 UTC))

Im Laufe des etwa einstündigen Flugs der entführten Passagiermaschine kristallisierte sich heraus, dass der Terrorist beabsichtigte, das Flugzeug in die vollbesetzte Allianz-Arena abstürzen zu lassen.

Christian Henne fragt „Darf ein TV-Publikum urteilen über die Schuld eines Menschen, der im Terrorfall Menschen opfert, um Menschen
zu helfen?
“ Es geht Henne nicht darum, dass eine öffentliche Abstimmung eine richterliche Entscheidung treffen soll. Er beurteilt das TV-Event danach, ob und wie Menschen dadurch ihre Meinung äußern können, und ob ein solches Event einen Beitrag zum Einstieg in Debatten, zur Diskussion und zur Meinungsbildung leisten kann.

Das TV-Event „Terror – Ihr Urteil“ hat hierfür einen ganz wertvollen Beitrag geleistet.

Einverstanden, Christian. Ich wünschte mir nur, dass Debatten und Diskurse „vernünftig“ und offen geführt werden sollten. Das ist (ja, eine Verallgemeinerung) heutzutage immer weniger der Fall. Da werden selten Meinungen und Ansichten ausgetauscht sondern oft Hasstiraden losgelassen und die Meinung des jeweils anderen als Abscheulichkeit und Unmöglichkeit abgetan – und oft genug auch der jeweils andere.

Nach der Ausstrahlung des Films ging es weiter mit „Hart aber Fair“, einer Abstimmung per Telefon und Internet über das Urteil und einer Diskussion. Und da bemerkte ich etwas, was mich erschreckte. Der von mir sehr geschätzte Rechtsanwalt und ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum skandierte geradezu seine Meinung als absolute Wahrheit. Kein Abwägen, kein Diskutieren. Nein, es gab das Urteil eines Verfassungsgerichts (wobei das Urteil einen ganz anderen Gegenstand hatte), und es gibt das Grundgesetz mit seiner Ewigkeitsgarantie für „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Basta!

Ich schwöre, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.

Das Grundgesetz ist der oberste Code, der Meta-Code, für unsere Gesellschaft, für die ich einen Eid leistete wie der angeklagte Jet-Pilot. Aber: Es ist die Niederschrift unseres moralischen Codes. Im Film und der Diskussion kam es so herüber, als ob es entweder das Grundgesetz als Prinzip oder eine Moral gäbe. Das wäre schlimm. Doch das Grundgesetz ist wie alle Gesetze ein Ausdruck, ein Artefakt, unserer Kultur und unserer Moral (die ein Teil unserer Kultur ist). Und Kulturen verändern sich. Und so, wie sich Kulturen verändern, werden die Gesetze der Kultur und der Moral einer Gesellschaft angepasst.

Wenn dies nicht geschieht, driften das gelebte Leben und das recht-gesprochene Leben (und damit das Volk und die Herrschenden) auseinander. Für mich ist es in höchstem Maße erstaunlich, wie lange das Grundgesetz nahezu unverändert seit 1949 Bestand hat. Schaue ich mir die letzten Jahrhunderte an, dann sind fast 70 Jahre eine verdammt lange Zeit. Sicherlich gab es kleinere Anpassungen, doch im Grunde ist das Grundgesetz so, wie über es vor fast sieben Jahrzehnten abgestimmt wurde. Zuvor gab es im 20. Jahrhundert in Deutschland drei Zeiten mit gravierenden Änderungen der Kultur und Moral und dadurch der Verfassung beziehungsweise des Grundgesetztes (1918, 1933, 1945 bzw. 1949)

Einschub: Im Übrigen mache ich mir auch Gedanken über die Tatsache, dass Bayern damals das einzige Bundesland war, das gegen das Grundgesetz stimmte. Und dass ein Herr Seehofer und ein Herr Söder und manch andere bayerische Politiker auf mich immer mal wieder den Eindruck vermitteln, sie hätten ihre eigene Version des Grundgesetzes. Und ob das etwas über das Grundgesetzverständnis im Freistaat Bayern aussagt.

