Die wunderbare Welt des Monotaskings

Multitasking ist immer noch bei vielen “in”. Viele Aufgaben quasi gleichzeitig erledigen, das ermöglicht mehr in weniger Zeit zu tun. Doch tatsächlich verbraucht die “Task Switching Time” die vermeintlich mehr gewonnene Zeit mehr als auf.

Früher, da gab es DOS. DOS war einfach. DOS war gut. Dann gab es Windows. Das war besser, weil es mehr Fenster gab und man mit der Maus so richtig schnell hin und her schubsen konnte. Doch eigentlich war DOS besser. Denn das Hin- und Herschubsen kostete Zeit. Nicht nur das Greifen mit und nach der Maus. Auch das gedankliche Weglegen der einen und das Greifen nach der anderen Aufgabe. Daran hat sich nichts geändert. Das Weg- oder Rüberschalten selbst kostet auch Zeit.

In meinem Studium lernte ich, dass es dieses Multitasking gab. Das konnten damals nur die Großrechner. Sogar für mehrere Benutzer gleichzeitig. Später konnten es auch die PCs, die Personal Computer. Angeblich, denn ich lernte dann auch, dass die Prozessoren heftig damit beschäftigt waren, die Verteilung der Prioritäten und der Zeiten festzulegen und zu verwalten. Und vor allem war ich damit beschäftigt, ständig zwischen den schönen bunten Fenstern ständig hin und her zu schalten. Da die Email. Da das Forum. Okay, das waren bei mir dann Foren in CompuServe. Also eigentlich gar nicht wirklich geeignet für Multitasking. So schnell waren die Verbindungen und das Rechenzentrum in Columbus einfach nicht.

Apropo einfach. Am Anfang war das noch einfach. Es gab noch nicht viele Aufgaben, die ich parallel bearbeiten konnte. Also nicht, dass ich das nicht gekonnt hätte. Aber es gab einfach noch nicht so viele Programme, die eine Aufmerksamkeit von mir verlangten. Angefangen hat es mit diesen Intranets. Novell mit seinen File Shares war das Intranet so vieler Unternehmen. Die hatten auch das DR DOS übernommen. Novell NetWare war der Hammer. Bis Microsoft aus seinen Einzelrechnerklammern entwuchs.

So richtig Multitasking wurde es dann mit dem bösen Internet. Microsoft hat es verschlafen, davon hat es sich nie wirklich erholt. Damit kam vor allem dieses Email in die Unternehmen. Mit Outlook hat Microsoft lange Zeit noch mitgespielt. Aber dann. Nachrichten Websites. “Richtige” Foren. Tausende Websites. Hunderttausende. Immer mehr. Microsoft dachte, der Internet Explorer wäre das Internet. Noch mehr Multitasking durch ICQ, IRC und was auch immer. Blogs. RSS. Und jetzt wird das immer schlimmer durch dieses Social Business mit Social Intranet und Social Collaboration. “Mir reichen die Hunderte Emails pro Tag schon! Was soll ich denn noch alles machen?!”

Die Gegenbewegung nennt sich “Productivity” oder “Focus”. Es geht darum, dass das menschliche Gehirn nicht wirklich multitasken kann. Eins nach dem Anderen. So wie der Mensch isst. Einen Kloß nach dem anderen. Bei zweien, spätestens dreien verschluckt er sich. Er muss die Klöße zum Kauen ständig rumpacken, erst in die eine, dann in die andere Backe. Dazwischen kurz drauf rumkauen. Nächster Kloß.

Vor lauter Multitasking weiß ich nicht mehr, ob sich “isst” noch mit eszet oder schon mit… also mit Doppel-S schreibt (Die Schere im Kopf hat zugeschlagen. SS sagt und schreibt man einfach nicht).

Studien, Berichte, Artikel. Unzählige Indizien und Beweise dafür, dass der Mensch beim Multitasken ineffizient ist. Und ich behaupte: Er tendiert dadurch (durchs Multitasken) auch zur Ineffiktivität. Denn er oder sie konzentriert sich aufs Umschalten und aufs möglichst schnelle Erledigen von Aufgaben. Auf’s schnelle Abarbeiten derselbigen. Ob das dann die richtigen sind…

Ich aber habe dem Multitasking abgeschworen. Ich mache zur selben Zeit immer nur eine Sache. Die richtige. Hochkonzentriert monotaske ich hocheffizient und ohne jede Ablenkung. Ich teile mir meine Zeitscheiben auf am Morgen. Ich trage Termine in meinen Kalender ein und bin knallhart. Wenn da steht “Von 10 bis 11 Uhr einen Artikel im Blog schreiben” dann tue ich das. Sonst aber nichts. Gnadenlos schotte ich mich ab und tue genau eine Sache. Ich bin gut darin.

