Kategorien
Allgemein Geschriebenes

Arbeiten – Swim at your own Risk

Mit dem selbstbestimmten Arbeiten ist es wie mit dem Schwimmen: Auf eigenes Risiko.

Früher, da war alles einfach. Zur Arbeit pendeln, um neun Uhr anfangen, um siebzehn Uhr aufhören, nach Hause pendeln. Der Boss sagte, wo es lang ging und was bis wann zu arbeiten war. Feierabend, Wochenende und Urlaub waren privat. In der Bank hatte man Anzug zu tragen, im Büro mindestens Stoffhose und Hemd. Der Schreibtisch war das Arbeitszuhause.

Heute ist die Welt kompliziert. Zu Hause arbeiten, Home Office, unterwegs arbeiten, im Urlaub klingelt der Boss mit dem Telefon und schickt der Kunde Emails, ich muss selbst über die nächste Arbeitstätigkeit entscheiden. Schlafanzug, Bademantel, Jogging-Anzug. Wo, wann und wie ich arbeite, entscheide ich.

Zwei Extreme; die Realität liegt heutzutage für viele irgendwo dazwischen. Doch die Freiheiten, die nicht jeder möchte, nehmen zu. Viele Arbeiter wollen gar nicht anders als in dem alten Modell zu arbeiten. Andere wollen das Extrem im Bademantel mittags zwischen Schnitzel und Kaffee.

Immer mehr Arbeiter sind Wissensarbeiter, auch wenn sie es selbst vielleicht gar nicht wissen. Als Angestellter, als selbstständiger Handwerker, als Berater, als Arbeiter am Fließband. Heutzutage ändert sich die Umwelt für Unternehmen und für Arbeiter oft so schnell, dass nur eines bleibt: Schnell Wissen aneignen und generieren für das Unternehmen und das eigene persönliche (Karriere)Wohl. Der Heizungsmonteur rennt bei meiner Mutter im Keller mit dem Smartphone herum auf der Suche nach Wissen über die richtigen Teile und die richtige Montage. Das Wissen wird dann gleich noch an die Kollegen weitergegeben. Unterwegs arbeiten. Ich sitze auf der Terrasse und schreibe ein Konzept für einen Kunden. Zu Hause arbeiten. Im Zug noch schnell eine Email schreiben und den Kunden mit wichtigen Informationen versorgen – die Informationen liegen zu Hause auf dem eigenen Server, im Netz, im Speicher des Tablets oder im Kopf anderer Menschen.

Die Welt ist im Wandel und die Versuchung ist groß. Mal schnell zur Abkühlung in die Fluten stürzen und die Sonne genießen. Der Absturz kommt schnell – sei es in der Badehose, im Bademantel, im Schlafanzug. Die eigene Entscheidung über Ort, Zeit und Umstände des Arbeitens bedeutet auch eigenes Risiko darüber, was funktioniert und was nicht. Ich beispielsweise weiß, dass nichts versuchender und verdammenswerter ist als morgens einen Kaffee reinzuziehen und dann im Schlafanzug am Esstisch mit der Arbeit anzufangen. Die eigene Kleidung und die Umgebung suggerieren mir, dass es ja nicht so ernst ist mit dem Arbeiten. Also nach dem Prüfen der Emails werde ich sofort… ein Link zieht mich zu Facebook, der nächste auf Twitter, danach kommt ein lustiges Video auf YouTube. Zwei Stunden später hänge ich weinend über dem fünften Kaffee und beklage mich, dass ich so viel zu arbeiten habe.

Der Schlafanzug und der Bademantel sind Signale für den eigenen Kopf, dass keine Arbeitszeit ist. Gleichzeitig dient jede Ablenkung dazu, diese Ansicht noch weiter zu bestätigen. Die Ehefrau nimmt mich sowieso nicht ernst, wenn ich im Schlafanzug ernsthaft arbeite(n will – und ob sie mich ansonsten generell ernst nimmt… das ist eine anderes Thema). Munter bespricht sie bereits den Ausflug am Wochenende während ich doch eigentlich diesen wichtigen Artikel für den Kunden… und das auf Termin in einer Stunde.