Viele neigen dann auch noch dazu, irgendwelche Aussagen oder Urteile pauschal zu vereinnahmen. So, wie Baum meint, mit seinem erstrittenen Urteil wäre alles gesagt, so meinen manche Kommentatoren, die Mehrheit habe gegen das Grundgesetz gestimmt (T-Online, Hervorhebung von mir):

Es ist ein Dilemma: Darf ein Bundeswehrpilot ein entführtes Flugzeug abschießen, 164 Menschen töten, um 70.000 in einem Fußballstadion zu retten? Nein, hat das Bundesverfassungsgericht 2006 geurteilt. Ein Abschuss mache die Menschen in der Maschine „zum Objekt nicht nur der Täter“.

Diese Aussage ist falsch. Bereits im Film erläuterte der Verteidiger, dass es bei dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts gar nicht darum ging, ob ein Soldat ein Flugzeug abschießen darf oder nicht. Das Bundesverfassungsgericht hat darüber geurteilt, ob die Abschussermächtigung im Luftsicherheitsgesetz rechtmäßig ist, und hat dies verneint („Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts„).

Auch ging es nie darum, das Leben von Wenigen gegen das Leben von Vielen abzuwägen. Es ging im Film darum, ob 164 Menschen sterben, oder ob 70.164 Menschen sterben. Wie soll sich dann beispielsweise jemand der Siebzigtausend verhalten oder besser „nicht verhalten“? Soll einer der Siebzigtausend, der (okay, sehr hypothetisch, aber vielleicht zur Sicherung eingesetzt?) zufälligerweise eine tragbare Flugabwehrrakete dabei hat, diese wieder wegpacken und darauf warten, dass das Flugzeug ihn tötet? Oder sollte er das Flugzeug vorher abschießen dürfen?

Das hat nichts mit der Abwägung von Leben zu tun, das ist eine persönliche Entscheidung über das eigene Leben. Das hat noch nicht einmal etwas mit „übergesetzlichem Notstand“ zu tun, mit dem der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung argumentierte. Da geht es um Notwehr. Und ein Dritter ist befugt, für den Gefährdeten in Notwehr zu handeln. Das ist dann Nothilfe.

Es würden Unbeteiligte sterben, früher anstatt später. Und hier geht es dann tagsächlich um ein Abwägen. Da geht es um ein Abwägen der Verhältnismäßigkeit. Diese Abwägung muss jeder treffen, der in Notwehr oder in Nothilfe handelt. Im Einzelfall innerhalb weniger Minuten oder sogar weniger Sekundenbruchteile. Das fordern Moral und Gesetze unser Kultur. Und weil in unserer Gesellschaft der Staat das Gewaltmonopol hat, fordert das unsere Gesellschaft von jedem, der in hoheitlicher Ausübung unmittelbaren Zwang anwendet. So wie ich mich daran halten musste, als ich als Bundeswehroffizier und Offizier vom Wachdienst handelte.

Ich persönlich glaube, dass der Abschuss eines Verkehrsflugzeugs in einer solchen wie im Film geschilderten Situation richtig ist. Hätte ich als Feuerleitoffizier und Kampfbesatzungsführer meiner Flugabwehrraketeneinheit den Befehl zum Abschuss eines zivilen Flugzeuges in so einer Situation erhalten, dann hätte ich das für richtig gehalten (soweit ich das 30 Jahre später beurteilen kann). Hätte ich den Befehl bekommen, das Flugzeug nicht abzuschießen, dann hätte ich das für falsch gehalten.

Aber ich war Offizier und damit an die Befehle gebunden (solange die Befehle nicht gegen Gesetze verstießen, ansonsten wäre es meine Pflicht gewesen, den Gehorsam zu verweigern). Im Zweifel hätte ich mich persönlich entscheiden müssen zwischen dem, was ich für richtig erachte, und dem, was ich für falsch erachte, das aber dem Befehl und den Gesetzen entspricht. Und das in Berücksichtigung, ob und wie ich gegen Befehle oder unrechtmäßige Befehle verstoße. Und das im Bewusstsein, welche Konsequenzen das für mich haben würde. So, wie sich Luftwaffen-Major Lars Koch für das entschied, was er für richtig erachtete, und er sich damit gegen das Gesetz entschied (obwohl er im Gerichtsverfahren dann freigesprochen wurde).

Doch wie ich mich in der konkreten Situation tatsächlich entschieden haben würde, das kann ich beim besten Willen nicht sagen. Solche Entscheidungen sind Einzelfallentscheidungen unter Berücksichtigung von prinzipiellen Bedingungen wie der Moral, der Kultur und der Gesetze einer Gesellschaft.

