Schreibroulette 465

Schreiben kann doch gar nicht so schwer sein. Man müsste nur einmal… schreiben.

Übung macht den Meister” sagt man. Auch beim Schreiben soll das so sein. Immer mal wieder stoße ich auf Artikel über produktives Schreiben, die genau das propagieren: Regelmäßig schreiben.

Genau das werde ich tun. Nicht, weil ich jetzt Novellen oder Kurzgeschichten schreiben will, sondern weil es eine Herausforderung für mich ist. 31 Tage lang werde ich jeden Tag mindestens 15 Minuten lang scheiben. Aber was und worüber soll ich schreiben? Ich könnte Anregungen in meinen Lesezeichen suchen, oder ich könnte… ich werde jeden Morgen meinen RSS-Reader aufrufen und den neuesten Artikel (keine Tweets oder Status-Updates) zum Anlass oder sogar Gegenstand meines Schreibens machen.

Es hat etwas von russischem Roulette, da ich nie wissen werde, was auf mich zukommt. Welches Thema, welche Seiten, welche Autoren. Heute wäre es etwas gewesen, was mir zu dem Artikel über künstliches Koma eingefallen wäre. Ich weiß nicht, welche Artikel ich an den Morgen ziehe. Doch ich werde es tun. Mehr als ein paar Fehler können nicht dabei herauskommen. Allerdings behalte ich mir vor, anstößige Artikel von der Ziehung auszuschließen, denn ich habe ein paar Recherchefeeds für die Suche nach Themen und Schlagworten. Und wenn da etwas rassistisches oder sexistisches oder… dann ziehe ich neu und nehme den nächsten neuen Artikel.

Schreibroulette 465

  • Jeden Tag rufe ich irgendwann am Morgen meinen RSS-Reader auf
  • Ich nehme den ersten ungelesenen Artikel (Ausnahmen siehe oben)
  • Diesen Artikel lese ich durch
  • Dann schalte ich ab. Kein Facebook, kein Twitter, keine Email etc.
  • Maximal lasse ich etwas Entspannungsmusik im Hintergrund laufen
  • Ich setze mir einen Timer auf 15 Minuten
  • Mit Byword auf dem Mac/iPad oder WriteMonkey auf dem Windowsrechner schreibe ich los
  • 15 Minuten lang, maximal 30 Minuten, schreibe ich über das, was auch immer mir bei oder zu dem Artikel einfällt
  • Keine Korrekturen, bevor die Zeit nicht um ist

31 Artikel, jeden Tag mindestens 15 Minuten schreiben, 465 Minuten: Schreibroulette 465!

Morgen fange ich an.

Lust auf Schreibroulette?

Wer von Euch auch immer Lust hat, ein bisschen Schreibroulette zu spielen, ist herzlich eingeladen. Egal, ob bereits morgen früh oder erst in den nächsten Tagen. Wer mich in einem Kommentar darüber informiert, kommt auf eine Mitmachliste in diesem Artikel und auf meinen Erfahrungsbericht am 32. Tag.

Foto

Das Federhalter-Foto als Motiv für dieses Schreibroulette liegt auf Flickr und steht unter einer Creative Commons Attribution 2.0 Generic-Lizenz (CC BY 2.0). Ihr könnt das Foto also beispielsweise für Euer eigenes Schreibroulette embedden, herunterladen, bearbeiten, hochladen und verwenden – solange Ihr meinen Namen als Urheber nennt.

Flickr-Foto: Federhalter

Hier ist beispielsweise der Embedd-Code für eine Breite von 640 Pixeln:

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Wir müssen mehr Fehler machen!

Ein Fehler ist kein Versagen. Er ist ein Schritt zum Erfolg.

Manchmal sieht etwas wie ein Fehler oder ein Versagen aus. Doch tatsächlich… sieht es eben oft nur so aus. Es ist ein Schritt vor dem nächsten. Und ein Schritt kann für andere wie ein Scheitern aussehen. Wie ein titanisches Abtauchen mit aufgerissener Flanke. In Wirklichkeit lernen wir etwas dabei oder haben etwas gelernt, das wir (oder der Schwan) einfach nur umsetzen zu unserem Vorteil, unserer Ernährung oder unserem Erfolg.

Manchmal kommt tatsächlich kein weiterer Schritt, weil der Fehler der allerletzte war. Doch wie oft geschieht dies in unserer wohlbehüteten “First World”? Wie wahrscheinlich ist es tatsächlich, dass wir einen Fehler begehen und deswegen sterben oder unsere wirtschaftliche Existenz endet? Doch wohl eher unwahrscheinlich. Aber wir haben Angst vor Fehlern. Diese Angst ist in uns tief verankert, denn unsere Eltern, unsere Verwandten, unsere Lehrer, unsere Gesellschaft hat sie uns eingeimpft.