Für mich funktioniert es viel besser, wenn ich morgens aufstehe, mich im Bad fertig mache, ich danach frühstücke, ich am Esstisch vielleicht noch meinen Tag plane und ich dann ins Büro zehn Meter weiter gehe. Angezogen mit Hose und Hemd. Kein Jogging-Anzug aber auch kein Business-Anzug. Legere Bürokleidung, vielleicht etwas lockerer als im Büro in einem Unternehmen. Musik wähle ich gezielt nach meiner Tätigkeit aus. Je konzentrierter ich arbeite, um so ruhiger und leiser die Musik. Jetzt beispielsweise dudeln die Eagles leise im Hintergrund. Bei einem Konzept oder der Vorbereitung einer Präsentation ist die Musik aus. Instant Messaging wie Skype oder Lync sind ebenfalls aus oder auf “Beschäftigt” gesetzt. Benachrichtigungen und Ton sämtlicher Rechner wie PC, Macbook und Smartphone sind aus. “Schatz, ich gehe jetzt arbeiten im Büro” und die Türe schließen bedeutet für meine Frau, dass ich arbeite und nicht gestört werden will. Jede noch so willkommene Störung reißt mich für ein paar Minuten aus der Konzentration. Auf der Terrasse wagt sie es hingegen durchaus, mich anzusprechen.

Es gibt auch die lockere Büroumgebung: Auf der Terrasse, im Park nebenan, im Café in der Stadt. Aber diese Freiheit nehme ich mir nur, wenn die Arbeit dazu passt. Ein paar Emails checken, RSS-Feeds stöbern, Facebook oder Twitter durchstreifen, mit Zite oder Flipboard vermeintliche oder wichtige Nachrichten gewinnen, Themen recherchieren, das Netz durchstreifen. Das geht dann. Doch bereits das Durchlesen längerer Artikel verschiebe ich auf eine ruhigere Umgebung, dann arbeite ich beispielsweise die Inhalte in meiner Pocket-Leseliste durch. Doch manchmal fällt mir die Decke auf den Kopf. Email, Social Media, Instant Messaging und Voice over IP können das Schwatzen und Austauschen mit anderen nicht ersetzen. Manchmal muss ich einfach nur raus. Manchmal auch, weil unser Kater @HerrIdefix meine Signale ignoriert und die Tastatur belegt.

Signale setzen für mich und andere sowie Fokussieren sind für mich die zwei wesentlichen Faktoren, mit denen ich es recht gut schaffe als Selbstständiger meine Arbeit, meine Umgebung und vor allem mich zu kontrollieren. Und doch stelle ich immer einmal wieder fest: “Widerstand ist zwecklos, Du hast keine Kontrolle über das Biest, das Du selbst freigelassen hast!” Aber ich versuche es, immer wieder. Es ist ein ständiger Kampf. Meistens bin ich erfolgreich und ringe das Biest nieder. Zur Belohnung gönne ich mir eine Runde Facebook.

Swim at your own risk

Die Freiheit im Bademantel ist nahezu grenzenlos. Aber es gibt keinen Life Guard, keinen Wächter, der mich aus dem Strudel oder aus dem Bademantel zieht. Es sind meine Verantwortung und meine Entscheidung, wie ich mit der Freiheit umgehe. Egal ob ich selbstständig oder angestellt zu Hause oder unterwegs arbeite – niemand schaut mir jede Minute über die Schulter und stürmt notfalls ins Wasser, um mich zu retten. Swim at your own Risk.

Von Der Schreibende (Frank Hamm)

Der Schreibende (* 1961 in Ingelheim am Rhein als Frank Hamm) ist Kultur- und Weinbotschafter Rheinhessen, Autor und Wanderblogger | Blogger, Jogger, SunriseRunner & Wanderer | Rheinhessen & Hawai'i Fan | Science Fiction Fan, Philosoph & Trekkie. Der Schreibende lebt in der Ortsgemeinde Selzen (Rheinhessen), ca. 15 km südlich von Mainz. Im Blog Der Entspannende berichtet er über das Entspannen bei Wandern, Genuss und Kultur.