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Sigmar Gabriel: Wir

Mein Debattenbeitrag zu Sigmar Gabriels Debattenbeitrag im Spiegel. Der beginnt mit dem Wort “Wir”. Es kennzeichnet offensichtlich Gabriels Verständnis von Verantwortung.

Der Spiegel veröffentlichte am 17.04.2022 den Debattenbeitrag „Wir brauchen zumindest einen kalten Frieden” von Sigmar Gabriel. Der Titel beginnt mit dem Wort, das Gabriel in seinem Beitrag des Öfteren verwendet: Wir.

Inhaltlich gehe ich in meinem Debattenbeitrag auf Gabriels Debattenbeitrag nicht ein. Doch ich finde, es ist wieder Zeit für einen Debattenbeitrag über Verantwortung und der Übernahme selbiger. Insbesondere Politiker, aber nicht nur, verwenden ab einer gewissen Hierarchie- und (möglicherweise vermeintlichen) Bedeutsamkeitshöhe gerne und immer wieder das Wort „Wir”. So auch Gabriel.

Als Offizieranwärter habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Das bedeutet nicht nur im Moment des Handels diese Verantwortung zu übernehmen, sondern auch reflektiv die Verantwortung für eine Entscheidung zu übernehmen. Was habe ich getan oder unterlassen, das zu welchem Ergebnis geführt hat?

War es meine persönliche Entscheidung oder war es die gemeinsame Entscheidung in einer Gemeinschaft („Gremium”)? War ich „frei” in meiner Entscheidung, oder war ich zu genau dieser Entscheidung aufgrund von Rahmenbedingungen (wie beispielsweise aufgrund eines Befehles oder von „Rules of Engagement”) gezwungen? Wenn ich zu einer Entscheidung Stellung beziehe, dann gehört dieser Kontext dazu. Andere müssen einordnen können, in welcher Funktion oder Position ich als „Ich” über eine Entscheidung spreche oder schreibe. Und genauso gehört zwingend dazu, das „Wir” nicht beim abstrakten „Wir” zu belassen sondern das „Gremium” zu konkretisieren. Wer ist „Wir”?

Bei Gabriels Debattenbeitrag steht „Zum Autor”:

Sigmar Gabriel war Wirtschaftsminister, Außenminister und Vizekanzler Deutschlands. Von 2009 bis 2017 war er außerdem SPD-Vorsitzender. Heute arbeitet der 62-Jährige als Berater und Publizist.

Ich frage mich, auf welche Funktion, Position oder auf welches Gremium Gabriel Bezug nimmt, wenn er von „Wir” oder „uns” schreibt. Da bleibt einerseits Raum für Interpretation, andererseits ist aus dem Kontext oft zu entnehmen, dass er sich mit „Wir” oder „uns” auf die Gemeinschaft der Bundesrepublik Deutschland bezieht. So braucht vermutlich die Bundesrepublik Deutschland einen kalten Frieden … Moment. Meint Gabriel mit „Wir” vielleicht doch die EU, die NATO oder die UN? Wenn wer diesen Krieg nicht stoppt und Russland aufhält? EU, NATO, UN? Wer sollte Verschwörungstheorien über die Politik unseres Landes und seine Verantwortungsträger nicht hinnehmen? Damit dürfte die Gemeinschaft der Bundesrepublik Deutschland gemeint sein.

Für mich noch unklarer wird es bei Gabriels Hinweis auf den „eigentlichen Grund für die gezielten Angriffe auf den deutschen Bundespräsidenten”. Denn er schreibt „wir” seien beim eigentlichen Grund. Wer ist „Wir”? Für wen spricht beziehungsweise schreibt Gabriel hier? Gibt es da eine Vereinigung der Berater oder eine Vereinigung der Publizisten, für die er spricht? Ansonsten wäre doch „ich” zu verwenden, wenn Gabriel persönlich bei dem „eigentlichen Grund für die gezielten Angriffe auf den deutschen Bundespräsidenten” angekommen wäre. Welche kommunikative Nachricht versucht Gabriel auf einer Nebenspur zu vermitteln?

Kennzeichnend für Gabriels schwammige Nicht-Stellungnahme als Gabriel ist eindeutig dieser Satz:

Und natürlich haben wir in der deutschen Politik zu großen Teilen den Fehler gemacht, innerlich das heutige Russland mit der alten Sowjetunion gleichzusetzen, die eine Status-quo-Macht war, mit der man relativ einfach umgehen konnte.

Gabriel bezieht sich auf Fehler in der Vergangenheit in der deutschen Politik. Laut „Zum Autor” war er Wirtschaftsminister, Außenminister und Vizekanzler Deutschlands. Als SPD-Vorsitzender hatte er sicherlich maßgeblichen Einfluss auf die Entscheidungsfindung und Richtungsnahme der deutschen Politik seiner Partei, die an der Regierung beteiligt war. Ach ja, zwar nicht die Planung aber der Bau von Nord Stream 1 fiel in seine Zeit als Bundesumweltminister.

Gabriels auf „große Teile” eingeschränkte „Wir-Formulierung” suggeriert, er habe in all diesen Positionen keinen Anteil an der deutschen Politik und demzufolge auch keinen Anteil an den gemachten Fehlern gehabt. Gabriel leistet einen Debattenbeitrag, in dem er sich selbst von der deutschen Politik distanziert. Als Offizier habe ich gelernt, dass die Wörter „wir”, „uns” und „man” nichts in einer Reflektion zu einer Entscheidung zu suchen haben, wenn ich diese Entscheidung selbst getroffen oder wesentlich dazu beigetragen habe.

Gabriel hatte als SPD-Vorsitzender, Vizekanzler, mehrfacher Minister und mehrfaches Regierungsmitglied keinerlei Einfluss auf die deutsche Politik in Bezug auf Russland? Anders kann ich mir diesen Debattenbeitrag nicht erklären. Eine persönliche Reflektion, Meinung oder Stellungnahme Gabriels, egal aus welcher Position oder Funktion, kann ich nicht erkennen, denn:

Anzahl(„Ich”) = 0

Irgendwie, ich weiß nicht wieso, stelle ich mir dann doch die Frage, wofür Gabriel als Vizekanzler, Minister und Regierungsmitglied überhaupt von Nutzen war. Und wofür Gabriel heute als Berater und Publizist von Nutzen ist. Vielleicht gibt die Antwort die Frage darauf auch die Antwort auf die Fragen, was ein „kalter Friede” für die Ukraine bedeutet und was die Ukrainer davon halten.

Von Der Schreibende

Der Schreibende (* 1961 in Ingelheim am Rhein als Frank Hamm) ist Kultur- und Weinbotschafter Rheinhessen, Autor und Wanderblogger | Blogger, Jogger, SunriseRunner & Wanderer | Rheinhessen & Hawai'i Fan | Science Fiction Fan, Philosoph & Trekkie. Der Schreibende lebt in der Ortsgemeinde Selzen (Rheinhessen), ca. 15 km südlich von Mainz. Im Blog Der Entspannende berichtet er über das Entspannen bei Wandern, Genuss und Kultur.

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