Wir dürfen keine Fehler begehen. Jeder Fehler führt zu einer Abstufung. Bereits die Schule sorgt mit einem ausgeklügelten System für eine Bestrafung im Fehlerfall. Die Note entscheidet, die nächste Note noch mehr, und am Schluss haben ein paar Fehler im Aufsatz, in der Matheaufgabe oder im der Chemieklausur dafür gesorgt, dass wir versagt haben. Wir haben versagt, weil wir nicht perfekt waren und wir deswegen nur eine Durchschnittsnote von 2,5 oder 2,1 haben (oder nur 10 oder 11 Punkte). Und das ist Versagen. Versagen wird in unserer Gesellschaft nicht toleriert.

Es ist wichtig, nicht auf der Stelle zu treten, sondern sich immer weiterzuentwickeln. Lernen ist ist ein Prozess ständiger kleiner Veränderungen. Man macht Fehler, lernt daraus und macht dann weiter.

[ Jon Oringer von Shutterstock im Interview auf Imgriff.com ]

Dass wir mit jedem Fehler etwas gelernt haben, das zählt nicht. Doch Fehler sind wichtig. Wir lernen daraus etwas Inhaltliches. Und wir lernen daraus, mit Fehlern umzugehen. Jeder Schritt ist ein Schritt zum Erfolg, den wir ersehnen oder wollen. Zumindest können wir das so nutzen – ob wir es tun, ist unsere Verantwortung.

Doch die Gesellschaft will uns diese Wahl nicht lassen. Im Job nicht, im Hobby nicht, in der Familie nicht, auf Facebook nicht und auf Twitter nicht. Fehler machen heißt Versagen.

Nein, ich plädiere nicht dafür, immer Fehler zu machen. Ich plädiere auch nicht dafür, kritische Fehler zu machen. Kritische Fehler sind Fehler, die uns selbst in unserer Existenz oder andere in ihrer Existenz bedrohen. Das kann die körperliche Existenz sein, das kann die geistige Existenz sein, das kann die finanzielle Existenz sein. Wir dürfen nicht glauben, dass Fehler keine Konsequenzen haben.

Aber wir müssen Fehler machen, damit wir lernen damit umzugehen und damit zu lernen. Wir müssen abwägen können, wann wir einen Fehler machen “dürfen” und wann nicht. Wir müssen das Hinfallen und das Aufstehen lernen.

Fail often, fail fast, fail cheap

Wir müssen mehr Fehler machen. Deswegen müssen wir auch tolerant sein gegenüber Fehler von anderen. Wir dürfen nicht sofort über andere herfallen, weil sie in einer Situation die falsche Entscheidung getroffen haben. Wir dürfen fragen und kritisieren, einschätzen, meinen. Aber wir dürfen nicht vernichten.

Denn sonst wird keiner mehr Fehler mehr machen. Und wir selbst werden, verlernen zu lernen. Wir werden verlernen, über den Tellerrand zu schauen. Wir werden verlernen, andere Menschen zu achten.

Deswegen müssen wir mehr Fehler machen.

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Heimatgefühle

Mein Heimatgefühl ist für mich, gerne wieder zu kommen. Nach Hause zu kommen und mich wohl zu fühlen. Meine Wurzeln zu spüren.

Früher, da war Höchst im Odenwald meine Heimat. Denn dort wuchs ich auf bei meinen Eltern und meiner Omi. Ich ging dort zur Schule, später in der Nähe aufs Gymnasium. Später kam ich immer wieder gerne dorthin zurück. Auch heute noch verspüre ich Heimatgefühle, wenn ich zurückkehre. Jeder Besuch spült Erinnerungen hoch. An die Eltern, die Omi, die Schulen, den Steinbruch, den Wald, die Eisenbahn.

Doch obwohl ich vor über fünf Jahrzehnten diese Welt betrat wachsen meine Wurzeln immer noch. Selten bemerke ich es sofort. Doch irgendwann kehre ich irgendwohin zurück, und da spüre ich die Wurzeln, meine Heimatgefühle. Manchmal werde ich richtig sentimental. München hat so etwas, das diese Gefühle hervorbringt. Etwa zwei Jahre verbrachte ich bei München. Englischer Garten, Viktualienmarkt, Fürsti. Viele Jahre war das nur ein Zeitabschnitt. Irgendwann freute ich mich wiederzukehren. Und inzwischen verspüre ich dabei so etwas wie Heimatgefühle.

