WIR! Schreien Dich an!

Werbung hat seine Daseinsberechtigung. Manchmal. Wenn es denn Werbung ist. Nach Jahrzehnten lässt sich aber bei Unternehmen und Agenturen das Schreien einfach nicht ausrotten. Vermutlich haben Unternehmen und vor allem ihre Mitarbeiter die Abkürzung PR als unidirektionale PRessemitteilung in ihrer DNA verankert.

Ich bin Blogger und stehe dazu. Es gibt in meinem solchigen Dasein einige gute Beispiele von Blogger Relations. Unternehmen – oder eigentlich: Menschen aus Unternehmen – haben mich kontaktiert und mich informiert oder etwas gefragt oder sogar um etwas gebeten. Wir haben bilaterale Beziehungen aufgebaut und dabei keine Vollversammlung, keinen Vertrag und keine Rückversicherung benötigt.

Andere Menschen – aus Unternehmen – kontaktieren mich jedoch seit geraumer Zeit. Nein, Kontaktieren will und kann ich diese Tätigkeit nicht nennen. Es handelt sich noch nicht einmal um eine Tätigkeit. Irgendwo sitzt ein Ork und drückt eine seiner Manifestationen – eine Email – in eine Gerätschaft. Dann drückt der Ork (oder die Orkin) auf einen Knopf und das Unternehmen – nein, der Ork dahinter schreit mich an. In mein Postfach. Ich komme kaum noch hinterher mit Spam-Meldungen, Filtern und vergeblichen Versuchen des Abmeldens aus irgendwelchen Newslettersystemen.

Auch um Newslettersysteme handelt es sich in… nein, eigentlich in keinem Falle. Das wäre doch zu skandalös, dass sich ein Blogger – oder gar ein Journalist – mit zwei Klicks opt-outen könnte. So aber geht niemand ans Telefon, beantwortet keine Email. Selbst die Unternehmenszentrale bemüht sich vergeblich, jemand aus der PRessestelle ans Telefon zu bekommen. Montags darauf kommt dann die nächste PRessemitteilung. Schande über diese Agenturen und Unternehmen und diese vermeintliche PR-Branche. Denn es ist keine PR-Branche, die sich an nahezu hilflosen Bloggern und Journalisten vergreift. Ich begehe den Sündenfall und solidarisiere mich als Blogger mit “meinen Journalistenkollegen”. Sie tun mir alle die leid, die in die Fänge von Pressemitteilungsverteilern gelangen.

Es ist… furchtbar. Mir fehlen die Worte. Der Zorn beginnt mich immer wieder und immer öfter zu in Besitz zu nehmen. Ohnmacht droht mir, und der Zorn wehrt sich.

Es reicht auch nicht, dass ich für Briefe an die Redaktion eine separate Mailadresse habe. Scheinbar haben manche PR-Stellen begriffen, dass ich mit Filtern alle Emails an diese Adresse… Also eigentlich sollte ich sie mit dem Filter unmittelbar löschen. Aber zu meinem Vergnügen markiere ich sie als gelesen und werfe sie in einen Zwinger. Gelegentlich schaue ich in den Zwinger und lese. Und amüsiere mich. Und lache. Und dann beginne ich zu weinen. Was ist aus dieser Welt geworden. Ich verstehe kein Chinesisch. Mein Spanisch ist mehr als mangelhaft. Türkisch geht gar nicht. Irgendeine der Sprachen, die ich nicht verstehe, muss es sein, in der mir die PRessestellen der Unternehmen diese Emails schreiben. Denn diese vielen unbekannten Wörter lassen mir keinen anderen Schluss zu.

Die Wortwahl. Die verschachtelten Sätze. Die langen Sätze. Die Füllwörter. Diese Konjunktive (oder heißt es Konjunktivista?). Persönliche Gespräche mit Menschen und Vorständen und… nein, das sollte keine Unterscheidung sein. Jedenfalls interessieren mich diese Personen nicht. Denn weder kenne ich sie noch geht es in diesen fremdsprachlichen Emails um Themen, die mich betreffen oder interessieren.

