Das Google ist dem Auto sein Tod

Manta

Meinen Autoführerschein machte ich mit 17. An meinem 18. Geburtstag fuhr mich mein Vater zur Polizeistation in der Kreisstadt, um meinen Führerschein abzuholen. Mein erstes Auto bekam ich von meinen Eltern mit 19, als ich vom Odenwald in die weite Welt der Bundeswehr fuhr.

Seitdem hatte ich immer ein Auto. In El Paso hatte ich beispielsweise einen 74er Cadillac Sedan de Ville. Danach einen Manta (ohne Fuchsschwanz). Ich wohnte nie irgendwo mitten in einer größeren Stadt oder sehr gut angebunden an den öffentlichen Personennahverkehr. Und selbst wenn ich recht nahe an einer Haltestelle wohnte (beispielsweise in Mainz-Lerchenberg), dann brauchte ich mindestens 20 Minuten bis zum Hauptbahnhof. Und dann war da noch der Punkt: Ich war immer Autopendler zu meinem Arbeitsplatz und zurück. Das Autofahren im Rhein-Main-Gebiet nervt mich dadurch so etwa seit Mitte der Neunziger. Aber selbst wenn ich im Stau eine Stunde unterwegs war, so musste ich für den öffentlichen Personennahverkehr zwischen eineinhalb und zwei Stunden einplanen. Einfach.

Es stimmt allerdings auch, dass ich bei der Wahl meiner Wohnung und der Wahl meines Arbeitgebers großzügig mit dem Beförderungsmittel Auto kalkulierte. Hätte ich anders geplant, hätte ich vielleicht irgendwo mitten in Mainz gewohnt und hätte ich mir irgendwann eine Dauerkarte geholt und den Wagen abgeschafft. Aber das Leben und meine Sozialisation wollten es anders. Ich war immer gewohnt, von jetzt auf sofort in meinen Wagen springen und los fahren zu können. Da ging es mir wohl so ähnlich wie Carsten Rossi, auch wenn ich kein 300-PS-Auto fuhr. Auch im Odenwald war damals ein Auto erstrebenswert wie sonst kaum etwas. Ach, wenn ich an die Fete am See denke…

Heute denke ich anders. So anders, dass wir zumindest überlegen, von zwei auf ein Auto umzusteigen. Ich bin jetzt selbstständig und nutze nach Möglichkeit die Bahn. Die Verbindungen ab dem Mainzer Hauptbahnhof sind sehr gut. Auch von Nackenheim, so dass ich ein paar Kilometer bis zum Nackenheimer Bahnhof fahre, das Auto dort abstelle und dann mit der Bahn weiterfahre. Nur diese “erste Meile”, da kann ich auf das Auto nicht verzichten.

Wirklich nicht? Wie wäre es, wenn wir nur ein Auto hätten? Meine Frau braucht auf jeden Fall ein Auto. Wir wollen uns den Luxus gönnen, hier im idyllischen Selzen zu wohnen. Von hier aus braucht Manuela etwa 20 bis 25 Minuten mit dem Auto. Mit den Öffentlichen… eine Stunde oder mehr. Aber wie wäre es mit einem Auto? Auf meiner Liste steht die Kalkulation, wieviele Kilometer ich letztes Jahr fuhr, und wieviel mich das Auto kostete. Im ersten Schritt lasse ich die Abschreibungs-/Anschaffungskosten außen vor, doch im zweiten Schritt rechne ich das auch durch. Und dann werde ich wissen, ob ein Autokauf sich überhaupt rentiert, wenn eines der beiden Autos den Geist aufgibt oder die Reparaturkosten immer höher werden.

Gut geplant kann ich mit dem Bus in 40 Minuten in Mainz sein. Mit dem Auto oder auch einem Taxi sind/wären es etwa 25 Minuten. Zum Bahnhof wäre dann ein Taxi fällig. Oder zum Einkaufen in den Wasgau von Mommenheim oder nach Nieder-Olm. Aber vielleicht rechnet sich das ja. Ich werde es durchrechnen. Denn wenn wir uns einen Wagen kaufen, dann ist das eben kein Wagen für drei- oder viertausend Euro. Und das umgelegt auf eine jährliche Kilometerleistung… Kritisch kann es werden, wenn ich Fahrten zu meiner Mutter in den Odenwald einkalkuliere (mit den Öffentlichen einfach viel zu lange) sowie Ausflüge oder Urlaubsfahrten. Aber wieso eigentlich nicht einen Mietwagen nehmen? Vielleicht (nein: hoffentlich) rechnet sich das dann in Summe doch.

[aesop_parallax height=“500px“ img=“https://derschreiben.de/wp-content/uploads/2015/02/Manta_2.jpg“ parallaxbg=“on“ captionposition=“bottom-left“ lightbox=“on“ floater=“on“ floaterposition=“left“ floaterdirection=“up“]

Die westliche Welt wendet sich vom Auto ab (Quarz: The Western world has turned its back on car culture). Kein Wunder, denn die Verstädterung nimmt weiter zu. Ich sehe es hier in den Dörfern in Rheinhessen. Viele alte Häuser, die leer stehen. Die Jungen wollen weg, weg. So wie ich damals mit 19 in die große weite Welt. Und die Jungen ziehen dem “Leben” und dem Arbeitsplatz hinterher. Von meinem Abi-Jahrgang sind schätzungsweise weniger als die Hälfte noch oder wieder im Odenwald. Und deren Kinder sind auch schon zum Studieren in einer großen weiten Stadt. Die haben dann gar kein Auto mehr sondern die Jahreskarte.