Das ist meine Sicht. Doch ich weiß, dass andere Personen andere Sichtweisen und Standpunkte haben. Ich respektiere dies und setze mich mit den Argumenten der anderen auseinander, wenn wir in einen Dialog, einen Diskurs oder eine Debatte eintreten. Und das gleiche erwarte ich auch von anderen. Es ist gut, wenn es Anlässe gibt, die das wieder ermöglichen und verdeutlichen. Deswegen und dafür hat das TV-Event „Terror – Ihr Urteil“ einen wertvollen Beitrag geleistet.

Captain James Kirk sagte einmal zu mir (sinngemäß):

Sie haben eine falsche Entscheidung in einer konkreten Situation getroffen und das falsche Flugzeug abgeschossen. Aber Sie haben alles Wichtige in Ihre Entscheidung einbezogen, rational Ihre Entscheidung hergeleitet und mir Ihre Entscheidung nachvollziehbar und gut begründet.
Sie haben die falsche Entscheidung getroffen, aber sie war folgerichtig. Deswegen lasse ich Sie nicht durchfallen.

Ein anderer Offizier hätte mich möglicherweise durchfallen lassen, wenn er die Regeln, meine Überlegungen und mein Handeln abgewogen hätte. Ein anderer Richter würde einen Luftwaffen-Major Koch verurteilen. So wurde Koch vom Richter (d.h. mehrheitlich von den abstimmenden Zuschauern) freigesprochen.

Und ja: Diesen Captain James Kirk gab es wirklich. Es war allerdings kein echtes Flugzeug, das ich abschoss, sondern ein elektronisch simuliertes. Cpt. James Kirk war in zwei Jahren der Leiter des „TAC EVAL“-Teams, das die Einsatzbereitschaft unserer Einheit überprüfte („Tactical Evaluation„). Als Trekkie dachte ich zunächst an einen Scherz, als er sich uns vorstellte 😉

Links zur Sendung:

Bildquelle: Intern… ähm, Das Erste

Always Look on the Bright Side of Life

Im Wilmshof: Always Look on the Bright Side of Life

Kennt Ihr das? Ihr hört ein Musikstück, und dann will Euch diese Miststück nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ständig schreckt Ihr auf und merkt, dass Ihr die Melodie vor Euch hinsummt oder sogar den Text leise mitsingt?

(Aber doch so leise, dass kein vernünftiges Lebewesen Eure Torheit mitbekommt.)

Nun, vielleicht bin ich auch einfach nur alleine mit dieser Torheit. Ach was, Torheit? Für mich ist das manchmal ein Stubser, um nachdenklich zu werden.

Jedenfalls waren die allerbeste aller Ehefrauen und ich am Sonntag im Weingut Wilmshof in Selzen auf dem Hoffest. Wir ließen es uns mit ein paar Leuten bei Wein und lokalen Speisen gut gehen. Nicht weit von uns saßen Patricia Lösch und Alex Spröer auf der kleinen Bühne und musizierten auf ihren Gitarren so alles mögliche an Songs aus den letzten 50 Jahren herunter.

Zwölf Saiten, zwei beeindruckend variable Stimmen und ein Programm mit Coversongs von gestern und heute, das wie für die beiden gemacht scheint.

(About a Band)

Und irgendwann war dieser Ohrwurm dran, der mir seitdem nicht aus dem Kopf geht. Die ganze Woche über ploppte er in meinem Gehörgang hoch. Auch eben, als ich für eine Stunde leichtes Lauftraining absolvierte, dudelte der Ohrwurm fröhlich vor sich hin. Und irgendwann merkte ich, dass ich ihn mitsummte und in Gedanken versuchte, außer dem Titel noch den ganzen Text zusammen zu bekommen. Was natürlich nicht funktionierte.

Der Ohrwurm ist Always Look on the Bright Side of Life aus Monty Python’s Life of Brian.

Irgendwie entsprach es am Sonntag meiner Laune. Nein, nichts Besonderes ist passiert. Aber warum muss etwas passieren, damit man positiv denkt? Egal, ob oder ob nicht:

I mean, what have you got to lose?
you know, you come from nothing
you’re going back to nothing
what have you lost? Nothing!

Always look on the bright side of life

(Text auf Google Play)

Damit Ihr dabei mitsingen könnt:

(Direktlink zu Youtube)

So, es tut mir überhaupt nicht leid. Jetzt müsst Ihr eben auch mit dem Ohrwurm zurechtkommen 😉

Come on guys, cheer up!

