Volkswagen, Dieselgate, meine Abscheu und meine Loyalität

Seit fast zweieinhalb Jahren ist der Abgasskandal (auch „Dieselskandal“ oder „Dieselgate“) öffentlich. Am 18. September 2015 wurde bekannt, dass die Volkswagen AG „eine illegale Abschalteinrichtung in der Motorsteuerung ihrer Diesel-Fahrzeuge verwendete, um die US-amerikanischen Abgasnormen zu umgehen„.

Seit über zwei Jahren drückt sich die Automobilindustrie um eine ehrliche und öffentliche Aufklärung und vor allem auch um die Behebung entstandenen Schadens. Gerne werden Gewinne eingefahren, aber wenn diese mit unlauteren oder gar ungesetzlichen Maßnahmen und Mitteln eingefahren wurden, dann will man die doch möglichst dennoch behalten. Besonders schlimm daran ist, dass viele Politiker sie un-tatkräftig dabei unterstützen (siehe „Das Diesel-Gipfelgate – ein Kommentar„).

Stück für Stück kommen neue Häppchen ans Licht, so auch in den letzten Tagen wieder. Mit vorne dabei bei den „Umweltsäuen“ und „Skandal-VIPs“ ist der Volkswagenkonzern. Gerne wird eine Marke „positiv aufgeladen“, doch das Unternehmen Volkswagen ist momentan ungewollt kräftig dabei, seine Marken – und insbesondere die gleichlautende Marke Volkswagen – negativ aufzuladen, bei dem gleichzeitigen Versuch, den wirtschaftlichen Schaden möglichst gering zu halten.

Der Begriff „Ehre“ ist nicht nur in Deutschland ein Fremdwort geworden. Nicht erst, aber besonders, seit Politiker wie Barschel und Kohl ihr „Ehrenwort“ gaben und die Bürger nach Strich und Faden verar***ten. Mag sein, dass ich „old-fashioned“ bin, doch ich glaube an „Ehre“ als einen Wert.

Ehre bedeutet in etwa Achtungswürdigkeit oder „verdienter Achtungsanspruch“[1] (einer Person); sie kann jemandem als Mitglied eines Kollektivs oder Standes zuerkannt werden (Ehre des Weibes, des Edelmannes, des Handwerkers u. a. m.), sie kann aber auch (etwa durch die Nobilitierung oder eine Ordensverleihung) vom dazu Berechtigten zugesprochen werden.

(Seite „Ehre“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. Januar 2018, 13:25 UTC. (Abgerufen: 4. Februar 2018, 12:27 UTC))

Doch Ehre muss man sich durch eigenes Handeln verdienen. Und man kann sie aufgrund eigenen Handels verlieren. Doch Ehre bedeutet auch, anderen durch seine Taten Ehre zu erweisen.

„Profit und Eigennutz“ sind das neue „Ehre“. Jedes vermeintliche Kratzen an eigenem Profit und Eigennutz wird verteufelt, die Schuldigen werden sofort gefunden und verteufelt. In der Wirtschaft haben sich Ellbogenkämpfe unter dem Deckmantel der Wirtschaftlichkeit und der eigenen Karriere als Standard etabliert. Von „New Work“ oder „Future of Work“ scheinen die meisten Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik noch Jahrzehnte entfernt. Kein Wunder, haben sie doch ihre Sozialisierung in Jahrzehnten dankbar aufgesogen und die Ellbogen schwingen lassen.

Volkswagen und Co. sind nicht die Übeltäter, sondern es sind die Menschen, die in den Organisationen „regieren“. Doch diese Menschen, die Dieselgate und Co. produziert oder zumindest mit einer geforderten Kultur verursacht haben, die haben vor allem eines getan: Menschen verletzt.

Eigene Mitarbeiter, die an ihr Unternehmen und ihre Marken glaubten. Lieferanten oder andere „Partnerunternehmen“, die sie mit Vorgaben und Verträgen an sich gebunden haben. Bürger, die an eine sauberer werdende Umwelt glaubten. Kunden, die an einen zunehmend akzeptableren Kompromis zwischen Mobilität und Umwelt glaubten.

