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New Work – der neue Heilige Gral oder eine Erfindung des 19. Jahrhunderts?

Seit ein paar Jahren geht „New Work” umher und klopft an die Tore der Unternehmen. Ein Podcast lässt mich an Auftragstaktik, Enterprise 2.0 und Social Business denken. Und auch an die Frage: Waren die Militärs schon viel früher viel moderner?

Heute hörte ich den Podcast von SWR2 Wissen: Das Team als Chef – Mit New Work die Arbeitswelt neu denken. Es geht um grundlegende Veränderungen in der Arbeitswelt in den letzten Jahren und um einen „derzeitigen großen Umbruch”. Derzeit? Echt jetzt?

Martina Senghas in ihrem Podcast (1:00):

Die Arbeitswelt wandelt sich ständig, sie hat immer wieder Revolutionen erlebt, etwa durch die Industrialisierung, und derzeit ist erneut die Rede von einem großen Umbruch.

New Work bei der Kahl GmbH

Senghas fand bei Ihren Recherchen das Büroeinrichtungsunternehmen Kahl GmbH in Mannheim, das schon auf der Homepage mit New Work wirbt.

Das Interessante: Die Firma bietet nicht nur das Mobiliar für New Work Arbeitsplätze an, sondern sie hat ihre Arbeitsstrukturen nach eigenen Angaben voll und ganz auf New Work umgestellt, ist also gleichermaßen Showroom und Beispiel dafür.

Sie traf sich mit dem Geschäftsführer Jochen Wagner zu einem Gespräch. Und da horchte ich bei Wagners Aussagen auf (ab ca. 4:45).

Unser Firmengründer, das war so ein bisschen nach dem Motto „L’État, c’est moi”: Das Wort war Gesetz. Jedem war es vollkommen klar, wo sein Handlungsrahmen endet und wo er sich zu rechtfertigen hat und wo auch ganz strenge Vorgaben gemacht wurden, die tunlichst einzuhalten waren.

[…]

Wir haben diese streng hierarchische Architektur sehr stark aufgelöst. Wir haben Handlung-s und Entscheidungskompetenzen in einem ganz, ganz großen Maß auf die Mitarbeiterebene verlagert, weil wir einfach daran glauben, dass Teams in der Selbstorganisation sehr, sehr gut wissen, wie es im Sinne des Unternehmenswohls – das ist natürlich immer das ultimative Ziel, damals wie heute – wie es gut funktioniert. Letzten Endes muss ein solcher Shift hin zu einem Arbeitsmodell ja letztlich von oberster Ebene her kommen. Die muss sich dann aber eben auch darüber im Klaren sein, dass sie ganz viele Kompetenzen und ganz viele Machtinstrumente, wenn man es mal so betrachten will, in diesem Zuge aus der Hand gibt.

[…]

In einem neuen Kontext arbeitet man ja eigentlich sehr über Zielvereinbarungen, dass man einfach sagt: Okay, zu erreichen gilt es dieses oder jenes Ziel. Aber der Weg dahin, den geben wir nicht mehr vor, den kontrollieren wir auch nicht. Wir schauen uns einfach ergebnisorientiert an: Habt ihr das mit dem Lenkrad selbst in der Hand gut hinbekommen oder braucht ihr Unterstützung dabei, es künftig gut hinzubekommen? Aber ein festgeschriebenes Skript, eine Bedienungsanleitung „Dein Job funktioniert genau so und bitte nach diesem linearen Ablauf arbeitest du”, das findet eben nicht mehr statt.

Aufhorchen, denn: „Auftragstaktik”

Ich horchte deswegen auf, weil Wagners Aussagen etwas beschreibt, was ich nicht erst vor 5, 10 oder 20 Jahren gelernt habe. Vor über 40 Jahren bereits lernte ich die Führungsmethode „Führen durch Auftrag”, die im allgemeinen Sprachgebrauch als „Auftragstaktik” bezeichnet wird.