Das Star Trek Universum stirbt!

Star Trek Beyond (Trailer-Screenshot)

Seit CBS und Paramount Ende letzten Jahres ein Gerichtsverfahren gegen die Fanfilm-Produktion Axanar (Google Suche) starteten, geht die Angst um bei vielen „Star Trek Fan“-Produktionen und bei Fans.

CBS hat die Fernsehrechte für Star Trek, und Paramount hat die Filmrechte für Star Trek. Jahrzehntelang duldeten CBS und Paramount die Fanproduktionen. Eine unausgesprochene Regel, auch aufgrund von inoffiziellen Quellen bei CBS und Paramount, lautete:

Solange Ihr keinen Profit macht, dulden wir Euch.

In den letzten Jahren stiegen Qualität und Anzahl der Fanproduktionen sowohl von Serien als auch von Filmen stetig an, nicht zuletzt aufgrund der technischen Entwicklung. Ein Meilenstein war der zwanzigminütige „Vorfilm“ Prelude to Axanar. Er sorgte für die Anschubfinanzierung auf Kickstarter. 100.000 Dollar, das Herzblut von vielen Star Trek Fans und von Leuten, die in der Film- und/oder „Star Trek“-Branche bereits gearbeitet hatten (darunter auch bekannte Schauspieler), sorgten für eine fulminante Dokumentation des vierjährigen Kriegs, der vor der Zeit der Originalserie stattfand und der nachfolgend mit Axanar verfilmt werden soll. Die „Schlacht von Axanar“ wird in der Original Serie („Raumschiff Enterprise“ in Deutschland) lediglich kurz erwähnt, aber die Verfilmung soll den kompletten Krieg zwischen Föderation und Klingonen aufzeigen – inklusive der Endschlacht von Axanar.

Fanfilme starten durch

Die Kickstarter-Kampagne für Axanar sammelte anstelle der anvisierten 100.000 Dollar insgesamt über 600.000 Dollar ein. Axanar war und ist ein herausragendes Beispiel für viele „Star Trek“-Fanproduktionen. Alle wurden qualitativ besser. Viele wurden so lang wie ein Spielfilm. Und manche wie „Star Trek Continues“ (Facebook) entwickelten sich zu kontinuierlichen, hochqualitativen Web-Serien:

Starring Vic Mignogna, Todd Haberkorn, Chuck Huber, Chris Doohan, Grant Imahara, Kim Stinger, Wyatt Lenhart and Michele Specht

Die Fanproduzenten von Axanar, die das Projekt vorantrieben, hatten Axanar Productions gegründet, um die steigenden Aufwände besser zu koordinieren, und auch um angeschaffte oder angemietete Ressourcen wie die Filmhalle unterzuvermieten,
um das Geld wieder in die Produktion fließen zu lassen. Die Schauspieler arbeiten für wenig Geld, viel weniger als sie für eine professionelle Produktion erhielten. Der „Kopf“ dahinter ist Alec Peters, der selbst seit Jahrzehnten Star Trek Fan ist und bei Filmproduktionen mitarbeitete. Manche stören sich daran, dass er und ein paar wenige Andere eine Aufwandsvergütung bekamen. Ich nicht. Soweit ich mich erinnere, erhielt Peters 2015 eine Aufwandsvergütung von etwa 20.000 oder 30.000 Dollar, während er Vollzeit für das Projekt arbeitete.

Axanar ist ein Symptom und nicht die Wurzel. Alle Fanfilme und -serien wurden besser und aufwändiger.

CBS und Paramount drehen durch

Doch gerade angesichts des Erfolgs von Axanar und dem 50-Jahre-Jubiläum von Star Trek sowie „Star Trek Beyond“ und dem Start einer kommenden neuen „Star Trek“-Serie von CBS traten CBS und Paramount mehr als kräftig auf die Bremse und verklagten Axanar Productions. Zwischenzeitlich sah es so aus, als ob J.J. Abrams (Regisseur u.a. von „Star Trek“ (2009) und „Star Trek Into Darkness“ (2012)) und Justin Lin (Regisseur u.a. von „Star Trek Beyond“ (2016)) CBS und Paramount von ihrer Klage hätten abbringen können („JJ Abrams Announces that Paramount to Drop Lawsuit!„). Doch das Verfahren geht weiter, und der Beginn des Gerichtsverfahren ist am 31. Januar 2017 („Axanar Productions’ Motion to Dismiss Denied„).