Schwabenheim war meine Heimat. Vor 81 Jahren wurde dort mein Vater geboren, doch in meiner Zeit im Odenwald kamen wir nur selten dort hin. Durch einen Zufall wurde Schwabenheim meine Heimat, als meine Frau und ich 1999 dort ein Haus mieteten und bis letztes Jahr dort wohnten. Der Marktplatz, die Weingüter, die Weinberge, die Nachbarn.

Hawaii ist sehr, sehr weit weg. Auch Hawaii war ein Zufall. 1983 waren zwei Kameraden und ich über Ostern von El Paso aus dort und wollten einfach nur Palmen, Strand, Südsee. Ein günstiges Ticket im damaligen Preiskampf der Fluggesellschaften ließ uns einfach keine Wahl. Inzwischen komme ich gerne dorthin zurück. Palmen, Strand, Urwald, Vulkane, Sterne, Kulturen, Menschen. Menschen, die ich liebgewonnen habe. Auch wenn wir nur selten dorthin zurückkehren, so bekomme ich dann Heimatgefühle.

Seltsam, in El Paso lebte ich viel länger als ich die ganzen Jahre auf Hawaii war. Ich habe viele Erinnerungen an El Paso und meine Zeit dort. Aber Heimatgefühle verspüre ich keine. Wenn ich ein zweites Mal oder ein drittes Mal… wer weiß.

Heimat: Sonnenuntergang bei Selzen

Seit letztem Jahr wohnen wir in Selzen. Die Sonnenaufgänge sind phänomenal (wenn wir keinen Nebel im Tal haben, wenn es nicht regnet, wenn…). Die Sonnenuntergänge sind phänomenal. Spazieren gehen in den Weinbergen ist der Wahnsinn (wenn der Matsch nicht die Schuhe überwuchert…). Wir haben uns, wir haben die zwei Katerjungs, es sind nur wenige Meter zum Christianshof und zu anderen „Locations“, wir haben Freunde gewonnen. Es geht uns gut.

“Heimat ist, wo ich WLAN habe” ist ein Spruch, den ich selbst gerne benutze. Doch WLAN ist nicht die Heimat sondern nur ein Stück Technik, ein Mittel zum Zweck. WLAN gibt mir eine Verbindung zu anderen Kulturen und Menschen und manchmal auch zu alten Heimaten.

Es sind Mikrokulturen und Menschen, die mich meine Wurzeln spüren lassen, die meine Heimat bilden. Ein Sonnenaufgang ist schön. Ein Sonnenuntergang ist schön. Doch Heimatgefühle sind mehr als die Summe aller Orte, aller Menschen und aller Kulturen. Meine Wurzeln sind meine Heimatgefühle.

Mehr kann ich dazu nicht schreiben. Ich kann es nicht.

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Nur schlechte Nachrichten sind Nachrichten

Es gibt nur schlechte Nachrichten. Ich prangere das an.

Ich bin süchtig. Ich war es schon lange vor Facebook und Twitter. Auch schon lange bevor ich in 2005 die Blogs abgraste auf der Jagd nach Neuigkeiten. In Jahrzehnten hatte ich mir angewöhnt, täglich das Fernsehen für die 19 Uhr oder die 20 Uhr Nachrichten einzuschalten. Oder im Auto auf der Fahrt nach wohin auch immer zur vollen Stunde und zur halben Stunde das Radio einzuschalten. Und vor ein paar Jahren begann ich immer wieder die RSS-Feeds durchzuhecheln oder sogar die Websites der Nachrichtenwebsites höchstpersönlich aufzurufen.

Getrieben hat mich die Neugierde. Es könnte doch etwas Neues zu hören, zu sehen oder zu lesen sein. Doch es reicht mir. Immer wieder höre, sehe oder lese ich fast nur schlechte Nachrichten. Kriege, Schlägereien, Bestechungen, Naturkatastrophen, internationale Konferenzen mit Resolutionen aber ohne Resultate. Die stündlichen Nachrichten im Hörfunk dauern maximal vier Minuten. Außer der Uhrzeit und dem Wetter gibt es drei oder vier Hauptnachrichten mit schlechten Nachrichten und noch zwei oder drei triviale Nachrichten.

Zwei Tote hier, fünf Tote dort. Wieder in der Politik etwas schief gelaufen. Wieder ein royales Baby geboren. Ein Haus abgebrannt. Die Finanzierung eines Großprojektes aus dem Ruder gelaufen. Ein Verbrecher in einem Bundesland der entgegengesetzten Ecke der Republik ausgebrochen. Säbelrasseln im Pazifik. Eine Tankstelle überfallen. Zwei Länder können sich nach vierzig Jahren diese Woche auch nicht über eine Insel einigen. Der DAX ist auf über 9.000 gestiegen. Ein Papst appelliert an die Menschlichkeit. Eine Bombe explodiert. Ein Sack Reis umgefallen.

