Öffentlicher Nahverkehr: Nicht zu teuer sondern zu langsam, zu umständlich und zu benutzerfeindlich

Schotterdamm Hahnheim-Selzen

Jetzt kommt tatsächlich die GroKo (also die derzeitg noch geschäftsführende Regierung) mit dem Vorschlag eines kostenlosen ÖPNV (Öffentlicher Personennahverkehr) um die Ecke. Nein, doch nicht so richtig. Also eigentlich mit der Idee, ein paar wenige Kommunen könnten das ja mal ausprobieren.

Klar, drohen doch öffentliche Pranger in form von Städtefahrverboten für den von Deutschen so geliebten Diesel. Da muss die GroKo reagieren, denn es geht irgendwie möglicherweise um Wählerstimmen. Und gegen die Fahrzeuglobby.

Sofort kommen alle möglichen Kommentare mit Pros und Cos und Einwürfen und Vorschlägen. Und jetzt also ich auch noch.

Ich fahre seit den achtziger Jahren im Rhein-Main-Gebiet herum. So wohnte ich beispielsweise in Mainz, als ich als Offizier bei Hanau stationiert war. Den Rhein-Main-Verkehrsverbund gab es damals noch gar nicht. Aber auch jetzt wäre der ÖPNV konkurrenzlos außer Konkurrenz. Aufgrund meiner Dienstzeiten in der Flugabwehrraketenstellung musste ich zu sehr unterschiedlichen Zeiten fahren müssen, außerdem auch am Wochenende. Drei, vier oder fünf Mal umsteigen. Unter zwei Stunden (wahrscheinlich nicht unter drei Stunden) einfache Fahrt gar nicht zu machen. An Bus und Bahn habe ich damals deswegen erst gar nicht gedacht. Da konnte ich am Wochenende ohne Staugefahr die 60 Kilometer noch in einer dreiviertel Stunde schaffen.

Ich habe von 2000 bis 2011 in Wiesbaden gearbeitet, während ich in Rheinhessen wohnte. Drei Mal umsteigen. Durchschnittliche Fahrzeit: Zwei Stunden. Einfach. Mit Stau im Berufsverkehr (ja, das war vor dem Brückengau) schaffte ich es mit dem Auto in etwa 45 bis 75 Minuten. Der Unterschied: Zwei Stunden Lebenszeit pro Arbeitstag. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Da fährt man halt um 6 Uhr schon zur Arbeit. Ich kenne Leute, die fahren aus Rheinhessen zwischen fünf und halb sechs Uhr los zu ihrem Bürojob.

Ich bin oft mit ÖPNV und den Zügen und Bussen der Bahn (oder anderer Betreiber) unterwegs. Den Zugverkehr hat die Bahn inzwischen in manchen Bereichen einigermaßen im Griff. Beispielsweise ist die Bahn-App recht gut. Meistens und in vielen Bereichen. Verspätungsalarme kommen und gehen – regelmäßig verspätet, wenn ich schon im Zug sitze oder am Bahnhof festsitze. Bezahlen ist okay … solange ich nicht irgendwie mit verschiedenen Tarifverbünden zu tun habe. Manchmal steige ich in Züge ein, die nicht von der Bahn betrieben werden. Für deren Fahrt ich zwar an die Bahn, aber letztendlich an einen anderen Tarifverbund oder Betreiber, zahle. Die Busverbindungen hat die Bahn hier von und nach Selzen für mich einigermaßen im Griff. Die Bezahlung nicht (siehe Bus fahren mit der Bahn: Bezahlen wie im letzten Jahrtausend – Ein Rant über die Beförderungsbedingungen des ORN). Und wenn ich am Morgen zur Schulzeit in den Bus mit Gepäck einsteigen will, dann stehe ich dicht gedrängt in einer Sardinenbüchse. Zu anderen Zeiten sitze ich alleine oder mit maximal drei oder vier anderen Fahrgästen im Bus. Andere Busgrößen? Variable Busgrößen? Mischbetrieb mit privaten Anbietern? Leute auch mal mitten im Dorf abseits der Haltestelle aussteigen lassen? Fehlanzeige. Dafür sind die Haltestellen so eng getaktet, dass fast jeder Busfahrer ständig gehetzt ist. Weil er sonst die Vorgaben und Zeiten nicht halten kann. Und wenn der Bus verspätet in Mainz ankommt, dann muss er gleich wieder ohne große Pause in Richtung Alzey zurückpendeln.

