Öffentlicher Nahverkehr: Nicht zu teuer sondern zu langsam, zu umständlich und zu benutzerfeindlich

Schotterdamm Hahnheim-Selzen

Jetzt kommt tatsächlich die GroKo (also die derzeitg noch geschäftsführende Regierung) mit dem Vorschlag eines kostenlosen ÖPNV (Öffentlicher Personennahverkehr) um die Ecke. Nein, doch nicht so richtig. Also eigentlich mit der Idee, ein paar wenige Kommunen könnten das ja mal ausprobieren.

Klar, drohen doch öffentliche Pranger in form von Städtefahrverboten für den von Deutschen so geliebten Diesel. Da muss die GroKo reagieren, denn es geht irgendwie möglicherweise um Wählerstimmen. Und gegen die Fahrzeuglobby.

Sofort kommen alle möglichen Kommentare mit Pros und Cos und Einwürfen und Vorschlägen. Und jetzt also ich auch noch.

Ich fahre seit den achtziger Jahren im Rhein-Main-Gebiet herum. So wohnte ich beispielsweise in Mainz, als ich als Offizier bei Hanau stationiert war. Den Rhein-Main-Verkehrsverbund gab es damals noch gar nicht. Aber auch jetzt wäre der ÖPNV konkurrenzlos außer Konkurrenz. Aufgrund meiner Dienstzeiten in der Flugabwehrraketenstellung musste ich zu sehr unterschiedlichen Zeiten fahren müssen, außerdem auch am Wochenende. Drei, vier oder fünf Mal umsteigen. Unter zwei Stunden (wahrscheinlich nicht unter drei Stunden) einfache Fahrt gar nicht zu machen. An Bus und Bahn habe ich damals deswegen erst gar nicht gedacht. Da konnte ich am Wochenende ohne Staugefahr die 60 Kilometer noch in einer dreiviertel Stunde schaffen.

Ich habe von 2000 bis 2011 in Wiesbaden gearbeitet, während ich in Rheinhessen wohnte. Drei Mal umsteigen. Durchschnittliche Fahrzeit: Zwei Stunden. Einfach. Mit Stau im Berufsverkehr (ja, das war vor dem Brückengau) schaffte ich es mit dem Auto in etwa 45 bis 75 Minuten. Der Unterschied: Zwei Stunden Lebenszeit pro Arbeitstag. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Da fährt man halt um 6 Uhr schon zur Arbeit. Ich kenne Leute, die fahren aus Rheinhessen zwischen fünf und halb sechs Uhr los zu ihrem Bürojob.

Ich bin oft mit ÖPNV und den Zügen und Bussen der Bahn (oder anderer Betreiber) unterwegs. Den Zugverkehr hat die Bahn inzwischen in manchen Bereichen einigermaßen im Griff. Beispielsweise ist die Bahn-App recht gut. Meistens und in vielen Bereichen. Verspätungsalarme kommen und gehen – regelmäßig verspätet, wenn ich schon im Zug sitze oder am Bahnhof festsitze. Bezahlen ist okay … solange ich nicht irgendwie mit verschiedenen Tarifverbünden zu tun habe. Manchmal steige ich in Züge ein, die nicht von der Bahn betrieben werden. Für deren Fahrt ich zwar an die Bahn, aber letztendlich an einen anderen Tarifverbund oder Betreiber, zahle. Die Busverbindungen hat die Bahn hier von und nach Selzen für mich einigermaßen im Griff. Die Bezahlung nicht (siehe Bus fahren mit der Bahn: Bezahlen wie im letzten Jahrtausend – Ein Rant über die Beförderungsbedingungen des ORN). Und wenn ich am Morgen zur Schulzeit in den Bus mit Gepäck einsteigen will, dann stehe ich dicht gedrängt in einer Sardinenbüchse. Zu anderen Zeiten sitze ich alleine oder mit maximal drei oder vier anderen Fahrgästen im Bus. Andere Busgrößen? Variable Busgrößen? Mischbetrieb mit privaten Anbietern? Leute auch mal mitten im Dorf abseits der Haltestelle aussteigen lassen? Fehlanzeige. Dafür sind die Haltestellen so eng getaktet, dass fast jeder Busfahrer ständig gehetzt ist. Weil er sonst die Vorgaben und Zeiten nicht halten kann. Und wenn der Bus verspätet in Mainz ankommt, dann muss er gleich wieder ohne große Pause in Richtung Alzey zurückpendeln.