Gute Nachrichten gibt es kaum welche. Gute Nachrichten sind keine Nachricht wert. Außer es sind boulevardeske Nachrichten, mit denen die Tränendrüsen oder die Lachmuskeln bewegt werden. Auf der Schlechtigkeit der Welt wird herumgeritten, bis das Pferd tot ist. Nur, dass dieses Pferd nie stirbt. Die Redakteure reiten dieses Pferd einfach viel zu gerne, denn es bringt Quote und Klicks.

Das ist das eigentlich Schlimme: Die Menschen geifern nach schlechten Nachrichten, auch wenn sie davon gar nicht betroffen sind. Ich könnte die Redaktionen und Verlage anprangern. Doch sie wecken nicht nur Bedürfnisse sondern sie befriedigen vor Allem die Gier in uns. Ich gehör(t)e auch dazu. Und ich ekele mich an. Ich ekele mich vor dieser ewigen Hetze nach dem neuesten Schlechten.

Leichenwagen

Denn viele dieser schlechten Nachrichten betreffen mich nicht nur nicht, ich kann auch an dem Vorgang oder dem erreichten Zustand nichts ändern. Er verändert mich nicht, und ich verändere ihn nicht. Ich kann spenden bei einer (inter)nationalen Katastrophe, aber sonst? Was bringt es mir, wenn die Verbrechensrate steigt oder sinkt? Wie kann ich der ausgeraubten Rentnerin in Hamburg helfen, wenn ich noch nicht einmal ihren Namen kenne?

Im Lokalen, da könnte ich helfen. Doch die lokalen Nachrichten gibt es nicht mehr. Da ist der Mundtratsch mit den Nachbarn das einzig funktionierende Medium – nicht aber die Website mit zehntausenden Besuchern täglich oder die Tagesschau mit Millionen Zuschauern oder die Hörfunk-Nachrichten für ganz Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Ich kann das alles nicht mehr hören. Irrelevant oder ohne Konsequenzen.

Außerdem erfahre ich die wirklich interessanten und relevanten Nachrichten sowieso in den sozialen Medien. Oft zwar mit Links auf Websites, die ich eigentlich gar nicht mehr… wenn ich es erkennen kann, dann rufe ich die Links erst gar nicht auf. Und selbst wenn: Ein Klick, und ich bin weg. Bei den Nachrichten“sendungen” in Hörfunk und TV ergießt sich ein Stream über mich, den ich nicht fastforwarden kann oder in dem ich nicht zur nächsten Nachricht klicken kann. Nachrichtensites sind ein Sammelbecken schlechter Nachrichten.

Ich bin es leid. Im Auto dämmert das Autoradio dahin, zu wenig sind die Nachrichten mir gut genug. Selbst wenn ich im Autoradio einen Sender höre: Kurz vor der vollen Stunde und kurz vor Halb schalte ich das Radio aus. Im Fernsehen zappe ich aus oder weg, wenn die Nachrichten drohen. Ich mag keine Nachrichten mehr.

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Der Nebel

Heute ist einer dieser Tage, an denen der Nebel die Sicht versperrt. Dieses Mal ist es ein Dezembertag im Selztal beim Joggen. Doch manchmal sind es die Umstände, oder auch: Das Leben.

Den ganzen Tag schon bedeckt der Nebel das Selztal. Heute morgen beim Joggen dachte ich noch: “Das wird schon, der Nebel wird sich auflösen”. Doch das tat er nicht. Jetzt sitze ich im Café und weiß: Das wird er den ganzen Tag nicht. Morgen ist auch noch ein Tag.

Nebel kann gefährlich sein, indem er unsere Sicht versperrt und uns orientierungslos macht. Manchmal geschieht so viel um einen herum, dass wir die Sicht verlieren auf die Dinge, die wichtig sind. Wir verlieren den Überblick, wissen nicht mehr, wo wir sind, wissen nicht was vor uns ist und wohin wir wollen. Doch ein solcher Nebel hat auch seine gute Seite: Wir können uns auf uns selbst und unser Inneres konzentrieren. Ohne Ablenkung können wir nachdenken, überlegen, sinnieren. Wenn sich dann der Nebel wieder hebt, können wir voller Klarheit losmarschieren.

Heute morgen wusste ich in etwa, wo ich war. Vor allem wusste ich, wo ich hin wollte. In meinem Leben war das nicht immer so. Manchmal war es da nur eine weiße Wand, die sich vor mir auftürmte. Selbst, wenn ich wusste, wohin ich wollte, so wusste ich manchmal nicht, wie ich dorthin gelangen konnte. Eigentlich ist das oft so, dazu benötigt es keine weiße Wand und keinen Nebel. Dann hilft oft ein Innehalten und ein sich Besinnen.