Im Juni veröffentlichten CBS und Paramount auf der Star Trek Website Star Trek Fan Film Guidelines, welche letztendlich fast alle Fanproduktionen zum Erliegen bringen dürften. Neben berechtigten Einschränkungen aus Markensicht gibt es nämlich insbesondere diese Punkte, die dafür sorgen werden:

  • Eine Fanproduktion darf nur kürzer als 15 Minuten sein für eine Story, oder insgesamt 30 Minuten für zwei Teile.
  • Keine weiteren Fortsetzungen, Episoden, Remakes.
  • Der Inhalt der Produktion darf keine Wiederholung oder Adaption einer „Star Trek“-Produktion oder eines -Clips sein.
  • Wenn eine Fanproduktion Uniformen oder Zubehöre verwendet, die kommerziell verfügbar sind, dann müssen sie auch offiziell gekauft werden und dürfen sie nicht selbst hergestellt (beispielsweise geschneidert) werden.
  • Alle Beteiligten müssen Amateure sein.
  • Die Beteiligten dürfen keine Entschädigung für ihre Teilnahme erhalten.
  • Keiner der Beiteiligten darf früher oder gegenwärtig ein Beschäftigter, Angestellter oder Beauftragter („currently or previously employed„) irgendeiner Star Trek Produktion sein.
  • Die Finanzierung darf 50.000 Dollar nicht überschreiten (z.B. Kickstarter, Indiegogo, Spende).
  • Für das Betrachten der Fanproduktion darf kein Geld bezahlt werden.
  • Die Fanproduktion darf nicht physisch verteilt werden (z.B. DVD, Blue Ray).

Diese von CBS und Paramount so gepriesenen Fan Film Guidelines brechen den Fanproduktionen das Genick. Nie dürften Schauspieler wie Tim Russ (Comander Tuvok), Nichelle Nicols (Nyota Uhura) oder Walter Koenig (Pavel Chekov) eine Rolle spielen, noch nicht einmal in einem kurzen Chameo-Auftritt. Auch ein Schauspieler, der noch nie etwas mit Star Trek zu tun hatte, dürfte – weil er Profi ist – nicht mitmachen. Ein professioneller Komponist, der beispielsweise den Score für Horror-Filme oder Thriller schreibt, aber noch nie mit Star Trek zu tun hatte, dürfte nicht mitmachen. Jemand, der an 10 Drehtagen als Komparse mitmacht, dürfte noch nicht einmal 50 Dollar als Entschädigung bekommen.

Die Folgen

Die Zukunft der Fanproduktionen ist ungewiss. Laufende Produktionen dürfen fertig gestellt werden. Viele überlegen noch, wie es dann weitergeht. Viele werden eingestellt. Manche wollen versuchen, ihren nächsten Film unter Berücksichtigung der Fan Film Guidelines zu erstellen. Doch viele Fanproduktionen werden eingestellt.

Das Star Trek Universum stirbt (Star Trek New Voyages)
Das Star Trek Universum stirbt (Website von Star Trek New Voyages)

Einer der großen Fans, James Cawley, hat jahrelang Fortsetzungen der Originalserie mit eigener Handlung produziert und dazu ein eigenes Filmset kreiert. Aus der Serie „Star Trek New Voyages“ wurde plötzlich Star Trek Original Series Set Tour – lizensiert von CBS und Paramount. Die Serie selbst ist eingestellt. Die Website von Star Trek New Voyages zeigt seit einiger Zeit eine Meldung, die mit ihrem schwarzen Hintergrund das Ende der Fanproduktion symbolisiert.

Noch stellt Star Trek Continues die aktuell produzierte Episode 7 fertig. Viele Schauspieler der Originalserie wie Michael Forest als Apollo hatten in der Serie Gast- oder sogar Hauptrollen. Die Rolle des Ingenieurs „Scotty“ spielt interessanter Chris Doohan, der Sohn des Schauspielers James Doohan aus der Originalserie. Doch die Zukunft der Serie ist ungewiss.

(Direktlink Star Trek Continues E06 “Come Not Between the Dragons”)

Eine gute Übersicht zu Fanproduktionen, Axanar und die Klage bietet dieses 11-minütiges Video (kompletter Text auf Reason.com).

