„Die Rende ist sischer“ (SR 45)

Wohin die Reise die alten Menschen zur Rente führt, weiß ich nicht. Ich werde bald einer von ihnen sein, und ich weiß es auch nicht. In 15 Jahren werde ich etwas schlauer sein.

Sehr gut kann ich mich noch an den Spruch von “Nobbi” Norbert Blüm erinnern. In seinem hessischen Akzent betonte er in einer ganzen Kampagne, dass die Rente sicher sei. Ich habe es selbst erlebt, damals in den Achtzigern. Vielleicht war der hessische Akzent auch nur der von politischen Kabarettisten. Dabei war damals schon der demographische Wandel absehbar. Nun, so richtig wusste ich das damals nicht. Durchschaut habe ich das erst recht schon nicht, das tue ich jetzt auch noch nicht.

Was mir aber schon länger klar ist, ist die grundsätzliche Fragestellung, ob die Rente in Deutschland umlagefinanziert oder kapitalgedeckt sein sollte. Auch Bert Rürup, der “Erfinder” der Rürup-Rente, geht in seinem Artikel auf FAZ.net darauf ein. Und auf vieles Andere, was die Frage der Rente seit den Zeiten Bismarcks betrifft. Ob Rürup jetzt wirklich ein genialer Rentenanalyst und vor allem -politiker ist, weiß ich nicht. Ich glaube jedoch, dass er mit einigem von dem, was er sagt, Recht haben dürfte.

Die Umlagefinanzierung entstand in den Fünfzigern, als eigentlich kein Kapital mehr da war. Das Wirtschaftswunder war noch nicht da, und es war kein Geldtopf mehr da, aus dem man die Rente zahlen konnte. Die Generationen davor hatten der älteren Generation das Alt-Werden ermöglicht, indem es Großfamilien gab. Großeltern wurden in der Großfamilie weiter ernährt. Heutzutage müssten nicht drei sondern oft fünf Generationen in einer Großfamilie leben. Doch das Arbeitsleben lässt so etwas schon lange nicht mehr zu. Familien werden auseinandergerissen, weil der Sohn oder die Tochter einen Job in einer anderen Stadt bekommt. Weil das Studium weit, weit weg ist. Weil der nächste Job noch weiter weg ist. Die Älteren sitzen zu Hause und müssen von der Gesellschaft versorgt werden. Und sie müssen Rente bekommen, weil sie nicht mehr in der Großfamilie mitversorgt werden.

Die umlagefinanzierte Rente hatte ihre Berechtigung, denn sie funktionierte irgendwie viele Jahre lang. Inzwischen ist das anders. Zunächst einmal verkaufen immer noch unsere Regierungen die Vollbeschäftigung als Programm und Ziel, das demnächst irgendwann wieder erreicht werden wird. Vollbeschäftigung, damit sind nur ein paar Millionen Arbeitslose gemeint. Und diese vielen Vollbeschäftigten bezahlen die Rente derjenigen, die über 67 oder 70 oder 63 sind – je nach gerade opportuner oder unbedingt gerade noch durchziehbarer Maßnahme.

Immer weniger Beschäftigte müssen aus ihrem Lohn immer mehr Älteren deren Rente zahlen. Im Zeitalter der Automatisierung und Robotisierung und Globalisierung beschleunigt sich das. Das kann nicht gut gehen. Irgendwann haben das ein paar Leute sogar in den Regierungen soweit zugegeben, dass sie Programme wie die “Riester-Rente” oder die “Rürup-Rente” aufgelegt haben. Die waren gerade noch der Wahl-Bevölkerung verkaufbar. Und gleichzeitig als dynamische Maßnahme von dynamischen, der Bevölkerung nur Gutes wollenden, Politiker verkaufbar.

Wir Wähler wollen aber nicht mehr zahlen. Wir wollen nichts davon hören, dass es so nicht mehr funktioniert. Aber das Umlageverfahren, entstanden als Generationenvertrag vor einigen Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg, funktioniert nicht mehr. Uns jetzigen Wählern aber egal. Diejenigen, die die 40 oder 50 überschritten haben, hoffen es noch irgendwie bis zur Rente mit Beschäftigung zu schaffen und dann irgendwie über die Runden zu kommen. Die jetzt noch jüngeren wollen schon gar nichts davon hören, sie müssten außer den monatlichen Zwangsabgaben zur gesetzlichen Rente auch noch privat vorsorgen.

Habe ich damals auch nicht. Dennoch habe ich irgendwie ein paar Sachen gemacht, die mich hoffen lassen: Wenn ich irgendwann in Rente gehe, dann schaffe ich das vermutlich. Wenn keine Was-Auch-Immer-Krise dazwischen kommt und meine Rente das Papier nicht wert ist, das mir jedes Jahr auf dem Auszug Sicherheit vermitteln soll.

Ich weiß auch keine Lösung. Ich glaube, dass es eine Mischung aus Umlage- und Kapitalfinanzierung geben sollte. Dass jeder auch selbst für sein Alter vorsorgen muss. Dass aber viele das nicht wollen und Politiker, die so etwas sagen, sehr schnell nicht wählen. Weswegen die Politiker ein herrschendes Rentensystem nicht wirklich grundsätzlich anfassen.

Genauso wie das bestehende Wirtschaftssystem, das auf Leistung und Lohn ausgelegt ist. Ein Bedingungsloses Grundeinkommen ist meiner Meinung nach ein Ansatz, den zu verfolgen es sich lohnen könnte. Das lässt sich aber vermutlich nicht durchsetzen. Weder von Wähler- noch von Politikerseite.

Eine Gesellschaft wie die des Star Trek-Universums, in denen die Wirtschaft gänzlich anders funktioniert und die Menschen etwas tun, weil sie es wollen und nicht, weil sie so etwas wie Geld dafür erhalten, ist für mich immer noch Science Fiction, weil ein Wirtschaftsfaktor kein Faktor sondern eine widerwillige Unbekannte ist: Der Mensch, Wähler und kurzfristiger Egoist.

Das richtige Rentensystem ist ein Konjunktiv.

Roulette-Gelesen in 8 Minuten, Roulette-Geschrieben in 23 Minuten.

Roulette-Gelesenes

Lust auf Schreibroulette?

Bildquelle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.