Von Selzen nach München bin ich mit Bus und Bahn etwa genauso schnell wie mit dem Auto. Will ich nur an den Hauptbahnhof ist es genauso. Will ich aber in Mainz irgendwo hin, bin ich von hier aus und in Mainz doppelt bis dreifach so lange unterwegs als mit dem Auto. Und dann wieder das leidige Thema Bezahlen: Weiß ich, welche Tarifverbundgrenzen ich überschreiten muss, und warum oder warum nicht ich online oder bargeldlos bezahlen kann? Oft bekomme ich im Rhein-Main-Gebiet kein Ticket – weder an einem Automaten noch mit dem Smartphone -, wenn ich losfahren will. Weil ich dann eben im Rhein-Main-Verkehrsverbund bin und Selzen im Rhein-Nahe-Nahverkehrsverbund liegt. Und ich dann auch noch in den ORN-Bus von DB Regio umsteigen muss.

Zig Mal umsteigen. Tickets gibt es weder online von Zuhause im Browser noch unterwegs mit dem Smartphone noch unterwegs mit einer bargeldloser Karte. Grenzüberschreitender Verkehr. Busse stehen oft genauso im Stau wie PKWs. Will ich nach Mainz rein, fahre ich oft mit dem Auto bis nach Mainz-Hechtsheim, um von dort aus mit der Straßenbahn reinzufahren. Natürlich muss ich da passendes Kleingeld oder eine „Streifenkarte“ haben. Und der Parkplatz am Mühlenweg ist durch die frühen Pendler auch schon früh komplett belegt. Also fahre ich zu einer ganz anderen Haltestelle. Habe ich auf dem Rückweg viele Taschen dabei, gibt es keine Ablagemöglichkeit.

Ach, ÖPNV ist nicht zu teuer. Er dauert einfach zu lange, ist zu umständlich und hat eine absolut miese Usability. Deswegen entscheide ich mich immer noch oft fürs Auto.

Daran ändern auch ein paar Testversuche für kostenlosen ÖPNV in irgendwelchen hunderte Kilometer entfernten Städten nichts.

Ich fürchte, die Politik und die Kommunen mit ihren alten Strukturen und „Förderprogrammen“ werden einfach nur so lange weiter Bockmist aus dem letzten Jahrtausend bauen, bis ihr ÖPNV so aussieht, wie die Bahninfrastruktur in Rheinhessen. Die haben sie nämlich auch im letzten Jahrtausend bis in die Neunziger verkommen lassen. Dafür haben wir jetzt seitdem alte Schotterdämme, die dann immerhin manchmal als Radweg ausgebaut sind.

Volkswagen, Dieselgate, meine Abscheu und meine Loyalität

Golf Goal

Seit fast zweieinhalb Jahren ist der Abgasskandal (auch „Dieselskandal“ oder „Dieselgate“) öffentlich. Am 18. September 2015 wurde bekannt, dass die Volkswagen AG „eine illegale Abschalteinrichtung in der Motorsteuerung ihrer Diesel-Fahrzeuge verwendete, um die US-amerikanischen Abgasnormen zu umgehen„.

Seit über zwei Jahren drückt sich die Automobilindustrie um eine ehrliche und öffentliche Aufklärung und vor allem auch um die Behebung entstandenen Schadens. Gerne werden Gewinne eingefahren, aber wenn diese mit unlauteren oder gar ungesetzlichen Maßnahmen und Mitteln eingefahren wurden, dann will man die doch möglichst dennoch behalten. Besonders schlimm daran ist, dass viele Politiker sie un-tatkräftig dabei unterstützen (siehe „Das Diesel-Gipfelgate – ein Kommentar„).