Der Erfolgscoach Thomas Schlechter beispielsweise sendet mir umgehend einen Veranstaltungstipp und bietet mir ein Gespräch an. Er nennt mich Redaktions-Kollege. Zumindest scheint er mir höchstpersönlich diese Email gesendet zu haben, denn die Absenderadresse suggeriert mir dies zunächst. Immerhin steht am Ende aber ein Pressekontakt. Dabei ist die einzige Presse, über die ich jemals verfügt zu haben glaube, eine Orangenpresse. Erfreulicherweise ist diese Presseinformation und Einladung sofort zur Veröffentlichung freigegeben. Als ob das irgendeine Relevanz habe. Nun ja, es geht ja um einen Vortrag mit Live-Mentaltrainig auf Knopfdruck mit komplexem psychologischem Wissen zu Denkformeln verarbeitet. Das wirkt dann wie ein Kickschalter. Erstaunlich. Einen Tag später kommt gleich nochmal eine Erinnerung. Schlechter sei ja dann in meiner Nähe. Also muss Garmisch-Partenkirchen, Köln, Hamburg, Hannover, Leipzig, Berlin oder München irgendwo in meiner Nähe sein.

Anders die Legodo. Sie, beziehungsweise eine Frau aus der Saalto Agentur in Karlsruhe, versucht mich irgendwie zu informieren über Softwareentwicklung für die Personalisierung schriftlicher Kundenkommunikation, gestartet auf oder mit oder in einem Kürzel “CCW”. Es geht schließlich um Fax, Post oder Email, CCS, CRM, Kunden, Oracle/Siebel, SAP, Salesforce, Sugar CRM oder Oracle CRM on Demand, DDV, B2B, “Visonäre im Dialog” (dabei hat sie noch gar nicht mit mir gesprochen), ERP, PowerDocs, Oracle Fusion, Dialogmarketing, automatisierte Angebote und Produktportfolios. Außerdem steht mir die Dame für Rückfragen oder weitere Informationswünsche jederzeit gerne zur Verfügung. Leider hat sie auch nach meinem mehrsekündlichen Warten beim Anrufversuch meinen Anruf nicht entgegengenommen. Noch nicht einmal ein Anrufbeantworter (oder Box oder Knecht) hat sich bequemt, das Telefonat entgegenzunehmen. Schade (auch wenn es gerade Samstag Abend um 22:20 Uhr ist). Es wäre mir ein Vergnügen gewesen. Ihr, die laut Rapportive auch Prokuristin und PR-Beraterin ist, vermutlich nicht.

Brightone ist da etwas anders gestrickt. Da geht es um den Schlüssel zum Erfolg und gelebte Praxis. Oh, das Unternehmen war gestern, als heute noch morgen sein wird, ebenfalls auf der CCW. Vielleicht habe ich das auch etwas falsch verstanden. Ich glaube, ich kenne mich in der CCW-Branche nicht hinreichend aus, um deren Trends zu vestehen. Oder geht es um die Kommunikationsbranche? Gut, da kann man – und vor allem Frau und Mann von Unternehmen – noch viel lernen. Beispielsweise über exponentielles Wachstum, Vernetzungsmöglichkeiten, Kundenservice, Lösungsverantwortung, “Case Management”, Systemintegratoren, Firmen wie Legodo… huch?, Multikanalmanagement, virtuelle Assistenten, mobile Webseiten und SAP-Integration und weiteres Zeugs. Aber auch um klassische Sprachportale (ah, die kenne ich, da lege ich jedes Mal auf), Purpleview, Liveperson, Voiceself, Intelligence (wirklich?), Test- und Monitoringlösungen, Online-Dialog und Konversionsrate geht es. Die Konversionsrate scheint bei mir zu versagen.