Am 1. Juli 1980 trat ich meinen Dienst in der Bundeswehr als Offizieranwärter der Luftwaffe an. Schon in meiner dreimonatigen Grundausbildung und dann insbesondere in meiner neunmonatigen Offizierausbildung war „Führen durch Auftrag” ein wesentlicher Baustein. Später, als Offizier und Führer einer Kampfbesatzung einer Flugabwehrraketeneinheit, gehörte „Führen durch Auftrag” zu meinem Alltag. Sowohl in den entsprechenden Verteidigungs- und Kampfübungen, als auch im „normalen Dienst”, bei dem wir überwiegend in 24-, 48- oder 72-Stundenschichten in der Abwehrstellung waren, lebten wir diese Führungsmethode. Sicherlich hatten wir, gerade in einer derart hierarchischen Gesellschaft, ein strenges Korsett durch Gesetze, Vorschriften und Einsatzregeln. Doch als oft sehr selbstständige und etwas abgelegene Einheit waren wir auf Entscheidungen vor Ort angewiesen. Mit wir meine ich nicht nur mich als führenden Offizier, sondern auch die Soldaten der Crew, egal ob Feldwebel, Unteroffizier oder Mannschaft.

Was ist „Auftragstaktik”?

Führen mit Auftrag ist ein Führungsstil der militärischen Führung. Traditionell und auch weiterhin im alltäglichen Sprachgebrauch wird das Führen mit Auftrag oft als Auftragstaktik bezeichnet […] Es ist aber keine Taktik in sich, sondern eine Methode der Führung. […]

Das Führen mit Auftrag beschreibt eine Art und Weise, Soldaten zu führen. Dabei gibt der militärische Führer den Soldaten das Ziel, meist noch den Zeitansatz und die benötigten Kräfte vor. Auf Basis dieser Rahmenbedingungen verfolgt und erreicht die mit dem Auftrag beauftragte Führungskraft (militärischer Führer) das Ziel selbständig. Dies bedeutet, dass der Ausführende in der Durchführung des Auftrages weitgehend frei in der Entscheidung über die Art der Durchführung ist. Dies sichert eine große Flexibilität in der Auftragsdurchführung insbesondere in Bezug auf Einzelheiten bei der Durchführung und trägt wesentlich zur Entlastung höherer Führungsebenen bei. Wesentlich ist dabei, dass der Beauftragte den militärischen Führer über seine Absichten, die Durchführung und Fortschritte vorher informiert sowie bei Lageänderungen, und dem übergeordneten (militärischen) Führer damit die Gelegenheit gibt, abstimmende und korrigierende Maßnahmen im Sinne seiner Absicht zu ergreifen.

Von besonderer Bedeutung für den Erfolg des Führens mit Auftrag ist, dass die unterstellten Führer die Absicht der übergeordneten Führung kennen und so ausgebildet sind, dass sie hieraus für sich im Rahmen der Auswertung des Auftrages eigenes Handeln im Sinne der übergeordneten Führung ableiten können. Daher brauchen nachgeordnete Führungskräfte eigene Urteils- und Entschlusskraft, und sie müssen bereit sein, selbständig und verantwortungsbewusst zu handeln. Für deren Vorgesetzte kommt es indes vor allem darauf an, die Absicht hinter dem Auftrag zu vermitteln und die wesentliche Leistung herauszustellen, aber auch die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Nachgeordneten genau zu kennen.

[…]

Als eigentlicher „Vater“ der Auftragstaktik gilt der deutsche Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke, der u. a. auf die Vorarbeiten von Scharnhorst, Gneisenau und Clausewitz zurückgreifen konnte. Erstmals in großem Stil in Szene setzen konnte er sein Konzept bei der Schlacht von Königgrätz. Nun konnten bereits Kompaniechefs im Rang eines Hauptmanns oder Leutnants im Zweifelsfall nach eigenem Ermessen Entscheidungen treffen, ohne eine Abstrafung durch Vorgesetzte wegen Ungehorsams befürchten zu müssen.

(Seite „Führen mit Auftrag“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 21. Juni 2023, 03:59 UTC.)

„Wettbewerbssituation” bei den Militärs

Im Podcast und in vielen Publikation wird darauf abgehoben, dass die Wettbewerbssituation mit Konkurrenten viele Unternehmen zwingt, ihre Arbeitsweise flexibler zu gestalten. Pardon, die Wettbewerbssituation für Militärs zwang sie bereits seit langem, viel flexibler (heutzutage wohl gerne „agiler” benannt) zu führen und zu agieren. Denn wer im Wettbewerb (d.h. im Kampf) unterliegt, für den droht ein tödlicher Ausgang. Nicht umsonst stammt von Moltke dem Älteren die Feststellung, dass kein Plan die erste Feindberührung überlebte.

New Work als Hype?