Stück für Stück kommen neue Häppchen ans Licht, so auch in den letzten Tagen wieder. Mit vorne dabei bei den „Umweltsäuen“ und „Skandal-VIPs“ ist der Volkswagenkonzern. Gerne wird eine Marke „positiv aufgeladen“, doch das Unternehmen Volkswagen ist momentan ungewollt kräftig dabei, seine Marken – und insbesondere die gleichlautende Marke Volkswagen – negativ aufzuladen, bei dem gleichzeitigen Versuch, den wirtschaftlichen Schaden möglichst gering zu halten.

Der Begriff „Ehre“ ist nicht nur in Deutschland ein Fremdwort geworden. Nicht erst, aber besonders, seit Politiker wie Barschel und Kohl ihr „Ehrenwort“ gaben und die Bürger nach Strich und Faden verar***ten. Mag sein, dass ich „old-fashioned“ bin, doch ich glaube an „Ehre“ als einen Wert.

Ehre bedeutet in etwa Achtungswürdigkeit oder „verdienter Achtungsanspruch“[1] (einer Person); sie kann jemandem als Mitglied eines Kollektivs oder Standes zuerkannt werden (Ehre des Weibes, des Edelmannes, des Handwerkers u. a. m.), sie kann aber auch (etwa durch die Nobilitierung oder eine Ordensverleihung) vom dazu Berechtigten zugesprochen werden.

(Seite „Ehre“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. Januar 2018, 13:25 UTC. (Abgerufen: 4. Februar 2018, 12:27 UTC))

Doch Ehre muss man sich durch eigenes Handeln verdienen. Und man kann sie aufgrund eigenen Handels verlieren. Doch Ehre bedeutet auch, anderen durch seine Taten Ehre zu erweisen.

„Profit und Eigennutz“ sind das neue „Ehre“. Jedes vermeintliche Kratzen an eigenem Profit und Eigennutz wird verteufelt, die Schuldigen werden sofort gefunden und verteufelt. In der Wirtschaft haben sich Ellbogenkämpfe unter dem Deckmantel der Wirtschaftlichkeit und der eigenen Karriere als Standard etabliert. Von „New Work“ oder „Future of Work“ scheinen die meisten Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik noch Jahrzehnte entfernt. Kein Wunder, haben sie doch ihre Sozialisierung in Jahrzehnten dankbar aufgesogen und die Ellbogen schwingen lassen.

Volkswagen und Co. sind nicht die Übeltäter, sondern es sind die Menschen, die in den Organisationen „regieren“. Doch diese Menschen, die Dieselgate und Co. produziert oder zumindest mit einer geforderten Kultur verursacht haben, die haben vor allem eines getan: Menschen verletzt.

Eigene Mitarbeiter, die an ihr Unternehmen und ihre Marken glaubten. Lieferanten oder andere „Partnerunternehmen“, die sie mit Vorgaben und Verträgen an sich gebunden haben. Bürger, die an eine sauberer werdende Umwelt glaubten. Kunden, die an einen zunehmend akzeptableren Kompromis zwischen Mobilität und Umwelt glaubten.

Meine Abscheu vor den Übeltätern ist sehr, sehr groß. Und ich bin ebenfalls „schockiert über die Arroganz der Autobauer„. Gleichzeitig denke ich an die mittelbar Betroffenen, die Opfer derjenigen Übeltäter wurden, die die Unternehmenskulturen geprägt haben und prägen. Und dann sehe ich immer mal wieder einen „Kotau“ von Vertretern dieser Übeltätermentalität – und ich nehme es ihnen einfach nicht ab. „Vom Saulus zum Paulus“? Mag sein, dass das vorkommt. Aber bei diesen Übeltätern, die Jahrzehnte in und von einem Übeltätersystem nicht nur gelebt haben, sondern die es auch noch geprägt haben, halte ich das für unwahrscheinlich.