Immer wieder diese Unverschämtheiten. Mir als Blogger eine Presse-Einladung zuzusenden. Tssssss. Gar nicht gut recherchiert. Schlecht recherchiert. Sogar sehr mies recherchiert. Nein, überhaupt nicht recherchiert. Ich weiß zwar um Jquery, weil ich (auch) aus der IT-Ecke komme, aber warum mir Gentics Software eine Einladung nach Österreich schickt… Moment, Gentics hat doch Brightone bereits… oder klang das nur irgendwie ähnlich? Österreich. Nun ja, um zu GET IN TOUCH zu gehen, wäre das vielleicht nicht verkehrt. Von Reisekosten steht da aber nichst. Und überhaupt: WARUM SCHREIEN DIE MICH MITTEN IM SATZ AN? Immerhin ist da ein Link in der Email. Aha, am 28. Februar in Wien. Wie, kein Ton von Reisekosten oder Hotelkontingent? Wie soll ich so kurzfristig noch Flug und Übernachtung… Mein virtueller Assistent hat gerade Urlaub, für sowas habe ich keine Zeit.

Oh, da ist noch was von Saalto. Actuate übernimmt Lego… de und erweitert Accessible-Customer-Communitions-Managementlösung als Vogel… äh Bird-Unternehmen. Auch da geht es – natürlich, wieder, schon – um ERP, CRM, Kundenkommunikation, CCM, Salesforce, SAP, Siebel, Oracle Fusion, dann um CTO, CEO, Co-Vice, Co-General, Director, Technologie und noch effektivere Lösungen. Das alles für eine 360-Grad-Ansicht des Kunden. Das ist – natürlich – heute einfach realisierbar. Da ergeben sich ganz neue Potentiale im Rahmen eines Marktes (“Market of One”), SQL, Text und Web-Services, ROI, Office, iOS, Android, IDE, Hub. Keine Ahnung habe ich allerdings, welches die Ausgangssprache, in der der Originaltext veröffentlicht wurde, war oder ist, denn nur dies ist die offizielle und autorisierte Version. Ich wäre beruhigt zu wissen, ob ich nun über eine autorisierte Version oder nur über ein Fake verfüge. Bei den ganzen Copy-Cats in Berlin kann man selbst in Deutschland nicht mehr sicher sein.

Bei Smartphones fühle ich mich etwas sicherer. Irgendein Westend62 launscht da eine Kollektion mit, von oder über Smartphones. Ganz smart natürlich. Da werden schon dreitausend Bilder angeboten. Nichts also im Vergleich zu Getty Images oder so. Von meiner Bibliothek unter CC-Lizenz gar nicht zu sprechen. Ich wusste allerdings auch schon vor ein paar Jahren, dass sich mit Handys besondere und spontane Momente festhalten lassen. Dafür muss ich kein Geschäftsführer sein. Sind meine Fotos immerhin auch unmittelbar, echt, unverkrampft, manchmal nicht perfekt und doch manchmal wirkungsvoll, glaubwürdig, emotional und mit eigener Ästhetik. Blöd, wenn man sozusagen einem Konkurrenten, der ebenfalls Fotos anbietet, Fotos “zu Lizenzpreisen zwischen zehn Euro und maximal einhundert Euro je nach vorhandener Auflösung” anbietet.

Aber da, da ist etwas interessantes. Doccheck verleiht einen Preis, neudeutsch “Award”. Allerdings scheint dieser nicht teilbar zu sein, auch wenn das Motto mir das zunächst suggeriert. Ganz toll aber ist, dass der jeweilige Gewinner eine Auszeichnung für die beste Kommunikation im Social Web erhält. Da sollte Doccheck wohl nicht damit rechnen, dass Doccheck selbst so etwas bekommt. Mit mir hat Doccheck nämlich nur per PRessemitteilung kommuniziert. Ach nein, das ist ja nur die AKüMail – die Ankündigungsmail – mit einem Link auf die Pressemitteilung als PDF. Deutsch-Englisch-Sprach schwere Sprache. Wenn überhaupt wäre ich mit einer Pressemitteilung im portablen Dokumentformat einigermaßen zufrieden zu stellen. Aber so? Das wäre, wie wenn ich als und wie verwechseln würde. Andererseits ist die Gesundheitsbranche nicht gerade für innovative Kommunikation bekannt. Sagt mir diese Email. Das habe ich verstanden. Sehr gut sogar. Sogar mit Beispiel wie diese Email.

Noch was von Brightone… oooch nö. Lieber nicht. Skip. Oooch nö, noch was von Brightone. Skip.

