31 Tage Schreibroulette

Anfang Januar hatte ich eine verrückte Idee: 31 Tage lang jeden Tag über etwas schreiben, was in meinem Feedreader als neuester Artikel erscheint. Egal von wem, worüber und wo.

Es hat funktioniert, irgendwie. Ich habe es durchgezogen. Jeden Tag rief ich meinen Feedreader auf, öffnete den jeweils neuesten Artikel, las ihn und schrieb, was mir dazu einfiel. Dabei waren nicht nur Artikel von Blogs oder Seiten, die ich abonniert habe, sondern auch solche, die aufgrund von abonnierten Suchen nach irgendwelchen Schlüsselwörtern in meinem Feedreader landeten. Und solche, die darin landeten, weil sie in meinem Pinboard- oder Diigo-Netzwerk gebookmarkt worden waren.

Ich wusste nicht, welchen Artikeltyp ich verwenden würde. Nach 31 Tagen stelle ich fest, dass ich Kommentare schrieb. Manchmal auch eine Mischung aus Kommentar, Kolumne und Bericht. Fachartikel, das war mir sehr schnell klar, würde ich nicht schreiben, und so war es dann auch.

Federhalter

Dies hier ist ebenfalls eine Mischung aus Bericht und Kommentar. Ich berichte darüber, wie ich jeden Tag mein Schreibroulette schrieb. Es ist ein Bericht über mein tägliches Schreibroulette-Ritual. Es ist aber auch ein absolut subjektiver Erfahrungsbericht und Kommentar über mein Schreibroulette.

Schreibroulette-Routine

Im Laufe der 31 Tage habe ich ein Ritual entwickelt, das mir das Nachdenken über mein Vorgehen und damit Zeit ersparte. Inzwischen gehe ich nach einem festen Muster vor, das ich fast immmer auch in dieser Reihenfolge einhalte:

  1. Toggl aufrufen und die Zeiterfassung für das Schreibroulette starten
  2. Musik aufrufen und starten. Beispielsweise Harfenmusik von Andreas Vollenweider oder ähnliches (beispielsweise über Last.fm)
  3. Den Feedreader Feedly im Browser auf dem Mac oder Windowsrechner aufrufen, selten auch Mr. Reader auf dem iPad
  4. In Feedly alle ungelesenen Beiträge aufrufen, den neuesten (ganz oben in meiner Sortierung) in neuem Browsertab aufrufen
  5. In meiner Dropbox in das spezielle Verzeichnis für das Schreibroulette gehen und die letzte Datei vom Schreibroulette kopieren
  6. Die aktuelle Datei erhält im Dateinamen die aktuelle Restminutenzahl (z.B. „SR 060 Schreibroulette“), jedes Schreibroulette setze ich mit mindestens 15 Minuten fürs eigentliche Schreiben an
  7. Öffnen der Schreibroulette-Vorlage in ByWord (Mac oder iPad) oder WriteMonkey (Windows) zum Schreiben in Markdown
  8. Überschrift und Textkörper entfernen, und Anpassen von Text und Link zum aktuellen Schreibroulette-Artikel
  9. Den Artikel mit Evernote Clearly aufrufen (bei mehrseitigen Artikeln nur, wenn Clear die Seiten zusammenfasst)
  10. Focus Booster aufrufen und starten zum Messen der Lesezeit (auf dem iPad merke ich mir die Uhrzeit)
  11. Den Artikel lesen
  12. Focus Booster stoppen
  13. Zeit im Markdown anpassen
  14. Focus Booster starten zum Messen der Schreibzeit
  15. Meinen Schreibroulette-Artikel schreiben. Möglichst ohne Links sondern nur schreiben (manchmal kann ich nicht widerstehen). Einfach losschreiben
  16. Focus Booster stoppen, die Schreibzeit im Markdown-Artikel anpassen
  17. Optional: Auf Flickr nach einem passenden CreativeCommons-Foto suchen, das Foto in passender Auflösung herunterladen. Einen 16:9-Ausschnitt machen (z.B. mit Fotor auf dem Mac), die Datei sprechend benennen. Den Text für die Bildquelle im Markdown-Artikel anpassen oder löschen (wenn kein CreativeCommons-Foto)
  18. Den HTML-Quelltext des Markdown-Artikels in die Zwischenablage kopieren
  19. Einen neuen Artikel in WordPress anlegen, den Titel inkl. „SR nnn“ setzen
  20. HTML in Textsicht einfügen
  21. Metadaten wie Kategorie, Schlagworte, Meta-Description pflegen
  22. Foto hochladen
  23. Den Artikel korrekturlesen und gegebenenfalls anpassen
  24. Den Artikel in WordPress veröffentlichen
  25. Den automatischen Tweet des Schreibenden als @fwhamm retweeten. Auf Google+ und Facebook als INJELEA posten, anschließend jeweils als Frank Hamm teilen
  26. In Toggl die Zeit anhalten

Das ist mein tägliches Schreibroulette-Ritual, das ich im Großen und Ganzen mit nur wenigen Abweichungen inzwischen durchziehe durchzog.