Der_Nebel_Abzweigungen

Manchmal aber sollte man sich bewusst in einen Nebel begeben. Sich einfach für eine Richtung, eine Abzweigung entscheiden ohne zu wissen, wohin sie führt. Erst erkennen, wohin man ging, wenn der Nebel sich hebt. Etwas Neues entdecken oder etwas Altes neu entdecken.

Geschrieben an einem Nebeltag im Dezember. Veröffentlicht an einem Tag, von dem ich nicht weiß, was er bringt.

Ihr seid mir egal

Ihr seid mir egal

  • Wenn Ihr rote Haare habt, seid Ihr mir egal
  • Wenn Ihr rote Haut habt, seid Ihr mir egal
  • Wenn Ihr schwarze Haut habt, seid Ihr mir egal
  • Wenn Ihr ovale Augen habt, seid Ihr mir egal
  • Wenn Ihr Schlitzaugen habt, seid Ihr mir egal
  • Wenn Ihr platte Nasen habt, seid Ihr mir egal
  • Wenn Ihr etwas esst, was noch zappelt, seid Ihr mir egal
  • Wenn Ihr Sauerkraut esst, seid Ihr mir egal
  • Wenn Ihr so sprecht, dass ich Euch nicht verstehe, seid Ihr mir egal
  • Wenn Ihr rhoihessisch babbelt, seid Ihr mir egal
  • Wenn Ihr vom anderen Rheinufer aus betrachtet vom anderen Rheinufer kommt, seid Ihr mir egal
  • Wenn Ihr eine gleichgeschlechtliche Ehe eingeht, seid Ihr mir egal
  • Wenn Ihr in einer Kirche vor dem Pfarrer heiratet, seid Ihr mir egal
  • Wenn Ihr an etwas glaubt, das ich nicht verstehe, seid Ihr mir egal
  • Wenn Ihr an Einsteins Spezielle Relativitätstheorie glaubt, seid Ihr mir egal
  • Wenn…

Weil Ihr Menschen seid, seid Ihr mich nicht egal – egal wie anders Ihr seid.

In meiner Kindheit und Jugend haben mich zwei Dinge (so, wie ich sie gesehen habe) geprägt.

  • Ich habe Karl Mays Erzählungen gelesen. Da gab es Indianer, Araber, Südamerikaner und viele andere Menschen mit einem Sammelsurium von Nationen, Aussehen, Glaube… Der Kampf Gut gegen Böse ist für mich ein ganz wesentliches Element der Erzählungen. Gut und Böse gab es in allen möglichen Gruppierungen, dabei hing es nicht davon ab, zu welcher Gruppierung ein Mensch gehörte.
  • Perry Rhodan fesselte mich. Fremde Welten, fremde Galaxien, fremde Lebewesen. Aras, Springer, Akonen, Topsider, Blues… später gab es noch viele anderen Völker aus den Phänotypen der Arachnoiden, Arthropoiden, Avoiden, Feliden, Gastropoiden, Halutoiden, Humanoiden, Ichthyoiden, Insektoiden, Pflanzenartigen, Plasmawesen, Ranapoiden und Reptiloide hinzu. Was oder wen auch immer sie aßen, wie sie aussahen, wie sie kommunizierten… alle waren sie unterschiedlich, mal gut, mal böse.

Was mir spätestens bei Perry Rhodan auffiel, das war ein häufig vorkommender Grund, warum sich Völker oder Individuen etwas antaten: Sie verstanden einander nicht.

Das Gute und das Böse sind Zuschreibungen aus einem jeweiligen Wertesystem. Auch ich habe mein Wertesystem, das ich aus meiner Sozialisation, meinen Kulturen und eigenen Überlegungen entwickelt habe. Ein Mensch mit einer anderen Erziehung, anderen Umgebungen hat ein eigenes Wertesystem.

Deswegen bin ich auch oft verunsichert, weil ich nicht weiß, wie das Wertesystem von “Kommunikationspartnern” aussieht. Menschen, die andere Erfahrungen als ich haben. Menschen, die beispielsweise eine Behinderung haben. Soll ich Sie offen anschauen? Ist das eine Verletzung ihres Wertesystems? Soll ich so tun, als würde ich ihr Anders sein nicht bemerken, oder als wäre das “normal”? Oder ist das genau der falsche Weg, das falsche Signal?

Je weiter weg unsere Wertesysteme voneinander scheinen, desto unsicherer werde ich. Vor allem, weil Kommunikation das Potential zu weiteren Mißverständnissen hat. Das Potential, sich noch mehr nicht zu verstehen.