Ein Redaktionsdienst macht Werbung. Oder was sonst ist das denn, wenn es um 80 Welt-Skiregionen im Preis-Check mit Skifahren als Luxusgut und bis zu 84 Euro/Tag und Person oder 509 Euro/Woche mit bis zu 494% Preisunterschied mit erstem Schnee, Skilift, Preisgefälle in USA, Schweiz, Österreich, Sparpotentialen, Tickets… Das ist jetzt aber mal wirklich langweilig. Skip.

Saalto. Schon wieder. Immer noch oder schon CCW. Skip.

Ein Guest Post Proposal beispielsweise über Backup, Dokumentenvernichtung, Compliance, Lektionen zur Wiederherstellung, Aufbewahrung. Gut recherchiert. Wirklich. Nicht. …Moment mal. 20 US-Dollar für meine Bemühungen pro Artikel! Das ist ja mal eine interessante Geschäftsidee. Die ließe sich doch übertragen. Vielleicht sollte ich einfach nur die ganzen PRessestellen kontaktieren und ihnen die Veröffentlichung ihrer PRessemitteilung mit einer Bemühungsvergeltung von 100 Euro pro Stück anbieten. Ich werde reich.

WIR! Schreiben Dich an!

Besonders reich wurde ich bereits an Amüsement. Doch dieses Amüsement hält immer weniger lange an. Bereits nach acht oder zehn PRessemitteilungen beginnt sich meine Laune von anfänglich amüsiert über gelangweilt bis wütend zu verändern. Die Zeiten sind vorbei, wo ich nur darüber lächelte, wie dilettantisch sogenannte PR-Agenturen und PRessestellen kommunizieren. Nein, Kommunikation will ich das gar nicht nennen. Es ist einfach nur dümmlich, unverfroren und aus dem letzten Jahrtausend. So wie übrigens das Cluetrain Manifesto. Möglicherweise sollte ich einfach nur…

Ich schicke denen einfach einen Link auf das Cluetrain Manifest. Sie haben es sich verdient.

Nachträge

Die Emails sind raus:

Sehr geehrte [Name, Emailadresse, Funktion],

vielen Dank für die Aufnahme in Ihren Mailverteiler, aufgrund dessen ich auf für mich bemerkenswert irrelevante Informationen stieß.

Gerne möchte ich Ihre Aufmerksamkeit daher auf die nachfolgende Quelle lenken:

Cluetrain Manifest: http://www.cluetrain.com/

Ich würde mich freuen, wenn Sie mich aus ihren Verteilern entfernen würden.

Anmerkungen:

  • Wer wie die Pressestelle von Brightone in einem kilometerlangen Abbinder der Pressemitteilung schreibt „Die Information in dieser E-Mail ist vertraulich und kann einer Verschwiegenheitsverpflichtung unterliegen.“, der kann nicht ernsthaft erwarten, dass jemand darüber schreibt. Ich tue es dennoch. Update: Frau hat mich aus dem Verteiler entfernt.
  • Tatsächlich überraschte mich der Skifahrdienst mit der Möglichkeit, mich auf einer Website aus seinem Verteiler zu entfernen. Ich bin gespannt… immer noch, ob die angekündigte Bestätigungsabmeldenachricht irgendwann eintrudelt.
  • Wer mir als Redaktionskollege von einer Emailadresse von klick-tipp.com schreibt, der sollte noch etwas an seinen Fähigkeiten arbeiten.
  • Vom Jquery-Team bekam ich prompt eine Abwesenheitsmeldung zurückgeworfen. Update: Ebenso prompt bekam ich Dienstags noch eine „Reminder Presse-Einladung“.
  • Besonders interessant wäre es für mich, ob die GeBetroffenen über ein Monitoring verfügen. Ich würde mich über Kommentare in diesem Social Web und besonders hier in diesem Blog in diesem Social Web freuen, voraussichtlich sogar amüsieren.

4 Antworten auf „WIR! Schreien Dich an!“

    1. Das passt. Und das ganze Zeugs („Zuscheißen“) nimmt weiter zu statt ab 🙁

      Glücklicherweise kommt auch immer mal wieder eine qualifizierte Anfrage. Die kommt dann in der Regel überhaupt nicht über einen Verteiler oder ein PR-Tool sondern über eine saubere Recherche nach Influencern zu Themen.

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