Meine Abscheu vor den Übeltätern ist sehr, sehr groß. Und ich bin ebenfalls „schockiert über die Arroganz der Autobauer„. Gleichzeitig denke ich an die mittelbar Betroffenen, die Opfer derjenigen Übeltäter wurden, die die Unternehmenskulturen geprägt haben und prägen. Und dann sehe ich immer mal wieder einen „Kotau“ von Vertretern dieser Übeltätermentalität – und ich nehme es ihnen einfach nicht ab. „Vom Saulus zum Paulus“? Mag sein, dass das vorkommt. Aber bei diesen Übeltätern, die Jahrzehnte in und von einem Übeltätersystem nicht nur gelebt haben, sondern die es auch noch geprägt haben, halte ich das für unwahrscheinlich.

Ich fahre einen Volkswagen seit bald zwölf Jahren. Damals, beim Neuwagenkauf, waren Wirtschaftlichkeit, geringer Verbrauch, Komfort und einigermaßen akzeptable Umweltschäden die wesentlichen Kriterien. Es ist ein Diesel, der von dem Dieselgate nicht betroffen ist, weil er zu alt dafür ist. Nur wenige Jahre später, und ich wäre Betroffener und Geschädigter. Und dafür hätte ich bisher vom Volkswagenkonzern wahrscheinlich nichts bekommen. Bestenfalls hätte der Wagen ein „Softwareupdate“ erhalten. Schwamm drüber. Wenn Vorstand Müller in letzter Zeit andere Töne anklingen lässt, dann schreibe ich das mehr der Reaktion auf die negative Aufladung der Marke Volkswagen denn der festen Überzeugung in Volkswagens Vorstandsköpfen zu.

Der Golf Plus war bislang ein zuverlässiges Auto. Ich dachte, noch zwei oder drei Jahre könnte ich ihn fahren, dann gäbe es vielleicht in der geeigneten Preisklasse ein E-Auto und vor allem auch eine akzeptable Infrastruktur. Im Januar beschädigte jemand das geparkte Auto. Glücklicherweise rief die Frau direkt die Polizei an. Es gibt sie also noch, die Ehre.

Der Schaden liegt bei über 2.000 Euro. Das ist schon grenzwertig zum Totalschaden. Seit ein paar Wochen öffnen sich zwei Türen nicht mehr über die Zentralentriegelung. Reparatur kostet je nach schadhaften Teilen einige hundert Euro. Als ich am Mittwoch im Auto unterwegs war, leuchteten Anzeigen im Display für ABS, EBS und Reifendruck. Ursache ist ein schadhafter ABS-Sensor, 322 Euro. Im April sind wieder Sommerreifen fällig. Da fangen die eigenen Rädchen im Kopf schon an, ziemlich schnell zu drehen.

Volkswagen hat, wie andere betroffene oder nicht betroffene Hersteller auch, eine Umweltprämienaktion. Zwangsnotwendigerweise, damit die Marke nicht zu negativ aufgeladen wird, und weil man damit aber auch wieder mehr Autos verkauft. Das hat man ja ausgeklüngelt, anstelle eine hardwaretechnische Lösung zu versprechen. Das kommt mir vielleicht zu Gute. Da hat die mögliche Entscheidung zum Thema „Jahreswagen oder Neuwagen“ einen Faktor, der mir eigentlich widerstrebt. Aber mit den wirtschaftlichen Faktoren und der noch nicht praktikablen E-Auto-Option (die umwelttechnisch auch nicht eindeutig positiv ist) ist der Kauf eines Benziners neben anderen Möglichkeiten eine Option.