Das Star Trek Universum stirbt

Es sind die Fanproduktionen, die das ursprüngliche Star Trek Universum hatten weiterleben lassen. Jahrelang, seit Einstellung von „Star Trek: Enterprise“, warteten die Fans auf weitere Folgen – als Film oder als Serie. Bereits mit der Serie Star Trek Enterprise waren viele unzufrieden, weil sie sich gegen Ende von dem Original-Handlungsstrang entfernte. Mit der Produktion von „Star Trek“ (2009) wurde ein ganzes Paralleluniversum eingeführt, in dem es Fakten und Handlungen gab, die dem Originaluniversum widersprachen, und die – aus Sicht des originalen Spock – logisch falsch waren. CBS und Paramount lassen das alte Star Trek Universum sterben, jedes Jahr ein Stück mehr. Und dann wundern sie sich, dass die Star Trek Fans nach Fanproduktionen gierten, welche die Gene-Roddenberry-Welt weiterleben lassen.

Als junger Jugendlicher habe ich den Samstagen entgegengefiebert, an denen es am frühen Abend die Originalserie gab („Star Trek: TOS“ – The Original Series). Ich brauchte etwas, bis ich mich an „Star Trek: TNG“ (The Next Generation) gewöhnte. Auch beim ersten Kinofilm zögerte ich etwas, über ihn zu urteilen. Und dann begann ich ihn zu lieben. So wie alle nachfolgenden Serien und Filme. Zunächst.

Weil ich das Star Trek Universum liebe. Weil es eine positive und nachdenkliche Sichtweise in sich trägt. Ich bewundere die Leute, die viel ihrer Zeit, ihrer Kraft und auch manchmal ihres Lebens in die „Star Trek“-Fanproduktionen einbrachten und (noch) einbringen.

Star Trek Beyond (Trailer-Screenshot)
Star Trek Beyond (Trailer-Screenshot)

CBS und Paramount entschlossen sich für einen neuen Umgang mit Star Trek und jetzt mit Fan-Filmen. Und ich mag überhaupt nicht, dass sie „The Dark Side“ wählten. Die bisherigen neuen „Star Trek“-Filme gefielen mir bei allem grundsätzlichen Unbehagen einigermaßen. Aber auch schon da empfand ich oft, dass es nur um Action, Show und Gags ging. Und dann sah ich die Trailer von „Star Trek Beyond“. Und ich fühlte dabei überhaupt nichts von Star Trek.

Ich sehe (ohne den Film selbst gesehen zu haben) ein Rapid-Action-Science-Fiction-Drama-Irgendwas aus irgendeinem Marvel Universum, in dem die Schauspieler zufällig Uniformen anhaben, die Star Trek Uniformen ähneln. Es fühlt sich einfach nicht mehr nach Star Trek an. Zumindest nicht nach dem Star Trek, das ich liebe. Es ist halt Irgendetwas wie all die anderen Rapid-Action-Irgendwas-Dramas (oder steht Action am Schluss?).

Dieselbe Action, derselbe Plot, dasselbe Nichts.

Technisch sehr, sehr gut gemacht, die Schauspielerleistungen sind sicherlich sehr gut. Vielen, gerade jüngeren Leuten wird dieses Irgendetwas gefallen, aber … es ist nicht mein Star Trek.

Das Star Trek Universum stirbt.

Renegages: The Series

Und während das Star Trek Universium stirbt, während CBS und Paramount ein anderes teures und doch mir nichtssagendes billiges Universum erschaffen, erheben sich die Renegaten in ihrem neuen, eigenen Universum:

Renegades: The Series

Bereits die erste Episode schlug ein. Viele Bekannte Schauspieler waren dabei, viele davon sind wieder bei Episode 2 und 3 dabei.

(Direktlink Trailer, Direktlink komplette Episode 1)

Denn nach dem furiosen Start mit der ersten Episode beginnt Renegades The Series jetzt mit der Postproduktion der Episoden 2 und 3.

The Dirty Dozen goes interstellar in this exciting new ongoing Sci Fi series about a group of rogues, rebels, and outcasts who find themselves faced with the greatest threat the Confederation has ever encountered. With a man known only as the Admiral (Walter Koenig) heading up Confederation Intelligence and Kovok (Tim Russ) a part of the Confederation’s clandestine Black Ops organization, they recruit Captain Lexxa Singh (Adrienne Wilkinson) and her rogue crew to do those missions that no one else can or will do. When the Confederation is threatened and standard protocol won’t work, it is up to this rag-tag group of Renegades to save them all.