Da hilft oft nur eines: Die eigene Unsicherheit zugeben und ein gemeinsames Wertesystem aufbauen. In einem kleinen Mikrokosmos aus zwei oder drei oder vier oder… Menschen eben. Zu hoffen, dass es gut geht. Das ist anstrengend, weil mit Unsicherheit verbunden. Unsicherheit kann verführen zu vermeintlicher Stärke. Bloß nicht zugeben, dass man unsicher ist. Man könnte etwas verlieren, Besitzstände, Kultur, Werte. Ein gemeinsames Wertesystem würde das vermeiden.

Bloß weiß ich nicht, wie ein solches gemeinsames Wertesystem von unterschiedlichen Menschen so mir nix dir nix aufzubauen ist. Wie schaffe ich es? Immerhin, es sind Menschen. Irgendwo sind da Gemeinsamkeiten. Sie sind mir nicht egal, gleich welche Unterschiede es zwischen uns gibt.

ihr-seid-mir-egalDoch was, wenn da plötzlich andere sind? Andere, die über unseren Städten und Dörfern auftauchen, und die keine Menschen sind? Mit denen wir keine Gemeinsamkeiten haben, oder bei denen wir unsere Gemeinsamkeiten gar nicht erkennen, weil wir einander so fremd sind? Vielleicht methanatmende Arachnoiden, die sich mittels Symbolen und Farben unterhalten?

Egal, sie wären mir nicht egal. Und es gäbe so viel zu lernen.

Lesetipp:

Es tut mir leid

Menschen von der Telekom erinnerten mich an etwas, das ich viel zu selten sage: Es tut mir leid.

Letztens hatte ich ein “Ticket” bei der Telekom, weil etwas nicht so funktionierte, wie ich es mir vorstellte. Die Leute von der Telekom konnten mir zwar nicht helfen, aber sie haben es versucht. Und dann kam Post von den Menschen der Telekom mit einer Entschuldigung und einer kleinen Wiedergutmachung. Ich durfte mir ein kleines Geschenk auswählen.

Danke dafür, dass Ihr mich an etwas erinnert habt: Einfach mal sagen, dass es leid tut. Denn oft klappt etwas nicht so, wie es sich jemand vorstellt. Dieser Jemand, das ist kein Unternehmen, das sind Menschen: (der eigene) Partner, Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen, Lieferanten, Kunden. Manchmal stimmt die Kommunikation nicht, aber manchmal enttäuschen… enttäusche ich sie. Vielleicht, weil meine Kommunikation nicht stimmt oder weil irgend etwas schief läuft. Ich versuche mich zu rechtfertigen, oder ich übergehe das Problem. Es ist nicht so schlimm, ich kann nichts dafür, beim nächsten Mal wird es besser… oder auch: Laut Vertrag ist alles okay, ich habe alles richtig gemacht.

Aber Menschen funktionieren nicht mit Fakten sondern mit Erwartungen. Menschen erwarten Hilfe, Unterstützung, Leistungen, und vor allem erwarten sie, Ernst genommen zu werden. So wie ich das von der Telekom erwartet habe. Kaum etwas verursacht bei mir die Wahrnehmung, Ernst genommen zu werden, so stark wie eine Entschuldigung. Ein vertragsgemäßes Produkt oder eine vertragsgemäße Leistung sind in Ordnung, und das ist gut so. Mehr oder besser erbrachte Leistungen sind noch mehr in Ordnung, und auch das ist gut so; dann kommt das “Dankeschön” noch herzlicher. Besondere Wertschätzung kommt von Herzen mit einem kleinen “Sorry, das tut mir leid”; wenn etwas schief gelaufen ist, wenn Erwartungen nicht erfüllt wurden, wenn ich etwas verbockt habe, wenn ich nicht bei der Sache war.

Die Menschen von “der Telekom” haben meine Erwartungen mehr als erfüllt, und sie geben mir sie das Gefühl, Ernst genommen zu werden. Vor Allem aber erinnern sie mich daran, mich selbst an die eigene Nase zu fassen und öfters einmal zu überlegen: Habe ich die Erwartungen meines Gegenübers erfüllt? Habe ich etwas getan (oder nicht getan), was er nicht verdient hat? Hätte ich mich nicht doch ein bisschen mehr anstrengen sollen? Hat mein Gegenüber ein herzliches “Es tut mir leid” verdient?