Von Selzen nach München bin ich mit Bus und Bahn etwa genauso schnell wie mit dem Auto. Will ich nur an den Hauptbahnhof ist es genauso. Will ich aber in Mainz irgendwo hin, bin ich von hier aus und in Mainz doppelt bis dreifach so lange unterwegs als mit dem Auto. Und dann wieder das leidige Thema Bezahlen: Weiß ich, welche Tarifverbundgrenzen ich überschreiten muss, und warum oder warum nicht ich online oder bargeldlos bezahlen kann? Oft bekomme ich im Rhein-Main-Gebiet kein Ticket – weder an einem Automaten noch mit dem Smartphone -, wenn ich losfahren will. Weil ich dann eben im Rhein-Main-Verkehrsverbund bin und Selzen im Rhein-Nahe-Nahverkehrsverbund liegt. Und ich dann auch noch in den ORN-Bus von DB Regio umsteigen muss.

Zig Mal umsteigen. Tickets gibt es weder online von Zuhause im Browser noch unterwegs mit dem Smartphone noch unterwegs mit einer bargeldloser Karte. Grenzüberschreitender Verkehr. Busse stehen oft genauso im Stau wie PKWs. Will ich nach Mainz rein, fahre ich oft mit dem Auto bis nach Mainz-Hechtsheim, um von dort aus mit der Straßenbahn reinzufahren. Natürlich muss ich da passendes Kleingeld oder eine „Streifenkarte“ haben. Und der Parkplatz am Mühlenweg ist durch die frühen Pendler auch schon früh komplett belegt. Also fahre ich zu einer ganz anderen Haltestelle. Habe ich auf dem Rückweg viele Taschen dabei, gibt es keine Ablagemöglichkeit.

Ach, ÖPNV ist nicht zu teuer. Er dauert einfach zu lange, ist zu umständlich und hat eine absolut miese Usability. Deswegen entscheide ich mich immer noch oft fürs Auto.

Daran ändern auch ein paar Testversuche für kostenlosen ÖPNV in irgendwelchen hunderte Kilometer entfernten Städten nichts.

Ich fürchte, die Politik und die Kommunen mit ihren alten Strukturen und „Förderprogrammen“ werden einfach nur so lange weiter Bockmist aus dem letzten Jahrtausend bauen, bis ihr ÖPNV so aussieht, wie die Bahninfrastruktur in Rheinhessen. Die haben sie nämlich auch im letzten Jahrtausend bis in die Neunziger verkommen lassen. Dafür haben wir jetzt seitdem alte Schotterdämme, die dann immerhin manchmal als Radweg ausgebaut sind.

Bus fahren mit der Bahn: Bezahlen wie im letzten Jahrtausend – Ein Rant über die Beförderungsbedingungen des ORN

ORN-Internetauftritt (Quelle: Screenshot www.orn-online.de)

Die Busverbindungen mit Omnibusverkehr Rhein-Nahe (ORN) hier in Selzen sind gar nicht mal so schlecht. Mit dem Bus bin ich je nach Verbindung in 30 bis 45 Minuten am Mainzer Hauptbahnhof. 30 Minuten mit dem Auto sind inklusive Parken im Parkhaus und zum Bahnhof gehen kaum zu schaffen. Im Berufsverkehr sowieso nicht. . Und der Bus hält direkt auf dem Bahnhofsplatz. Der Bus fährt je nach Tageszeit und Wochentag alle 45 bis 60 Minuten.

Alles super, oder?

Nicht, wenn es um das Bezahlen geht. Da komme ich mir wie im letzten Jahrtausend vor.