Ich fahre einen Volkswagen seit bald zwölf Jahren. Damals, beim Neuwagenkauf, waren Wirtschaftlichkeit, geringer Verbrauch, Komfort und einigermaßen akzeptable Umweltschäden die wesentlichen Kriterien. Es ist ein Diesel, der von dem Dieselgate nicht betroffen ist, weil er zu alt dafür ist. Nur wenige Jahre später, und ich wäre Betroffener und Geschädigter. Und dafür hätte ich bisher vom Volkswagenkonzern wahrscheinlich nichts bekommen. Bestenfalls hätte der Wagen ein „Softwareupdate“ erhalten. Schwamm drüber. Wenn Vorstand Müller in letzter Zeit andere Töne anklingen lässt, dann schreibe ich das mehr der Reaktion auf die negative Aufladung der Marke Volkswagen denn der festen Überzeugung in Volkswagens Vorstandsköpfen zu.

Der Golf Plus war bislang ein zuverlässiges Auto. Ich dachte, noch zwei oder drei Jahre könnte ich ihn fahren, dann gäbe es vielleicht in der geeigneten Preisklasse ein E-Auto und vor allem auch eine akzeptable Infrastruktur. Im Januar beschädigte jemand das geparkte Auto. Glücklicherweise rief die Frau direkt die Polizei an. Es gibt sie also noch, die Ehre.

Der Schaden liegt bei über 2.000 Euro. Das ist schon grenzwertig zum Totalschaden. Seit ein paar Wochen öffnen sich zwei Türen nicht mehr über die Zentralentriegelung. Reparatur kostet je nach schadhaften Teilen einige hundert Euro. Als ich am Mittwoch im Auto unterwegs war, leuchteten Anzeigen im Display für ABS, EBS und Reifendruck. Ursache ist ein schadhafter ABS-Sensor, 322 Euro. Im April sind wieder Sommerreifen fällig. Da fangen die eigenen Rädchen im Kopf schon an, ziemlich schnell zu drehen.

Volkswagen hat, wie andere betroffene oder nicht betroffene Hersteller auch, eine Umweltprämienaktion. Zwangsnotwendigerweise, damit die Marke nicht zu negativ aufgeladen wird, und weil man damit aber auch wieder mehr Autos verkauft. Das hat man ja ausgeklüngelt, anstelle eine hardwaretechnische Lösung zu versprechen. Das kommt mir vielleicht zu Gute. Da hat die mögliche Entscheidung zum Thema „Jahreswagen oder Neuwagen“ einen Faktor, der mir eigentlich widerstrebt. Aber mit den wirtschaftlichen Faktoren und der noch nicht praktikablen E-Auto-Option (die umwelttechnisch auch nicht eindeutig positiv ist) ist der Kauf eines Benziners neben anderen Möglichkeiten eine Option.

Eigentlich will ich keinen Volkswagen mehr, aufgrund der Übeltäter und dem, was sie verbrochen haben. Doch die Alternativen sind auch nicht wirklich überzeugend. Als ob andere Unternehmen nur Ehrenleute in ihren Vorständen und Entscheidungsebenen hätten. Als ob nur Volkswagen beim Dieselgate mitgespielt hätte. Mir ist auch Boschs Rolle immer noch nicht klar. Seltsam, vielleicht sind klärende Berichte in den letzten zwei Jahren an mir vorbeigegangen. Was bleibt? Tiefes Misstrauen gegenüber der Automobilindustrie und Skepsis, wie es bei den Autoherstellern weitergeht. Und der Gedanke, ob nicht in ein paar Jahren plötzlich wieder etwas auftaucht, was gerade jetzt geschieht. Oder schon früher.

In der letzten Zeit hatte ich „Sondierungsgespräche“ über den möglichen Kauf eines Autos, eines Volkswagens. Das in Betracht zu ziehen ist keine Entscheidung wegen Volkswagen, sondern trotz Volkswagen. Dass der Kauf eines Volkswagens (gut gebraucht, Jahreswagen oder Neuwagen) überhaupt in Betracht kommt, das liegt nicht an Volkswagen. Bisher hatten wir insgesamt drei Autos bei einem regionalen mittelständischen Autohaus gekauft: Autohaus Senger.