Es geht nicht darum, sich wegen allem Möglichen oder Unmöglichem zu entschuldigen. Es geht darum, zu seinen Taten und zu seinem Wollen zu stehen. Wir Menschen sind Betas, denn wir sind nicht vollkommen. Ich mache Fehler, ich erfülle Erwartungen nicht. Wenn das eintritt, dann sollte ich den anderen wissen lassen, dass dem so ist, dass ich dazu stehe, und dass ich das nächste Mal wieder versuche, seine Erwartungen zu erfüllen.

Wenn ich eine Entschuldigung, ein “Es tut mir leid”, bekomme, dann ist das für mich ein kleiner oder auch ein großer Stubser. Der Stubser bringt mich zur Überlegung, was ich getan oder nicht getan habe, das den anderen zu diesem Stubser veranlasst hat. Der Stubser veranlasst mich, über meine Eigenwahrnehmung und die Fremdwahrnehmung des anderen nachzudenken. Vielleicht bringe ich andere mit meinem “Es tut mir leid” ebenfalls zum Nachdenken. Und vielleicht bringt das unsere Kommunikation wieder in Schwung.

Einfach unser Bestes geben. Einfach mal sagen: “Es tut mir leid”. Weil wir den anderen wertschätzen.

Ich entschied mich mit meinem Geschenk-Code von der Telekom für ein einmonatiges Xtra-Superlos der Aktion Mensch. Darüber freute ich mich noch mehr als über das Tee-Set oder das Hardcover Notizbuch. Dankeschön, liebe Menschen von der Telekom.

Nachtrag (11.12.2013): Gerade eingetroffen

Dankeschön der Telekom: Xtra-Superlos der Aktion Mensch
Dankeschön der Telekom: Xtra-Superlos der Aktion Mensch

Sonnenuntergang

Ein Sonnenuntergang erfrischt mich. Ein neuer Abend beginnt, und ich freue mich auf ihn. Der Tag ist abgeschüttelt und vorbei, ein neuer Anfang ist da.

Der Tag war voller Aufregung und mit viel Neuem. Sei es, dass mir Neues widerfuhr, sei es, dass mir neue Gedanken durchfuhren. Der Sonnenuntergang lässt mich innehalten und pausieren. Manchmal lässt er mich bedauernd auf den Tag und seine vielen Ideen blicken. Doch ich sammle mich und meine Gedanken, lege einen Schalter um und genießen den Abend.

Nicht immer funktioniert dieses Umlegen. Im Herbst und im Winter, wenn der Tag zu kurz für meine Aktivitäten und Ideen war, dann dreht mein Motor noch mit wilden Umdrehungen und schüttelt mich durch. Dann passiert es oft, dass ich noch weiter drehe und mein Motor mich erst später zur Ruhe kommen lässt. Mein innerer Motor zuckt und bockt, und oft dreht er dann noch einmal richtig auf, bevor er dann einfach absäuft. Da hilft auch kein Ankurbeln mehr, wichtige Gedanken sind einfach weg.

Viel lieber ist mir der Sonnenuntergang im Frühling und im Sommer. Dann haben mein Motor und ich uns gemeinsam zur Ruhe kommen lassen, und ich schaue auf den Tag zurück. Später erst, am späten Abend, zuckt der Motor manchmal erneut, aber es bleibt dann bei einem kurzen Aufblitzen mit einer Idee, einem Stubser, einer Eingebung. Ich nehme die Eingebung mit in den Schlaf, und am nächsten Morgen ist sie meistens wieder da zum Sonnenaufgang.

Der Sonnenuntergang hilft mir den Tag zu beschließen, zu beenden und mich auf einen neuen Anfang zu freuen. Wenn nur der Herbst und der Winter nicht wären.

Blind schreiben

Ich werde jetzt blind schreiben. Es ist ein Experiment, zu dem mich Ygor H. Speranzas Artikel “Blindwriting – An article on how to write without looking back” motiviert. Ich will es wissen. Jetzt.

Gerade habe ich den Bildschirm ausgeschaltet. Eine schwarze Fläche schaut mich an. Ich schaue zurück. Unter Blind schreiben verstehe ich üblicherweise eetwas anderes: Das Zehnfinger-Schreibsystem, mit dessen Hilfe Mann und Frau schreiben kann, ohne auf die Tastatur zu schauen. Normalerweise hilft dies, den Blick auf Texte, Abbildungen, Materialien zu halten. Doch es bleibt ein Rest Unsicherheit: Ist das, was ich da gerade schrieb, auch „richtig“? Korrekt? Und der letzte Satz, ist er richtig geschrieben? Sind meine Gedanken gut formuliert? Ist da auch kein Schreibfehler? Moment, da im vorletzten Satz…

So jedoch verfliegen die Gedanken mit den Sätzen, nur ein Faden bleibt, von dem ich besonders jetzt nicht weiß, wohin er mich führt. Vielleicht ist aber genau dieses Blind schreiben ein guter Weg, um von Schreibblockaden weg zu kommen.