  • Ticket online kaufen? Gibt es nicht.
  • Ticket per App kaufen (ich weiß, ist ja auch online): Gibt es nicht.
  • Ticket bargeldlos kaufen: Gibt es nicht.
  • Ticket mit einem Geldschein über 10 Euro bezahlen: Ähm… teilweise. Bezahlen geht, Wechselgeld gibt es nicht.

Wenn ich mich also kurzfristig zu einer Busfahrt entschließe oder entschließen muss, und halt nur ein paar kleine Münzen und einen Zwanzig- oder einen Fünfzig-Euro-Schein im Haus habe (oder zwei Zehn-Euro-Scheine), dann bin ich gekniffen.

  • Denn als Kunde soll ich das Fahrgeld möglichst abgezählt entrichten.
  • Geldbeträge über 10 Euro müssen nicht gewechselt werden – also auch nicht, wenn ich eine Tageskarte mit zwei Zehn-Euro-Scheinen bezahlen will.
  • Ein- oder Zwei-Cent-Stücke im Betrag von mehr als 5 Cent müssen auch nicht angenommen werden – also auch nicht, wenn ein Ticket 4,40 Euro kostet und ich höflicherweise 3 Zehn-Cent-Stücke sowie 5 Zwei-Cent-Stücke hinlege.

Na ja, so schlimm ist das allerdings, denn ich bekomme eine Empfangsbescheinigung über den zuviel entrichteten Betrag. Den Betrag kann ich bei einer benannten Stelle abholen (die mir aber bisher kein Fahrer genau nennen konnte). Ich kann mir den Betrag sogar nach einem Antrag überweisen lassen! Und wenn ich das nicht will, darf ich – natürlich – nicht mitfahren.

Ist also alles ganz einfach. Ich bekomme schließlich mein Geld. Nur fahre ich meistens für eine Zugverbindung zum Mainzer Hauptbahnhof, und bei Umsteigezeiten von deutlich weniger als 10 Minuten ist das illusorisch, irgendwo abzuholen. Alternativ kann ich natürlich extra mal einfach so nach Mainz fahren, meinen Geldbetrag abholen und dann wieder zurückfahen. Kostet mit Bahnkarte auch nur 8,80 Euro. Wenn ich die nicht passend (bis zu 10 Euro) habe – kann ich mir ja eine Empfangsbescheinigung geben lassen und gleich beide Beträge während meiner etwa 90 minütigen Rundreise auszahlen lassen.

Na ja, ich wohne halt auf dem Land – und ORN ist halt ein kleines Busunternehmen auf dem Land?

Pustekuchen! ORN ist ein Tochterunternehmen der Regio DB, die wiederum der Deutschen Bahn gehört. Der Deutschen Bahn, die mit Zügen und weit über 200 Sachen durch die Deutschen Lande fährt. Und mit dem Bus sogar von Ingelheim zum Flughafen Hahn – aber nicht, wenn man große Schein hat oder bargeldlos bezahlen will.

Haus- und Sondertarife der ORN (Omnibusverkehr Rhein-Nahe), Tarifbestimmungen ORN Haustarif (PDF, 156.63KB) gültig ab 01.01.2018:

(5) Das Fahrgeld soll möglichst abgezählt entrichtet werden. Das Fahrpersonal ist nicht verpflichtet, Geldbeträge über 10,- € zu wechseln und Ein- oder Zwei-Cent-Stücke im Betrag von mehr als 5 Cent sowie erheblich beschädigte Geldscheine und Münzen anzunehmen.
(6) Wenn der Fahrpreis nicht abgezählt entrichtet wird und das Fahrpersonal nicht wechseln kann, erhält der Fahrgast eine Empfangsbescheinigung über den zu viel entrichteten Betrag. Diesen Betrag kann er bei der ihm vom Fahr- oder Aufsichtspersonal benannten Stelle gegen Vorlage der Bescheinigung abholen; auf Antrag wird der Betrag überwiesen. Ist der Fahrgast mit dieser Regelung nicht einverstanden, kann er von der Beförderung ausgeschlossen
werden.

PDF-Dateien kann die Bahn übrigens auch mit falscher Seitenausrichtung und nur mit Text als Grafiken zum Download anbieten. Vollkommen kostenlos, dazu braucht man kein Kleingeld