Willkommen im Hochtechnologieland Deutschland!

Es gibt einen Nationalen IT-Gipfel. Telekomunternehmen versprechen mantraartig gefühlt jede Woche den Ausbau ihrer DSL- und Mobilfunknetze. Werbungen zu Media-, Entertain-, DSL-, LTE und anderen Netzangeboten oder netzaffinen Angeboten bombardieren den Bürger in Print, Rundfunk, TV und sogar in diesem Internetz. Wir sind im Hochtechnologieland Deutschland.

Ich wohne in Selzen, ein Dorf mit weniger als zweitausend Einwohner. Diese Gegend von Rheinhessen liegt mitten im Einzugsgebiet des Rhein-Main-Gebietes. Das belegen mir der Berufsverkehr, die Grundstückspreise und die Mieten. Ich wohne also mitten im Hochtechnologieland Deutschland.

Also alles gut?

Die Entwicklung unseres Hochtechnologielandes hängt wie global gesehen eigentlich jedes Land im Wesentlichen von der Entwicklung dieses Digitalen ab. Manche bezeichnen dieses Digitale auch als dieses #Neuland. Und wann immer es in Deutschland um etwas Neues geht, dann ist Widerstand angesagt und erste Bürgerpflicht – vor allem für die Manager und die Politiker.

In Deutschland ist dann das Digitale oft eine Glaubensfrage. Es wird entweder vergöttert oder verteufelt. Im zermürbenden Kampf um ein modernes und wettbewerbsfähiges Arbeiten versagt dann womöglich die deutsche Elite und platziert uns auf einem Abstiegsplatz. Da wird reflexartig verzögert, gehadert und verrissen.

Hilfreich dazu ist es, dass in Deutschland – und daher besonders beim Digitalen – alles hundertprozentig sein muss. Alles muss rechtlich geklärt und vor allem abgesichert sein. Das macht die Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen hinweg holprig in Hinsicht auf Verschlüsselung, Datenschutz, Datensicherheit, Vertraulichkeitsklauseln. Gleichzeitig werden tagtäglich Unmengen an unverschlüsselten Emails mit Dokumentanhängen zwischen Unternehmen und/oder Agenturen ausgetauscht. Paradox? Nicht, wenn es um den Glauben geht.

Denn dass die Inhalte sonst niemand sieht, ist mit Sicherheit eine Glaubensfrage. Mit der Arbeit und deren Zukunft ist es ebenso eine Glaubensfrage. Befragungen, Studien, eigene Erfahrungen über den Zustand der Arbeit in unserer von Taylorismus geprägten, ja erfundenen Arbeitswelt zählen nicht, solange der Glaube dem nicht entspricht. Wir sind nicht rückständig, wir sind das Land der Dichter, Denker, Ingenieure und Erfinder. Wir gehen voran.

Nur nicht im Digitalen.

Ich habe einen 16 MBit/s-Tarif im Hochtechnologieland Deutschland. Tatsächlich liefert die DSL-Vermittungsstelle nur 9964 Kbit/s. Bis vor ein paar Monaten waren es noch über sagenhafte 12 MBit/s. Bei dem Versuch, eine Klärung durch meinen Internet-Serviceprovider (ISP) zu erwirken sagte der Techniker: “Kann vorkommen, gemäß Tarif sind es ja nur bis 16 MBit/s. Wenn Sie nur 6 MBit/s bekommen, können Sie sich mal wieder melden.”

Einkaufserlebnis Bäcker

Ein typischer Kommunikationsvorgang, den ich in den letzten Jahren immer einmal wieder erlebte, entweder selbst oder durch Erzählungen von Freunden und Bekannten:

  1. Gehe zum Bäcker
  2. Bestelle ein Pfund Brot (für Gen Y: 1 Pfund = 500 g)
  3. Bekomme 350 g
  4. Beschwere Dich
  5. Erhalte die Antwort “Aber da auf dem Schild steht doch: BIS zu 500 g
  6. Frage nach, warum das Brot denn nur halb so groß wie das 1-Pfund-Brot ist
  7. Erhalte die Antwort: “Ich kann Ihnen leider nicht garantieren, ob und wie sehr der Teig aufgeht
  8. Frage nach: “Die vorbestellten Brötchen möchte ich noch abholen
  9. Erhalte die Antwort: “Geht nicht, die Lieferung mit der Backmischung kam nicht. Stau auf der Autobahn. Aber Sie haben immerhin schon bezahlt
  10. Wundere Dich

Nur, dass es nie beim Bäcker ist. Da funktioniert das auch nicht. Der Bäcker verliert seine Kunden, er bekommt eine Klage an den Hals, sein Ruf ist ruiniert. Aus. Knocked Out. Bei den ISPs ist das Tagesgeschäft. Und wir Hochtechnologiebürger ertragen das seit Jahren – weil es bei keinem ISP wirklich besser ist. Mal ist das Netz grundsätzlich nicht ausgebaut, mal ist gerade irgendein Funkmast ausgefallen, mal… egal. Wir sind glücklich mit DSL 100 MBit/s und LTE… in ein paar Jahren, wenn andere Unternehmen und andere Staaten bereits im Gigabereich sein werden.

Willkommen im Hochtechnologieland Deutschland.

Beim Bäcker bin ich als Kunde und Bürger wenigstens noch König. Bis es den vor lauter BSP (Bäcker-Serviceprovider) auch nicht mehr gibt.

Nachtrag: Der Netzökonom Holger Schmidt liefert drei Wochen später dazu ein paar Zahlen: Deutschland fällt im Breitband-Wettbewerb zurück.

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