Wir (siehe das Postskriptum) und das Autohaus haben seit etwa fünfzehn Jahren eine Beziehung miteinander. Wir lassen dort unsere Autos warten und reparieren, wir werden immer zuvorkommend und freundlich als König Kunde behandelt. Wenn wir ein Problem haben, dann helfen uns die Mitarbeiter und Inhaber des Autohauses immer schnell und unbürokratisch. Für den ABS-Sensor haben wir eine praktikable Lösung bekommen, damit wir den Wagen weiter und gefahrlos nutzen können. Als ein Wagen einmal einen Platten hatte, kam flugs ein Kollege und half uns. Beim Warten (z.B. während des Reifenwechsels) bekommen wir Kaffee und Getränke angeboten, für einen Plausch ist auch immer Zeit da. Und auch für einen offenen Austausch.

Uns geht es so wie Ludger Freese, der schreibt:

Wenn ich die Fahrzeuge zur Wartung und für kleinere Reparaturen beim
örtlichen Händler/VW Partner gebe, werde ich dort erstklassig, ehrlich
und sehr menschlich bedient.

(Essen kommen! – Ich bin schockiert über die Arroganz der Autobauer)

Es sind die Menschen des Autohauses, denen wir vertrauen. Sie haben „die Marke Autohaus Senger“ für uns positiv aufgeladen. Wir sind sicher, dass wir auch zukünftig auf Partnerschaft und auf Hilfe vertrauen können.

Diese Menschen sind es, die die Auswirkungen der Maßnahmen und dem Verhalten der Entscheidungsträger im Unternehmen Volkswagen direkt ausgesetzt sind. Und wenn ich dann sage:

Wenn ich einen Volkswagen kaufe, dann ist das keine Entscheidung für Volkswagen sondern eine Entscheidung für Ihr Haus.

dann ist das letztendlich keine Entscheidung für ein abstraktes Unternehmen, sondern für die Menschen, die das Autohaus Senger prägen.

Wir vertrauen den Menschen vom Autohaus Senger. Über viele Jahre haben sie sich unser Vertrauen erarbeitet. Unsere Loyalität gehört keinem abstrakten Unternehmen oder einer abstrakten, aufgeladenen Marke. Unsere Loyalität gehört den Menschen vom Autohaus Senger.

Eine solche Loyalität ist ein ganz wichtiger Faktor bei Entscheidungen wie dieser, ob und wie es mit dem alten Golf oder einem anderen Wagen weiter geht.

P.S. Wenn ich hier in der Ich-Form über Überlegungen zu unserem jetzigen oder zukünftigen Fahrzeug schreibe, dann meine ich uns, d.h. Manuela und mich. Auch wenn ich den Artikel nicht mit ihr abgesprochen habe, so bin ich doch sicher, dass sie mir bei allem zustimmen wird.

Bus fahren mit der Bahn: Bezahlen wie im letzten Jahrtausend – Ein Rant über die Beförderungsbedingungen des ORN

ORN-Internetauftritt (Quelle: Screenshot www.orn-online.de)

Die Busverbindungen mit Omnibusverkehr Rhein-Nahe (ORN) hier in Selzen sind gar nicht mal so schlecht. Mit dem Bus bin ich je nach Verbindung in 30 bis 45 Minuten am Mainzer Hauptbahnhof. 30 Minuten mit dem Auto sind inklusive Parken im Parkhaus und zum Bahnhof gehen kaum zu schaffen. Im Berufsverkehr sowieso nicht. . Und der Bus hält direkt auf dem Bahnhofsplatz. Der Bus fährt je nach Tageszeit und Wochentag alle 45 bis 60 Minuten.

Alles super, oder?

Nicht, wenn es um das Bezahlen geht. Da komme ich mir wie im letzten Jahrtausend vor.

  • Ticket online kaufen? Gibt es nicht.
  • Ticket per App kaufen (ich weiß, ist ja auch online): Gibt es nicht.
  • Ticket bargeldlos kaufen: Gibt es nicht.
  • Ticket mit einem Geldschein über 10 Euro bezahlen: Ähm… teilweise. Bezahlen geht, Wechselgeld gibt es nicht.

Wenn ich mich also kurzfristig zu einer Busfahrt entschließe oder entschließen muss, und halt nur ein paar kleine Münzen und einen Zwanzig- oder einen Fünfzig-Euro-Schein im Haus habe (oder zwei Zehn-Euro-Scheine), dann bin ich gekniffen.

