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Auf der Strecke geblieben

Der Zug steht. Ein Mensch ist auf der Strecke geblieben. Ich grübele.

Ich sitze im ICE 372 von Frankfurt nach Berlin, um morgen am Digital Workplace Day in der Kalkscheune teilzunehmen. Der ICE ist schätzungsweise zu 80 Prozent ausgelastet. Doch hier, kurz hinter Braunschweig, kurz hinter einem Bahnübergang in einer leichten Linkskurve blieben wir auf der Strecke.

Auf der Strecke geblieben ist vor allem jedoch ein Mensch. Mitten in der Fahrt bremste der ICE kurz nach 14 Uhr abrupt und kam nach einigen, wenn nicht vielen hundert Metern zum Stehen. Eine kurze Durchsage informierte uns Fahrgäste (“Wir haben einen Menschen überfahren”) und bat uns um Zeit und Geduld. Gegen halb Drei kam eine weitere Durchsage. Polizei, Rettungskräfte und Notfallmanager der Bahn würden erwartet. Erfahrungsgemäß müssten wir mit einer Verzögerung von etwa 120 bis 180 Minuten rechnen. Wie es weiterginge … würde sich frühestens dann entscheiden.

Kurz hinter Braunschweig fuhr der ICE in einer leichten Linkskurve, überquerte einen Bahnübergang. Kurz dahinter lag eine Person auf den Gleisen. Eine Vollbremsung sei eingeleitet worden, erfolglos. So hätte der Fahrer berichtet.

Der Zug konnte nie rechtzeitig vor der Person halten. Vermutlich genau deswegen hatte sich die Person genau dort hingelegt. Was hat diesen Menschen zu seiner Tat bewegt? Manchmal geht es mir schlecht im Leben, ich fühle mich antriebs- und mutlos. Und das, obwohl ich selbst mich als Optimisten aus Prinzip sehe. Aber auch ich habe schon einmal einen Tag, an dem ich alles und besonders mich in Frage stelle. An dem ich die Umstände, die Menschen und manchmal auch die Menschheit in Frage stelle.

Ausgerechnet Enya – A Day without Rain – hörte ich mir mit meinem iPad und den Kopfhörern an, während wir diesen Menschen überfuhren. Ich erinnere mich noch sehr genau an den Tag, als ich im Büro Feierabend machte und durch den Haupteingang die Bank verließ. Die Empfangsdame und zwei Kollegen hörten irgendetwas, hatten den Ton furchtbar laut gestellt. Ich dachte noch “Können die das nicht leiser stellen?”. Erst als ich zuhause war, erfuhr ich von den Anschlägen am 9/11. Und nicht lange dauerte es, bis jemand den Song “Only Time” von Enya mit Berichterstattungen über den Anschlag mixte.

Jetzt kommt eine weitere Durchsage. Der Notfallmanager ist mit dem Taxi von Hannover aus hierher unterwegs, in etwa 45 Minuten wird er eintreffen. Erst danach wird sich herausstellen, ob wir überhaupt mit diesem Zug weiterfahren können. Alkoholfreie Freigetränke werden vorbereitet.

Was bringt einen Menschen dazu, sich das Leben nehmen zu lassen oder gar sich “für eine Sache” umzubringen und andere mit in den Tod zu reißen? Ich kann mir nur Verzweiflung und in zweitem Falle zusätzlich Wut als Grund vorstellen. Aber ich kann nicht in die Köpfe anderer hineinschauen. Aber ich glaube daran, dass es Verzweiflung gewesen sein mag. Oft scheint die Verzweiflung der einen mit … womit auch immmer … der anderen einher zu gehen. Wie eine Waage schlägt das Pendel der einen nach unten, während das Pendel der anderen nach oben schlägt. Warum nur “erkaufen” sich die anderen ihr “gutes” Leben mit der Verzweiflung der anderen?

Logisch gedacht müssten wir in unserer großen Erden-Gesellschaft einfach nur dafür sorgen, dass das Leben für alle und unter allen ausgeglichen ist. Die Ressourcen, die Freundlichkeit, die Menschlichkeit. Alles ganz einfach. Logisch. Druck vermeiden und Gemeinschaft aufbauen. Aber so war es in der Geschichte dieser Erde wohl nie wirklich. Vor allem nicht überall und zur selben Zeit.

Wer mag die Person gewesen sein, die sich vom Zug hat überfahren lassen? Was hat diesen Menschen so mit Druck versehen? Könnte ich so verzweifelt sein? Ich fühle mich hilflos dabei, nach Erklärungen zu suchen. Im Fall von Selbstmordattentätern scheint es für viele ganz einfach zu sein. Die Attentäter sind entweder von Grund auf böse oder fehlgeleitet oder beides. Doch vermutlich sind sie auch verzweifelt. Die vielen Flüchtlinge sind verzweifelt, deswegen haben sie ihr Heim und ihre Heimat verlassen. Wie groß muss der Druck wohl sein, damit Menschen verzweifeln. Und wir versuchen, die Folgen zu bekämpfen. Grenzen, Polizei, Militär. Das muss in der akuten Situation sein. Aber Jahr um Jahr exportieren wir unsere Waffen, unterstützen Regierungen, fördern Strukturen, die Druck ausüben, an dem Menschen verzweifeln. Jahr für Jahr bekämpfen wir die Folgen immer heftiger. Doch wo bleibt das Pendel für die Menschlichkeit?