Soweit die Theorie. Blöd ist nur das mit den Schnittstellen. Der Mensch hat ein paar Schnittstellen. Die sieben Sinne auf jeden Fall. Das Internet dürfte dann der Achte sein. Die Katze beschwert sich, sie habe noch kein Futter gehabt seit der letzten Fütterung um 8 Uhr. Es ist 8:30 Uhr. Es sind sogar zwei Katzen, die sich lautstark beschweren. Das Gehör lässt sich nicht abschalten. Die Tür sich schließen schon. Ist Kaffeedurst ein menschlicher Sinn? Zumindest zwingt er mich, die Tür zu öffnen auf dem Weg zum Kaffeeautomaten. Das Auge… sieht die Katzen, das Ohr setzt seine Tätigkeit des Hörens fort. Der Kaffeeduft… fantastisch.

PLING!

Ich habe vergessen, die Benachrichtigung auszuschalten. Ich finde den Aus-Schalter nicht. Kein Wunder, ist es doch nicht irgendein Programm des Windows-Rechners (das Synonym für menschliches Pseudo-Multitasking) sondern das eines des Macbooks… oder vielleicht doch des iPads? Oder des… Da ein Programm, dort noch eines, dort noch der Browser. Email, Instant Messaging, Benachrichtigung durch das Task Management. Doch nicht nur, dass die Anzahl der Schnittstellen zugenommen hat, auch die “Schnittstellen-Hubs” aka (also known as) Devices werden immer mehr. Ich wünschte, ich könnte alle Benachrichtigungen über alle Devices aka Geräte hinweg gleichschalten und vor allem ausschalten. Den Windowsrechner auszuschalten ist einfach. Ton auf aus. Monotasking an. Das iPad habe ich vergessen. Das Smartphone auf dem Sideboard auch. Ständig springe ich von Hub zu Hub auf der Jagd nach dem heiligen Gral des Monotaskings.

Es gibt da so wundervolle Programme für den Mac und für Windows, um dieses Internet zu kappen. Zwecklos und vor allem mit großem zusätzlichem Tasking verbunden, wenn es mehrere dieser Hubs aka Devices gibt. Und selbst wenn: Ich brauche dieses Internet für die Recherche für das Konzept, für die Präsentation oder einfach nur, um meiner Freundin aka Frau aka @diemanuela ein lustiges Video von YouTube zu schicken. Das lässt sich nicht vermeiden. Könnte doch auf YouTube auch das geniale Video für meine Präsentation liegen. Ich kann YouP… YouTube einfach nicht abschalten. Das Risiko ist zu groß.

Die Hubs, die Schnittstellen und die “Kanäle” lassen sich nicht mehr einfach blockieren. Email ist nicht nur genau für dies und YouTube genau für das da. Sich selbst zu kasteien und alles abzuschalten ist zur undenkbaren Option geworden. Die Umwelt ist zu unserem Betriebssystem geworden. Wir können sie nicht abschalten, ohne uns selbst auszuschalten.

Die Geister, die ich rief…

Wir sind in einer wunderbaren vernetzten Welt, die es uns unmöglich macht, Ruhe und Konzentration zu finden. In meiner Auszeit im Frühjahr 2011 war mir das noch irgendwie gelungen. Jetzt fürchte ich um mein Monotasking.

Doch eigentlich ich fürchte nicht um mein Monotasking sondern um meinen Willen. Das Aufhören mit dem Rauchen war einfach. Am 8. August 2000 hörte ich einfach auf. Ganz oder gar nicht. Von bis zu zwei Päckchen auf null. Das war eine für mich einfache Frage des Willens. Aber nur mal gelegentlich eine Fluppe… das konnte ich nicht. Da habe ich lieber damit aufgehört, das war einfacher.

Die Umwelt kann ich nicht so einfach abschalten. Wir Menschen definieren uns durch unsere Umwelt. Doch diese Umwelt ist nicht einfach, sie ist vielfach mehrfach. Sie zwingt uns ihren Willen zum Multitasking auf. Dagegen können wir nur mit einem starken Willen halten. Werkzeuge, Tools für vermeintliche Freiheit von unserer Umwelt sind sinnlos. Die Umwelt sind wir. Widerstand ist zwecklos.

Doch unser Wille ist alles, was uns bleibt. Wir müssen uns konzentrieren. Dafür brauchen wir unseren Willen. Doch wenn wir uns auf unseren Willen konzentrieren, können wir außer unseren Willen noch etwas anderes dulden, können wir noch etwas andereres tun? Wir müssen lernen, mit unseren Geistern umzugehen.

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