  • Denn als Kunde soll ich das Fahrgeld möglichst abgezählt entrichten.
  • Geldbeträge über 10 Euro müssen nicht gewechselt werden – also auch nicht, wenn ich eine Tageskarte mit zwei Zehn-Euro-Scheinen bezahlen will.
  • Ein- oder Zwei-Cent-Stücke im Betrag von mehr als 5 Cent müssen auch nicht angenommen werden – also auch nicht, wenn ein Ticket 4,40 Euro kostet und ich höflicherweise 3 Zehn-Cent-Stücke sowie 5 Zwei-Cent-Stücke hinlege.

Na ja, so schlimm ist das allerdings, denn ich bekomme eine Empfangsbescheinigung über den zuviel entrichteten Betrag. Den Betrag kann ich bei einer benannten Stelle abholen (die mir aber bisher kein Fahrer genau nennen konnte). Ich kann mir den Betrag sogar nach einem Antrag überweisen lassen! Und wenn ich das nicht will, darf ich – natürlich – nicht mitfahren.

Ist also alles ganz einfach. Ich bekomme schließlich mein Geld. Nur fahre ich meistens für eine Zugverbindung zum Mainzer Hauptbahnhof, und bei Umsteigezeiten von deutlich weniger als 10 Minuten ist das illusorisch, irgendwo abzuholen. Alternativ kann ich natürlich extra mal einfach so nach Mainz fahren, meinen Geldbetrag abholen und dann wieder zurückfahen. Kostet mit Bahnkarte auch nur 8,80 Euro. Wenn ich die nicht passend (bis zu 10 Euro) habe – kann ich mir ja eine Empfangsbescheinigung geben lassen und gleich beide Beträge während meiner etwa 90 minütigen Rundreise auszahlen lassen.

Na ja, ich wohne halt auf dem Land – und ORN ist halt ein kleines Busunternehmen auf dem Land?

Pustekuchen! ORN ist ein Tochterunternehmen der Regio DB, die wiederum der Deutschen Bahn gehört. Der Deutschen Bahn, die mit Zügen und weit über 200 Sachen durch die Deutschen Lande fährt. Und mit dem Bus sogar von Ingelheim zum Flughafen Hahn – aber nicht, wenn man große Schein hat oder bargeldlos bezahlen will.

Haus- und Sondertarife der ORN (Omnibusverkehr Rhein-Nahe), Tarifbestimmungen ORN Haustarif (PDF, 156.63KB) gültig ab 01.01.2018:

(5) Das Fahrgeld soll möglichst abgezählt entrichtet werden. Das Fahrpersonal ist nicht verpflichtet, Geldbeträge über 10,- € zu wechseln und Ein- oder Zwei-Cent-Stücke im Betrag von mehr als 5 Cent sowie erheblich beschädigte Geldscheine und Münzen anzunehmen.
(6) Wenn der Fahrpreis nicht abgezählt entrichtet wird und das Fahrpersonal nicht wechseln kann, erhält der Fahrgast eine Empfangsbescheinigung über den zu viel entrichteten Betrag. Diesen Betrag kann er bei der ihm vom Fahr- oder Aufsichtspersonal benannten Stelle gegen Vorlage der Bescheinigung abholen; auf Antrag wird der Betrag überwiesen. Ist der Fahrgast mit dieser Regelung nicht einverstanden, kann er von der Beförderung ausgeschlossen
werden.

PDF-Dateien kann die Bahn übrigens auch mit falscher Seitenausrichtung und nur mit Text als Grafiken zum Download anbieten. Vollkommen kostenlos, dazu braucht man kein Kleingeld

Alexa Kommandos per Sprache für Echo, Sonos und Co.

Alexa Echo

Alexa? Echo? Yep, haben wir. Sprachkommandos? Apps? Ich sammle nützliche Alexa-Kommandos in einer Evernote-Notiz. Im Sinne von “Sharing is Caring” also hier eine Sammlung.

Nicht alle Kommandos sind in der allgemeinen Hilfe oder Dokumentation. Bei der Suche stieß ich beispielsweise darauf, dass man die Lautstärke per Sprache jenseits von 1 bis 10 in ganzen Zahlen auch mit Komma-Angaben versehen kann.