Menschen flüchten. Manche Menschen flüchten nicht mehr, weil sie nicht wissen, wohin. Oder weil sie glauben, die Ursache zu kennen. Sie beginnen zurückzuschlagen. Sie glauben, die Verursacher zu kennen. “Macht kaputt, was Euch kaputt macht” ist mir noch gut in den Ohren. Hätte der Mensch, der sich von unserem Zug überfahren ließ, vielleicht auch einen Verursacher für seine Situation identifiziert, hätte er dann vielleicht zurückgeschlagen in seiner Verzweiflung?

Ich stelle Fragen und kenne die Antworten nicht. Das verursacht so etwas wie Verzweiflung in mir. Vor allem aber Ohnmacht, aus der Verzweiflung erwächst.

Die Kripo ist da, ein neuer Lokführer ist aus Hannover unterwegs und wird voraussichtlich nach 16 Uhr da sein. Irgendwann habe ich irgendwo einmal gelesen, dass ein Lokführer in Laufe seiner Tätigkeit durchschnittlich Zwei Komma Irgendwas Menschen überfährt. Ich könnte in so einer Situation mit Sicherheit nicht mehr fahren. Möglicherweise geht es nachher nach Wolfsburg weiter. Nach der Prüfung, ob der Zug bewegt werden darf. Ob die Angehörigen, Freunde und Bekannten des Toten schon von seinem Schicksal, seinem Tod, wissen? Schicksal, das klingt so unabwendbar. Wussten sie von seiner Verzweiflung? Konnten sie etwas tun, wollten sie etwas tun? Wollte der Verzweifelte das?

In der Zwischenzeit laufe ich ein paar Wagen hin und wieder zurück, um etwas in Bewegung zu sein. Irgendwo bei Wagen 7 schnappe ich einen Gesprächsfetzen von jemandem auf, der ein Telefon am Ohr hat: “Irgend jemand muss doch die Verantwortung übernehmen”.

Die Unfallstelle ist freigegeben. Auf den Straßen ist viel los. Der Ersatz-Lokführer wird in einer Viertelstunde erwartet.

Es ist jetzt vier Uhr. Der Zug steht. Ein Mensch ist auf der Strecke geblieben. Ich grübele. Warum bleiben Menschen auf der Strecke …

Von Der Schreibende (Frank Hamm)

Der Schreibende (* 1961 in Ingelheim am Rhein als Frank Hamm) ist Kultur- und Weinbotschafter Rheinhessen, Autor und Wanderblogger | #Blogger, #Jogger, #SunriseRun & #Wandern | #Rheinhessen & #Hawaii Fan. Ich lebe in der Ortsgemeinde Selzen in #Rheinhessen, ca. 15 km südlich von #Mainz. Beiträge dieses Blogs werden automatisch im Fediverse als @frank@derschreiben.de geteilt. Kommentare erscheinen nach Freischaltung beim Blogartikel. Als Person findest Du mich im Fediverse unter DerEntspannende@Digitalcourage.social. Im Blog Der Entspannende berichtet ich über das Entspannen bei Wandern, Genuss und Kultur.

3 Antworten auf „Auf der Strecke geblieben“

Hallo,

ich habe Ihren Artikel als Reisender im ICE durch Zufall im Netz gefunden und kann Ihren Gedanken zu den Unfall nachvollziehen. Was ich aber überhaupt nicht verstehe, haben Sie sich auch Gedanken über den Lokführer gemacht der Sie bis zu dem Unfall gefahren hat, ob er sich Vorwürfe macht einen Mensch getötet zu haben usw. Wie wird er mit dem Erlebten umgehen, wenn er abends nach Hause kommt.
Mit nachdenklichen Grüßen

Hallo Herr Keller,

für diesen Artikel habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Ich weiß jedoch, dass jeder Lokführer (statistisch gesehen) in seinem Berufsleben mehrere solcher Erlebnisse verkraften muss. Ich weiß, dass Lokführer danach oft sehr betroffen und verletzt sind. In meinem Bekanntenkreis sind ein paar Personen von der Deutschen Bahn, die mir von solchen Fällen erzählt haben und von den Schwierigkeiten. Ich weiß nicht, wie ich in solch einer Situation danach damit umgehen würde, und ob ich es überhaupt könnte. Als ich als Kampfbesatzungsführer bei der Bundeswehr meine Position antrat, hörte ich, dass unter einem Vorgänger ein Mensch ums Leben kam. Das hat mich damals auch ins Grübeln gebracht. Ich glaube, kein Lokführer würde nach solch einem Erlebnis irgendwie unbeeindruckt sein. Und ich ganz bestimmt nicht.
Nachdenkliche Grüße…

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