Viele bezeichnen Elemente oder Maßnahmen ihres Unternehmens als New Work, doch strukturell gibt gar kein echtes neues Arbeiten. Es werden Elemente wie eine andere Büroräume und Büromöbelgestaltung eingesetzt, doch an der Art der Führung und Arbeit ändert sich nichts. Von Holokratie oder Soziokratie ganz zu schweigen. Und eigentlich meint „New Work von Frithjof Bergmann” als Begriff aus den 1980er nicht genau das, was uns heutzutage als New Work verkauft wird. Auch darauf geht der Podcast ein.

Bei der Bundeswehr, in meinem Umfeld, gab es das Führen durch Auftrag, andere Elemente wie eine „moderne” Arbeitsplatzumgebung oder Arbeitszeitgestaltung fehlten jedoch. Kennzeichnend für die „Rückständigkeit” der Wirtschaft empfinde ich, dass es so lange dauerte, bis alleine schon das Führen durch Auftrag Eingang fand. Und vieles andere – wie Methodik, Didaktik und Menschenführung – was an der Offizierschule der Luftwaffe schon 1981 gelehrt wurde, findet in der Ausbildung von Führungskräften in der Wirtschaft auch heute noch bestenfalls untergeordnet statt. Erst im Job reicht dann schon mal ein zwei- oder dreitägiges Führungskräfteseminar für einen Sachbearbeiter, der aufgrund seines Fachwissens zum Abteilungsleiter befördert wird.

Der Podcast: Blabla oder interessant?

Der Podcast ist interessant, da er in 28 Minuten viele, auch praktische Aspekte beleuchtet. Wer sich wie ich in seinem beruflichen Leben lange mit Themen wie diesem beschäftigte, für den ist nichts wirklich Neues dabei. Der Podcast ist jedoch ein sehr schöner Einstieg in das Themen und verlockt den einen oder anderen vielleicht auch dazu, neugierig zu werden.

Enterprise 2.0

Vor „New Work” wurde, vor allem in IT-geprägten oder -affinen Unternehmen, der Begriff „Enterprise 2.0” verwendet. Kreiert hat ihn Andrew Paul McAfee, bekannt wurde der Begriff durch seinen Artikel „Enterprise 2.0: The Dawn of Emergent Collaboration” im MIT Sloan Management Review.

Enterprise 2.0 bezeichnet im engeren Sinn den Einsatz von sozialer Software zur Projektkoordination, zum Wissensmanagement und zur Innen- und Außenkommunikation in Unternehmen. Diese Werkzeuge fördern den freien Wissensaustausch unter den Mitarbeitern. Sie erfordern ihn aber auch, um sinnvoll zu funktionieren.

Im weiteren Sinn umfasst der Begriff nicht nur die Werkzeuge selbst, sondern auch die Tendenz der Unternehmenskultur weg von der hierarchischen, zentralen Steuerung und hin zur autonomen Selbststeuerung von Teams, die von Managern eher moderiert als geführt werden (siehe hierzu auch Smart Collaboration).

(Seite „Enterprise 2.0“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 21. Juli 2023, 18:53 UTC.)

Schnell jedoch wurde dieser Begriff umfassender geprägt für eine neue Art und Weise, wie in und zwischen Unternehmen geführt, kommuniziert und zusammengearbeitet wird. Abgelöst wurde der Begriff übergangsweise durch „Social Business (Collaboration)”, bis „New Work” den „Markt beherrschte”.

Im Jahr 2014 hat mich Kai Heddergott für die Expedition Wohnungswirtschaft über Enterprise 2.0 interviewt:

Enterprise 2.0: Experten-Interview mit Frank Hamm (Kurzfassung)
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Von Der Schreibende (Frank Hamm)

Der Schreibende (* 1961 in Ingelheim am Rhein als Frank Hamm) ist Kultur- und Weinbotschafter Rheinhessen, Autor und Wanderblogger | #Blogger, #Jogger, #SunriseRun & #Wandern | #Rheinhessen & #Hawaii Fan. Ich lebe in der Ortsgemeinde Selzen in #Rheinhessen, ca. 15 km südlich von #Mainz. Beiträge dieses Blogs werden automatisch im Fediverse als @frank@derschreiben.de geteilt. Kommentare erscheinen nach Freischaltung beim Blogartikel. Als Person findest Du mich im Fediverse unter DerEntspannende@Digitalcourage.social. Im Blog Der Entspannende berichtet ich über das Entspannen bei Wandern, Genuss und Kultur.