Meine Schreibroulette-Erfahrungen

Das Ritual hilft mir sehr, das Schreibroulette schnell und effizient durchzuziehen. Was mir schwer fällt, ist eine angemessene Schreibzeit zu finden. Am Besten klappt es mit dem Schreibroulette, wenn ich es fest mit einer Uhrzeit einplane und das auch mit der Realität übereinstimmt. Wenn ich es „irgendwann“ während des Tages machen will, dann wird es wirklich „irgendwann“. Meistens dann erst gegen spätnachmittags oder sogar am Abend.

Inzwischen habe ich es gut im Griff, dass ich das Schreibroulette am Vormittag durchziehe.

Für das Lesen des Schreibroulette-Artikels brauche ich je nach Länge des Artikels und der Komplexität zwischen einer Minute und zehn Minuten. Die Ansicht in Evernote Clearly hilft mir beim Fokussieren. Wenn ich meinen Vorsatz des Nichtlinkens im Text durchbreche, dann brauche ich länger, deutlich länger als ich nur für das Linksetzen benötigen würde. Denn dann gebe ich der Versuchung manchmal nach, doch noch schnell Zusätzliches, beispielsweise einen Eintrag auf Wikipedia, zu lesen.

Ein Artikel hat meistens so etwa 3000 bis 5000 Zeichen. Das also ist machbar in einer überschaubaren Zeit. Die Zeitmessung mit Toggl hat mir gezeigt, dass ich je nach Länge und Komplexität des Leseartikels und meines Artikels zwischen 40 und 60 Minuten für ein Schreibroulette brauche. Ups? Das ist ja über doppelt so lange wie fürs Lesen und fürs Schreiben? Wieso das denn?

Die Zeit geht einfach drauf für das „Doing“ wie Kopieren oder Anlegen einer Datei oder eines Artikels, das Pflegen von Metadaten, das Korrekturlesen, das Teilen auf den Sozialen Medien.

Wenn ich ein Foto recherchiere und verwende, dann können da locker 10 Minuten dafür vergehen. Ich brauche ein passendes Foto, muss es bearbeiten, muss es hochladen, muss den Urheberrechtsvermerk pflegen. Das brauch einfach seine Zeit. Selbst wenn ich ein eigenes Foto verwende.

Wenn ich anfange für den Artikel selbst zu recherchieren, dann bläht das die Zeit auf. Ich hatte da doch mal was gelesen… nachschauen in meinen Bookmarks oder Evernote. Gefunden. Scannen, obs passt. Verlinken, Gedanken einfließen lassen. Einer Querverlinkung nachgehen. Lesen, verwerfen, doch verwenden. Artikel anpassen. Die maximale Zeit für ein Schreibroulette waren etwa 80 Minuten.

Und das ohne wirkliche Quellenrecherche. Ohne Themenrecherche. Ohne wirkliche Auseinandersetzung mit den anderen Artikeln oder Themen. Diese Erfahrung hatte ich tendenziell vorausgesehen. Und mich dennoch verschätzt. Zu Beginn hatte ich mit 30 Minuten täglich für das Schreibroulette gerechnet. Bei einem Artikel auf dem INJELEA-Blog kommen manchmal locker drei bis vier Stunden zusammen – eben genau mit der Recherche, dem Lesen, dem Verarbeiten für den Arikel, Verlinken, Zitieren und so weiter.

40 bis 60 Minuten täglich nur für das Schreibroulette. Eine verrückte Idee. Die mir aber sehr, sehr viel Spaß und Erfahrung bereitet hat.

Fortsetzung folgt?

Mache ich weiter mit dem Schreibroulette? Mit Sicherheit nicht auf einer täglichen Basis, das frisst einfach zu viel Zeit. Mein Ritual hat mir inzwischen viel künstlichen Stress weggenommen („Oh, ich muss ja heute noch Schreibroulette!“), weil ich Routine bekam und ich es inzwischen für den Morgen einplante. Dennoch bleibt die Verpflichtung und die Zeit. Ohne Vergütung werde ich kein tägliches Schreibroulette machen. So als Kolumne für… 😀

Nein, ich werde das tägliche Schreibroulette nicht fortführen.

Aber.

Es hat Spaß gemacht. Es hat mir Blicke über den Tellerrand verschafft. Ich werde meine Suchanfragen anpassen und auch mein Netzwerk auf den Bookmarking-Diensten.

Vielleicht beziehe ich auch andere Dienste wie Zite oder Flipboard mit ein für ein tägliches Leseroulette. Jeden Tag einen Artikel über den Tellerrand schauen und lesen.

Und zumindest ein Mal in der Woche ein Schreibroulette?

Mal sehen. Ich denke drüber nach.

P.S. Mist, jetzt habe ich vergessen, die Toggl-Zeiterfassung für diesen Artikel zu starten. Aber was soll’s, ich trage einfach eine Schätzung nach.

Zwischenstand: 1096 Wörter und 8499 Zeichen für diesen Artikel vor der Korrekturlesung. Aber diesmal habe ich wirklich nur einfach losgeschrieben. Nix verschlabbert, nix verschütt.

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