Warum ich Reichspogromnacht sage #GegenDasVergessen

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Stolpersteine in Nieder-Olm

Ich sitze in einem Café in Nieder-Olm und denke an einen besonderen Tag: Heute vor 79 Jahren fand die Reichspogromnacht statt.

Heute morgen bereits bekam ich mit, dass verschiedene Leute in meiner Timeline entsprechende Tweets absetzten, um an diesen Tag zu erinnern. Das erste Mal, dass ich von diesen fürchterlichen Ereignissen „offiziell“ erfuhr, war im Gymnasium. Persönlich hatte ich zuvor schon darüber irgendwo gelesen und war entsetzt. Später, in der Offizierschule der Luftwaffe lernte ich noch viel mehr und auch die differenzierte Betrachtung des 20. Juli. Ich lernte in der Offizierschule viel über das Dritte Reich und die oft mehr als geduldete Herrschaft der Nazis. Besonders anschaulich und bedrückend war unser Besuch in der KZ-Gedenkstätte Dachau (Fotoalbum KZ-Gedenkstätte Dachau auf Flickr).

Hitler war von je her ein fürchterlicher Antisemit. Bei seinen  Anhängern, Mitmachern und Mitläufern war der Antisemitismus selbstverständlich. Doch auch in der deutschen Bevölkerung war Antisemitismus weit verbreitet. Und machen wir uns nichts vor: Auch in vielen anderen westlichen Ländern war (und ist!) der Antisemitismus weit verbreitet. Und auch Luther, den wir in diesem Jahr feiern, war wohl ein Antisemit.

In Deutschland jedoch, durch viele Umstände wie den Folgen des Ersten Weltkrieges wie dem Versailler Vertrag sowie durch den organisierten Antisemitismus der radikalen Rechten und später offiziell der Regierung, waren der Antisemitismus und die Judenverfolgung so schrecklich wie sonst nirgends. Die Nürnberger Gesetze, die Ab- und Ausgrenzung sowie Verfolgung von Andersdenkenden und Andersseienden … all das kulminierte in der Reichspogromnacht. Vorrübergehend, denn es wurde noch viel, viel schlimmer.

Die Verwendung von Bezeichnungen für jene Nacht war und ist nicht einheitlich. Pogromnacht, Kristallnacht, Reichspogromnacht, Reichskristallnacht sind die gängigen Bezeichnungen. Früher habe ich  oft „Reichskristallnacht“ verwendet. Doch das verharmlost die Verfolgung und Tötung von Menschen. Pogrome gibt es schon seit Jahrhunderten. Meistens waren es Ausschreitungen von Menschengruppen gegen eine Minderheit. Aber auch staatlich organisierte oder geförderte Pogrome gab es.

Die Novemberpogrome 1938 – bezogen auf die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 auch (Reichs-)Kristallnacht oder Reichspogromnacht genannt – waren vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen gegen Juden im gesamten Deutschen Reich.

(Seite „Novemberpogrome 1938“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 8. November 2017, 08:57 UTC. (Abgerufen: 9. November 2017, 12:05 UTC))

Ich glaube, „Novemberpogrome“ oder auch „Pogrome“ reicht für dieses unfassbare Ereignis 1938 nicht aus. Als ob es mehrere, nur lose miteinander verbundene Pogrome in Deutschland gewesen seien. Für mich war das ein großes Pogrom in Deutschland. Die „Gewaltmaßnahmen“ waren initiiert, organisiert und gelenkt durch offizielle Stellen. Doch das war bei weitem nicht alles. Viele besorgte Bürger haben von sich aus mit- und weitergemacht.

Ich kann die Meinung von Martin Krauss in der Jüdischen Allgemeinen nachvollziehen, wenn er den Begriff „Reichspogromnacht“ als problematisch empfindet:

Doch unproblematisch ist auch er nicht, macht er doch aus den Pogromen eine Aktion des Staates. Als ob nicht weite Teile der Bevölkerung sehr freiwillig mitgemacht hätten. Ja, als ob es nicht das Wesen des Pogroms ist, von der Gesellschaft, eben ohne staatlichen Zwang, ausgeführt zu werden. Vom NS-Regime initiiert, heißt eben nicht, dass nichtjüdische Deutsche unter Androhung drakonischer Strafen mittun mussten.

(Martin Krauss: Nachdenken über einen Begriff – Warum sowohl die Wörter »Kristallnacht« und »Reichspogromnacht« problematisch sind)

Initiiert und herbeigeführt waren die Ereignisse durch offizielle Stellen. Ein Großteil der Gewaltausbrüche in jener Nacht war organisiert und gelenkt. Und im Reich machten sehr, sehr viele freiwillig mit. Und zwar groß- und weitflächig im ganzen Reich. Es waren keine einzelnen Pogrome nur in isolierten Teilen des Reiches. Die Jagd auf Juden, das Niederbrennen von Synagogen oder Geschäften, die Angriffe auf Juden und das Töten auf Juden fanden im ganzen Reich statt.

Diese Nacht war ein weiterer Schritt zur systematischen Verfolgung und Tötung von Juden im Deutschen Reich und in verbündeten Staaten. Diese Nacht führte dazu, dass heutzutage in vielen Städten und Gemeinden Stolpersteine im Bürgersteig zu sehen sind.

So wie die Stolpersteine in Nieder-Olm, die ich an der Pariser Straße vorhin da draußen vor dem Café sah. Nie wieder dürfen wir zulassen, dass so etwas Schreckliches stattfindet, was als selbstverständliche Aufregungen zunächst von Einzelnen und dann von Gruppierungen begann, sich als staatlich initiierte organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen im ganzen Reich fortsetzte und dann zu einem „ganz normalen“ Holocaust wurde, bei dem „ganz normal“ auch Hitlers  willige Vollstrecker mitmachten (siehe „Hitlers willige Vollstrecker: Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust“ von Daniel Goldhagen).

Deswegen verwende ich den Begriff „Reichspogromnacht“.

Und deswegen: Wehret den Anfängen jeglicher Verführer und Demagogen – egal aus welchen Reihen, welcher Partei und welchem Land!

Und jetzt gehe ich wieder raus aus dem Café auf die Pariser Straße und schaue, ob ich noch ein paar Stolpersteine finde. Damit ich die Reichspogromnacht und den Holocaust auf gar keinen Fall vergesse.

Stolpersteine in Nieder-Olm
Stolpersteine in Nieder-Olm

2 Replies to “Warum ich Reichspogromnacht sage #GegenDasVergessen”

  1. In der Schule habe ich von den Geschehnissen jener Zeit als Reichskristallnacht gelernt (Anm.: auch das Wörterbuch dieses Editors kennt das Wort). Nur bei diesem Wort laufen mir Schauer über den Rücken. Nur dieses Wort verdeutlichte mir die Einzigartigkeit des Grauens. Es ist ein hartes Wort. Und ich höre das Splittern von Glas.

    Später sollte ich das dann Pogrom nennen. Das klingt irgendwie weich und warm. Es war ein Pogrom, aber wird das aus jener Zeit dann nicht eingereiht in die Phalanx vieler anderer?

    So hat wohl jeder persönlich seine eigenen (irgendwann erlernten) Begriffe für das Unvorstellbare.

    1. In der Tat: Jeder hat persönlich seinen Begriff. Ich finde das auch gut so, solange man sich gerade bei diesem Thema mit dem Begriff auseinandersetzt und ihn nicht unreflektiert verwendet.

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