BTW: Es gibt ein inoffizielles deutsches Alexa und Echo Forum.

BTW 2: Für Fußballfans gibt es am Ende einen besonderen Tipp. Livesstreaming

Allgemein

  • Wie viel Uhr ist es?
  • Was sind die Nachrichten?
  • Was ist meine tägliche Zusammenfassung?
  • Weiter
  • Zurück

Lautstärke/Musik steuern

  • Leiser
  • Lauter
  • Lautstärke [1 – 2 – 3 … 10] (geht auch mit Komma: 2,7 oder 4,5)
  • Ton an/aus
  • Pause
  • Fortsetzen
  • Wiederholen
  • Stopp
  • Endlosschleife

Musik

  • Was spielt gerade?
  • Diesen Song wiederholen
  • Spiele Jazz-Musik (lädt eine Playlist oder einen Sender)
  • Spiele XYZ-Musik
  • Spiele [Gruppe/Interpret]? (z.B. Gordon Lightfoot, The Eagles; zufällige Wiedergabe)
  • Was gibt es für beliebte Songs von [Künstler]?
  • Spiele Hörproben von [Künstler]
  • Suche [Titel] von [Künstler]
  • Spiele das neuese Album von [Künstler]
  • Spiele [Musikrichtung] (spielt Radiosender)
  • Spiele [Musikrichtung] von [Jahr]/aus den [Jahrzehnt]ern (spielt Radiosender)
  • Spiele Musik zum Lernen/Entspannen/Frühstück (spielt Playlist)
  • Spiele [Radiosender] von Tunein
  • Spiele [Musikrichtung] von Spotify

Musik mit Sonos

  • Spiele Musik in [Raumname] (Alexa wählt die Musik aus.)
  • Spiele [Interpret] in [Raumname]
  • Spiele [Songname] von [Interpret] in [Raumname]
  • Spiele Album [Albumname] von [Interpret] in [Raumname]
  • Spiele [Aktivität]-Musik in [Raumname]
  • Wiedergabe anhalten/beenden/fortsetzen in [Raumname]
  • Musik anhalten/beenden/fortsetzen in [Raumname]
  • überspringen/nächster Titel in [Raumname]
  • nächsten/vorherigen Song/Titel abspielen in [Raumname]
  • Wiedergabe fortsetzen in [Raumname]
  • nächster Song/Titel
  • vorheriger Song/Titel
  • Stopp
  • Überspringen
  • Song/Titel überspringen
  • Was läuft in [Raumname]?
  • Mach lauter in [Raumname]
  • Mach leiser in [Raumname]
  • Lautstärke auf 3 (30 %) in [Raumname] [0-10 Lautstärkestufen]
  • Leiser in [Raumname]
  • Ton aus in [Raumname]
  • Ton ein in [Raumname]

Kalender

  • Wie sieht mein Tag aus?
  • Was ist mein nächster Termin?
  • Was steht für morgen [Uhrzeit] auf meinem Kalender?
  • Was steht für [Tag] auf meinem Kalender?
  • Füge ein Treffen um 14:00 Uhr zu meinem Kalender hinzu
  • Füge [Ereignis] für [Tag] um [Uhrzeit] zu meinem Kalender hinzu.

Abfallkalender

  • Frage den Abfallkalender, wann die Restmülltonne abgeholt wird
  • Öffne den Abfallkalender
  • Welche Tonne ist nächste Woche dran?
  • Öffne den Abfallkalender
  • Was die nächsten Abfuhrtermine?
  • Welche Mülltonne ist als nächstes dran?
  • Welche Mülltonne/Tonne ist als nächstes dran?
  • Wann ist das nächste Mal Restmüll/Altpapier/Verpackungsmüll/Biomüll?
  • Wann wird das nächst Mal die graue/blaue/gelbe/braune Tonne geholt?
  • Wann ist die Restmülltonne/Altpapier/Verpackungsmülltonne/Biomülltonne dran/an der Reihe?