Eigentlich will ich keinen Volkswagen mehr, aufgrund der Übeltäter und dem, was sie verbrochen haben. Doch die Alternativen sind auch nicht wirklich überzeugend. Als ob andere Unternehmen nur Ehrenleute in ihren Vorständen und Entscheidungsebenen hätten. Als ob nur Volkswagen beim Dieselgate mitgespielt hätte. Mir ist auch Boschs Rolle immer noch nicht klar. Seltsam, vielleicht sind klärende Berichte in den letzten zwei Jahren an mir vorbeigegangen. Was bleibt? Tiefes Misstrauen gegenüber der Automobilindustrie und Skepsis, wie es bei den Autoherstellern weitergeht. Und der Gedanke, ob nicht in ein paar Jahren plötzlich wieder etwas auftaucht, was gerade jetzt geschieht. Oder schon früher.

In der letzten Zeit hatte ich „Sondierungsgespräche“ über den möglichen Kauf eines Autos, eines Volkswagens. Das in Betracht zu ziehen ist keine Entscheidung wegen Volkswagen, sondern trotz Volkswagen. Dass der Kauf eines Volkswagens (gut gebraucht, Jahreswagen oder Neuwagen) überhaupt in Betracht kommt, das liegt nicht an Volkswagen. Bisher hatten wir insgesamt drei Autos bei einem regionalen mittelständischen Autohaus gekauft: Autohaus Senger.

Wir (siehe das Postskriptum) und das Autohaus haben seit etwa fünfzehn Jahren eine Beziehung miteinander. Wir lassen dort unsere Autos warten und reparieren, wir werden immer zuvorkommend und freundlich als König Kunde behandelt. Wenn wir ein Problem haben, dann helfen uns die Mitarbeiter und Inhaber des Autohauses immer schnell und unbürokratisch. Für den ABS-Sensor haben wir eine praktikable Lösung bekommen, damit wir den Wagen weiter und gefahrlos nutzen können. Als ein Wagen einmal einen Platten hatte, kam flugs ein Kollege und half uns. Beim Warten (z.B. während des Reifenwechsels) bekommen wir Kaffee und Getränke angeboten, für einen Plausch ist auch immer Zeit da. Und auch für einen offenen Austausch.

Uns geht es so wie Ludger Freese, der schreibt:

Wenn ich die Fahrzeuge zur Wartung und für kleinere Reparaturen beim
örtlichen Händler/VW Partner gebe, werde ich dort erstklassig, ehrlich
und sehr menschlich bedient.

(Essen kommen! – Ich bin schockiert über die Arroganz der Autobauer)

Es sind die Menschen des Autohauses, denen wir vertrauen. Sie haben „die Marke Autohaus Senger“ für uns positiv aufgeladen. Wir sind sicher, dass wir auch zukünftig auf Partnerschaft und auf Hilfe vertrauen können.

Diese Menschen sind es, die die Auswirkungen der Maßnahmen und dem Verhalten der Entscheidungsträger im Unternehmen Volkswagen direkt ausgesetzt sind. Und wenn ich dann sage:

Wenn ich einen Volkswagen kaufe, dann ist das keine Entscheidung für Volkswagen sondern eine Entscheidung für Ihr Haus.

dann ist das letztendlich keine Entscheidung für ein abstraktes Unternehmen, sondern für die Menschen, die das Autohaus Senger prägen.

Wir vertrauen den Menschen vom Autohaus Senger. Über viele Jahre haben sie sich unser Vertrauen erarbeitet. Unsere Loyalität gehört keinem abstrakten Unternehmen oder einer abstrakten, aufgeladenen Marke. Unsere Loyalität gehört den Menschen vom Autohaus Senger.

Eine solche Loyalität ist ein ganz wichtiger Faktor bei Entscheidungen wie dieser, ob und wie es mit dem alten Golf oder einem anderen Wagen weiter geht.

P.S. Wenn ich hier in der Ich-Form über Überlegungen zu unserem jetzigen oder zukünftigen Fahrzeug schreibe, dann meine ich uns, d.h. Manuela und mich. Auch wenn ich den Artikel nicht mit ihr abgesprochen habe, so bin ich doch sicher, dass sie mir bei allem zustimmen wird.

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