(About Renegades)

Renegades: Walter Koenig und Nichelle Nichols (Quelle: Renegades)
Renegades: Walter Koenig und Nichelle Nichols (Quelle: Renegades)

Neben Walter Koenig (bekannt als Pavel Chekov im Original Star Trek Universum), Tim Russ (bekannt als Commander Tuvok in Voyager) und Adrienne Wilkinson (bekannt als Livia/Eve, Tochter von Xena) ist Nichelle Nichols (bekannt als Nyota Uhura im Original Star Trek Universium) dabei. Es wird das letzte Mal sein, dass Koenig und Nichols gemeinsam vor der Kamera stehen. Walter Koenig hat angekündigt, nach Renegades keine weiteren Rollen zu übernehmen.

Weitere Renegades-Schauspieler sind Terry Farrell (bekannt als Jadzia Dax in Deep Space Nine), Robert Beltran (bekannt als Commander Chakotay in Voyager), Gary Graham (bekannt als Detective Matthew Sikes in Alien Nation und als Ambassador Soval), Cirroc Lofton (bekannt als Jake Sisko in Deep Space Nine), Bruce Young (bekannt als Capt. Simon Banks in The Sentinel) und viele weitere!

Moment mal! Widerspricht das nicht den Star Trek Fan Film Guidelines von CBS und Paramount? Absolut. Nicht!

Denn nach der Klage gegen Axanar, dem absehbaren Schwenk von CBS und Paramount und schließlich den Star Trek Fan Film Guidelines verlässt Renegades das Star Trek Universum. Alle Hinweise auf Star Trek werden entfernt, es ist ein eigener Handlungsstrang in einem eigenen Renegades Universum.

So werden beispielsweise alle Rangabzeichen geändert. Aus der Föderation der Planeten wird die Konföderation. Die „Communicator“ bekommen ein ganz anderes Aussehen. Selbst die „vulkanischen Spock-Ohren“ von Tim Russ verschwinden. Im Renegades: The Requiem Teaser 1 sind in diversen Stellen (sicherlich vorläufige) Retuschierungen zu erkennen.

Ich finde es schade, dass Renegades zu diesem Schritt gezwungen wurden. Letztendlich werden alle anderen Fanproduktionen vor der Entscheidung stehen, diesem Schritt zu folgen oder ihre Produktion einzustellen. Denn mit den Fan Film Guidelines gibt es keine „Star Trek“-Fanproduktionen mehr, wie es sie früher einmal gab.

Doch ich freue mich umso mehr auf Renegades: The Series Episode 2 + 3 + …

Fundraising: Renegaten, erhebt Euch!

Damit die Episoden 2 und 3 auch fertig gestellt werden können, beteilige ich mich als Investor.

Ich werde im Gegenzug Zugang zum exklusiven Produktionsblog mit Insidermaterial und -informationen erhalten. Und ich bekomme ein gemeinsames Foto von Walter Koenig und Nichelle Nichols mit ihren Unterschriften (nein, es wird nicht verkäuflich sein).

Auf Indiegogo läuft die Finanzierungskampagne für die Postproduktion von Renegades: The Requiem.

A Sneak Peek of „The Requiem“

For the past few months, we have been in production on both parts of „The Requiem.“ Although we’ve still got a bit more to shoot, we want you to see what we’ve been working on, so we’ve put together this very rough compilation of our shoot for your viewing enjoyment. Here it is… the very first sneak peek of „The Requiem!“

Star Trek legends and accomplished sci-fi producers create an original science fiction series.

Das Finanzierungsziel liegt bei 60.000 Dollar. Heute, am dritten Tag der Indiegogo-Kampagne zur Finanzierung der Postproduktion von Renegades: The Requiem, sind bereits 50.141 Dollar finanziert. Die Kampagne läuft insgesamt einen Monat.

Das Star Trek Universum stirbt – aber die Konföderation lebt! Werde Renegat!

Go funding:

Renegades: The Requiem, post-production

Titelbildquelle: Star Trek Beyond Trailer #3 (2016) – Featuring „Sledgehammer“ by Rihanna – Paramount Pictures1


  1. Jetzt hoffe ich nur, dass ich für das Titelbild keine Abmahnung von Paramount bekomme.