Denn bei Schreibblockaden wird – zumindest bei mir – die Unsicherheit immer größer, jew mehr Zeichen, Wörter, Sätze und Absätze ich geschrieben habe. Vorausgesetz, ich habe überhaupt damit angefangen.

Aber auch das Anfangen fiel mir soeben erstaunlich leicht. Ich bin ein Verfechter des Fokussierens, des Konzentrieren auf eine Tätigkeit. Jetzt fokusisiere ich mich auf meine Gedanken. Ich schließe sogar meine Augen, denn sie helfen mir nicht. Ich sehe schwarz – egal ob ich die augen auf oder geschlossen habe. Und es tut nicht weh.

Wenn ich es mir genau überlege, so ist es eine einmalige Möglichkeit, sich zu befreien. Eine Voraussetzung sehe ich jedoch (im übertragenen Sinne, denn gerade eben sehe ich nichts): Das Zehn-Finger-Schreibsystem sollte ein Blindschreiber beherrschen. Zwar könnte ich auch mit dem Ein-Finger-Adler-Suchsystem blind schreiben, aber auch das Suchen lenkt mich ab. Bereits beim Suchen – so vermute ich- schweifen meine Gedanken wieder ab. So jedoch – mit geschlossenen Augen – schweifen meine Gedanken zwar, aber sie schweifen nicht um mechanische Tätiigkeiten oder irgendwelche Artikel sondern um das Blind schreiben.

Ich finde es faszinierend, dass ich nicht abgelenkt werde, sondern dass ich es immer ncoh schaffe, einigermaßen mich auf das Blind schreiben zu konzentrieren.

Blind schreiben lässt mich in einen „Schreib-Flow“ kommen. Ich hatte erwartet, dass ich über mich selbst und dmeine Gedanken stolpere, doches funktioniert.

Ich bin bereits gespannt darauf, wie mein Geschreibsel aussieht, wenn ich das Display wieder anschaltee. Doch noch zögere ich. Ich bin alleine. Ich bin alleine mit meinen Fingern, meinen Gedanken und meiner Tastatur. Zum Anschalten des Displays müsste ich die Augen öffenn und meineHand und meine Finger zum Schalter des Displays führen. Es ist verführerisch, nicht die Augen zu öffnen. Ich bleibe gelassen und schreibe einfach weiter.

Bei meiner nächsten Schreibblockade werde ich wieder Blind schreibne. Einfach machen. Einfach schreiben.

Die Neugier siegt. Ich öffne die Augen und …

3.178 Zeichen. Viele Schreibfehler. Doch ich stehe dazu. Ich werde dieses Dokument unkorrigiert veröffentlichen.

Anmerkung: Dieser Artikel erschien zuerst auf Medium als Beitrag zur Blockparade vom PR-Doktor Kerstin Hoffmann: “Blogparade gegen die Schreibblockade”. Doch dort ist er nicht gut aufgehoben, denn Medium versieht externe Links mit einem „nofollow„. Die Blogparade verdient das nicht.

Sonnenaufgang

Ein Sonnenaufgang erfrischt mich. Der neue Tag beginnt, und ich freue mich auf ihn. Die Nacht ist abgeschüttelt und vorbei, ein neuer Anfang ist da.

Wenn ich morgens erwache, freue ich mich (meistens) auf den neuen Tag. Ich freue mich auf das Aufstehen, den ersten Kaffee, das Frühstück und meine Morgenroutine. Je nach Jahreszeit ist der Sonnenaufgang bereits vorbei oder steht er noch bevor. Das Hell werden lässt mich aufblühen und mich noch mehr auf den Tag freuen.

Manchmal schaffe ich es mit meinem Jogging am Morgen den Sonnenaufgang zu begrüßen. Das ist dann ein ganz besonderer Moment, den ich genieße. Manchmal stehen mir Aufgaben oder Tätigkeiten bevor, die ich mit Skepsis oder sogar Beklemmung sehe. Wenn ich aber in die aufgehende Sonne blicke, dann ist diese Skepsis verflogen. Das sind die ganz besonderen Momente, zu denen die Füße beginnen zu fliegen und der Atem mich abheben lässt. Manchmal denke ich an andere Momente zurück. Mit meinem Hund am Sonntag Morgen zum Übungsplatz laufen, die Fährtensuche beginnen. Zum Strand laufen, ausatmen. Auf der Terrasse sitzen und die Welt fühlen.

Sonnenaufgang. Die Nacht verabschieden und den neuen Tag begrüßen. IN Jedem Ende Liegt Ein Anfang.

Guten Morgen Welt.