Ich kann schnell schreiben. Ich beherrsche das Zehnfingersystem. Und ich kann damit blind schreiben. Dies und das Stenografieren habe ich in den Siebzigern gelernt, als Computer noch mit Lochkarten gefüttert wurden. Das Stenografieren habe ich schnell verlernt. Mit dem Zehnfingersystem wäre es mir vermutlich genauso gegangen, wenn nicht jemand eine Schreibmaschine an einen Computer gehängt und das eine Tastatur genannt hätte.

Mit dem ersten Absatz habe ich das gemacht, wovon der Longread über Longreads und die Kunst des Schreibens langer Texte abrät: Dass der Autor über sich schreibt. Doch der Longread über Longreads macht so einiges, was mich stört, und so nehme ich mir einige Freiheiten heraus.

Tabus nicht nur für Longreads

Beispielsweise nehme ich mir die Freiheit, mich über so manche Eigenschaften dieses Longread-Über-Longread-Textes (LÜLT) zu mokieren.

Der Text benutzt Fetttext und Unterstreichung zur Hervorhebung von Wörtern und Satzteilen. Ich habe nicht nur das Blind schreiben mit analogen und mechanischen Schreibmaschinen gelernt, sondern ich habe auch „HTML schreiben“ (manche nennen es „HTML Programmieren“) gelernt. Als eine der wichtigen Regeln habe ich gelernt:

1. Benutze nie Unterstreichungen, wo nicht auch ein Link hinterlegt ist!

Natürlich ist das nur relevant, wenn der Benutzer tatsächlich in der Lage ist, versehentlich auf einen nicht existierenden Link zu klicken. Wenn das geringste Scrollen mit dem Zeiger die Seite bereits an ihr Ende schießen lässt, so wie bei dem LÜLT, dann ist das eh egal. Deswegen gilt:

2. Auf keinen Fall mache es dem Benutzer unmöglich, den Text genießen zu können und sich galant durch den Text zu bewegen!

Ich musste den Mercury Reader bemühen, um den Text für mich genießbar zu machen. Beim Genießen (tatsächlich, es gelang mir irgendwie) fragte ich mich jedoch immer wieder: Wer hat denn diesen LÜLT geschrieben? Nicht „was“ sondern „wer“ hat diesen Text geschrieben?

3. Veröffentliche keine Texte anonym, nenne den Namen des Autoren!

Bei diesem LÜLT fehlt jegliche Angabe, wer der Autor ist beziehungsweise wer die Autoren sind. Wenn ich nicht weiß, wer einen Text geschrieben hat, dann kann ich den Text nur schwer einordnen. Hat überhaupt ein Mensch diesen Text geschrieben? Bei so manchen Sätzen und im Fluss des Lesens glaubte ich eher wahrzunehmen, dass entweder ein Übersetzungsprogramm stumpf einen Satz in die deutsche Sprache übertragen hatte, oder ein Robot den Text generiert hatte.

Über welche Leseerfahrung und 1.200 Worte könnte man damals sprechen? Man nahm einen dicken Stapel von Papier und hat die Bücher ausgedruckt, die man im Internet fand – nur so könnten sie überhaupt gelesen werden.

Könnte man damals sprechen? Oder konnte man damals sprechen? Das klingt mir ziemlich nach einer 1:1-Übersetzung aus dem Englischen, bei der „would“ zu „könnte“ wurde.

Jedoch wird ein Typ von Content sich ab einem Punkt selber vermarkten, während anderer Content auf der Stelle tritt.

Einspruch Euer Ehren! „Ein Typ von Content“ versus „anderer Content“? Ginge es da nicht eher um einen „anderen Typ von Content“?

So gibt es viele Stellen, an denen ich mich frage „Was ist in den Autor da nur gefahren?“ und „Wer hat da Korrektur gelesen?“ Und ja, das „da“ und das „ja“ sind überflüssige Füllwörter.

4. Verschwurbele keine Prädikate, vergiss keine Satzteile und achte darauf, dass alles zusammen passt!

Apropos „Korrektur gelesen“. Manchmal frage ich mich, ob im LÜLT ein Satz verschwurbelt ist, oder ob da schlicht niemand, noch nicht einmal Ms. Word, Korrektur gelesen hat. Denn „schlicht“ ist einfach und nicht „schlich“:

Ein weiterer Grund besteht darin, dass ein Longread häufig nicht auf einmal komplett zu lesen ist, schlich seiner Größe wegen.

5. Vergiss nie, nie, nie die Korrekturlesung!

Es sei denn, Du bist ein so verkorkster Schreiberling wie ich. Der kann sich so etwas schlich erlauben.

Ich schreibe nie mehr Longreads ...
Ich schreibe nie mehr Longreads …

Apropos „schlicht“:

Statt hier die Aufmerksamkeit des Lesers hier zehn Mal zu locken […]

Ein solches Wort zwei Mal im selben Satz an unterschiedlichen Stellen einzubringen ist schlicht Nachlässigkeit.

6. Werde nicht nachlässig, bevor nicht der Text das erste Mal veröffentlicht ist!

Apropos „nachlässig“: Wenn ich einen deutschen Text über Longreads lese, dann halte ich es für nachlässig, wenn im Text nur auf entweder englische Quellen oder eigene deutschsprachige Artikel verlinkt wird. Das wirkt zusammen mit den oben angeführten Tabus bei mir so unglaubwürdig.

7. Vergiss keine der bisher genannten Tabus, wenn Du authentisch und glaubhaft wirken willst!

Nein, man braucht nicht schnell schreiben zu können, um Longreads zu schreiben. Man muss aber dafür motiviert sein.

Und deswegen wurde dieser Artikel kein Longread.

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