Und in ein paar Jahren… wer weiß. Ich denke an selbstfahrende Autos. An die ganzen anderen Versuche und Kooperationen. Seit Jahren experimentieren BMW und Daimler mit selbstfahrenden Autos, Google plant den Marktstart für 2020. Irgendwann wird das alles soweit sein. Wahrscheinlich viel früher als dass ich aufgrund meines Alters kein Auto mehr fahren will oder kann. Und dann?

In weniger als zehn Jahren werden die Taxifahrer nicht gegen Uber sondern gegen Google demonstrieren. Und wahrscheinlich auch gegen Daimler! Welch ein Affront: Die Taximarke Deutschlands selbst wird für die Erwerbslosigkeit deutscher Taxifahrer sorgen. Wer brauch noch ein Taxi, wenn ein kurzer Tipp in der App so ein Teil innerhalb von wenigen Minuten vor der Tür stehen lässt. So ein selbstfahrendes Taxi braucht keine Ruhezeiten. Kein Fahrer muss zur Toilette. Das selbstfahrende Taxi braucht nicht am Abend oder am Morgen zur Übergabe irgendwo hinzufahren. Oder steht nicht irgendwo rum, weil der Taxiinhaber (gerade) keinen Dritt- oder Zweitfahrer hat. (Nachtrag: Und fragt wahrscheinlich auch nicht, wo das Ziel den genau ist und wie man da hin fährt). Die Dinger werden ausgelastet sein und den ganzen Tag und die ganze Nacht in Deutschland herumkurven. Und der Fahrgast tippt in seiner App die Anzahl der Fahrgäste und die Anzahl des Gepäcks. Passend dafür und kalkuliert auf Basis der Anfahrtzeit bekommt der Fahrgast ein kleines, mittleres oder großes selbstfahrendes Taxi. Wer braucht dann noch Flinc? Niemand, weil niemand ein eigenes Auto braucht. Dann gibt es wahrscheinlich “Tlinc”, ein Taxi-Flinc, das man sich flexibel während einer Fahrt teilt.

Und weil das alles so flexibel mit diesen selbstfahrenden Taxis sein wird, braucht wirklich keiner mehr ein eigenes Auto. Auch nicht auf dem Land, weil sich dann nämlich die selbstfahrenden Autos viel besser weil rentabler einsetzen lassen als das jetzt mit den Taxis der Fall ist.

Wow, ich… wir werden uns irgendwann kein eigenes Auto mehr leisten wollen oder müssen. Sogar zum Kurzurlaub an den Bodensee nehmen wir uns ein selbstfahrende Taxis hin, ein anderes zurück und irgendwelche anderen dort. Weil die Dinger ja auch nicht vom Bodensee wieder hunderte Kilometer nach Rheinhessen zurück müssen sondern von dort aus nur noch bis zum nächsten Versorgungsdepot. Dann kurvt so ein selbstfahrende Taxi halt am Bodensee rum. Oder das von unserer Rückfahrt in der Mainzer Gegend. Bis einer ins Sauerland will. Dann von dort einer nach Köln. Und dann fährt der Carsten am Wochenende nach… ich weiß nicht, wohin.

Im gleichen Atemzug werden bei den Streiks der Taxifahrer sich die LKW-Fahrer auf die Straße stellen und demonstrieren. Weil man die auch nicht mehr braucht. Weil die selbstfahrenden Daimler-Trucks auch kein Führerhaus mehr brauchen. Und in ganz Europa autonom rumkurven, bis sie irgendwann zu einer wirklich großen Wartung wieder nach Deutschland müssen. Die Piloten sollten sich schon mal darauf einstellen, dass es diesen Beruf in 20 Jahren nicht mehr gibt. Noch eine zum Aussterben bestimmte Berufsgruppen. Die streiken dann auch nicht. Panzerfahrer… okay, denen gebe ich nur noch fünf bis zehn Jahren. Ich frage mich übrigens, wieso man den A400M nicht gleich ausgelassen hat. Vielleicht kann man den auch in zehn Jahren umrüsten auf pilotenlos. Wahrscheinlich hat Uschis Truppe (beziehungsweise die ihrer Vorgänger) aber einfach nicht so weit gedacht. Vordenken war im Beschaffungsplan nicht vorgesehen.

[aesop_video width=“100%“ align=“center“ src=“youtube“ id=“CqSDWoAhvLU“ caption=“A First Drive“ loop=“on“ autoplay=“on“ controls=“on“ viewstart=“on“ viewend=“on“]

Wir sollten uns in Deutschland, der westlichen Welt und der ganzen Welt damit abfinden, dass die Welt in 20 Jahren keine Fahrer und Piloten mehr braucht. Gar keine. Auch keine Drohnenpiloten. Ich bin gespannt, welche Berufsgruppen es in 20 Jahren nicht mehr gibt. Wie viele Ausbildungen für die Katz gewesen sein werden. Ob “die Leute” die Kurve bekommen, dass die Bildung und die Fähigkeit zum Lernen die Ausbildung ersetzen. Wer will sich in 20 Jahren noch einen mehrjährigen Masterstudiengang antun, wenn er nicht weiß, ob das Gelernte dann überhaupt noch relevant ist. Ob die Politiker die Kurve bekommen. Wahrscheinlich nicht, weil dann werden sie von Taxifahrern, LKW-Fahrern und Piloten nicht mehr gewählt. Ach ja, von den DHL-, GLS-, UPS-, DPD-, TNT- und Hermes-Fahrern wohl auch nicht.

Ich jedenfalls werde mit 70 kein Auto mehr fahren. Ich hole mir dann lieber das neue geile hippe Neuroimplantat, mit dem ich mir am Abend per Gedankensteuerung ein Tlinc für den nächsten Morgen zur Fahrt in den Urlaub an den Bodensee bestelle…

Okay, dann doch lieber die selbstfliegende autonome Taxidrone zum Frankfurter Flughafen. Für den Flug nach Hawai’i.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.