Zeit

  • Stelle einen Schlaftimer auf 30 Minuten
  • Beende den Schlaftimer
  • Wecke mich um 6 Uhr morgens
  • Stelle den Wecker auf 7:30 Uhr
  • Stelle den Timer auf 10 Minuten
  • Wie viel Restzeit ist noch auf meinem Timer
  • Welche Wecker sind für morgen gestellt?
  • Welche Timer sind gestellt?
  • Stopp (wenn der Wecker oder Timer ertönt)
  • Schlummern (wenn der Wecker ertönt)

Aufgaben

  • Was steht auf meiner Einkaufsliste?
  • Was steht auf meiner To-do-Liste?
  • Füge [XYZ] zur Einkaufsliste hinzu
  • Setze [XYZ] auf meine To-do-Liste

Wetter

  • Wie ist das Wetter?
  • Wird es morgen regnen?
  • Wie wird das Wetter in [Ort] an diesem Wochenende/morgen/übermorgen?
  • Wie ist das Wetter in [Ort]?
  • Wird es am Montag regnen?

Lokale Suche, Kino

  • Welche mexikanischen Restaurants gibt es in der Nähe? [Infos, Öffnungszeiten in der App]
  • Welche Apotheken gibt es in der Nähe?(Infos, Öffnungszeiten in der App)
  • Welche Filme laufen gerade?
  • Wann läuft [Titel]
  • Welche [Filmsparte]filme laufen am Samstagabend?
  • Welche Filme laufen morgen in [Ort]

Sport (Bundesliga)

  • Wie spielt [Fußballmannschaft]
  • Spiele [Fußballmannschaft] gegen [Fußballmannschaft] (Live Streaming des Spiels)

Xing: Guten Tag Herr Hamm

Xing.com (Screenshot)

Früher, damals, als das noch Spaß machte, war ich bei OpenBC. Später auch noch, nach dem Namenswechsel zu Xing. Besser wurde es lange Zeit nicht. Aber es blieb gut.

Inzwischen habe ich die Lust an Xing verloren. Die Gruppen sind langweilig, es gibt fast nur noch irgendwelche Links zu angeblich super Artikeln, Stellenanzeigen und Veranstaltungshinweise.

Ach ja, und dann gibt es noch diese Kontaktanfragen, die sogar mit einem Text verschickt werden. Sie folgen irgendwie alle einem ähnlichen Script. Üblicherweise beginnen sie mit

Guten Tag Herr Hamm,

Meistens kommt dann irgendein nichtssagender Allgemeinplatz über irgendeinen Hype. Beispielsweise:

Influencer Marketing zählt aktuell zu den wichtigsten Werbestrategien.

Dann folgt ein logischer aber üblicherweise falscher Schluss auf mich:

Wie ich sehe, sind Sie auch in diesem Bereich tätig.

Wieder folgt ein nichtssagender Allgemeinplatz, diesmal über ein Übel der Welt und wie schlimm das doch ist:

Die Suche nach relevanten Künstlern ist meist sehr zeitaufwendig.

Dann aber kommt’s. Der Apfel im Paradies lockt – obwohl ich wohl kaum einen solchen wünschenswerten Künstlerapfel möchte. Was klar wäre, hätte der Kontaktanfragende auch nur irgendwie einigermaßen recherchiert:

Zugleich wären höhere Buchungszahlen für die Künstler aus Ihrem eigenen Pool sicher auch wünschenswert.

Doch diesen Apfel würde sicher jeder haben wollen. Falls nicht, ist hier der Punkt erreicht, an dem es darum geht, Schuldgefühle zu wecken. Auch wenn es wieder nur Allgemeinplätze sind, die mir egal sind und die ich dem mir unbekannten Absender auch gar nicht verraten würde:

Was tun Sie aktuell in puncto Lead Generierung und Erhebung von Mediadaten?

Natürlich hat der Kontaktanfragende einen Wunsch oder sogar mehrere Wünsche, die er mir ganz ehrlich und platt präsentiert. Da ist also die Win-Situation für den Anfragenden:

Gerne würde ich mehr über Ihre Erfahrungen und Schwerpunkte im Bereich Influencer Marketing erfahren.

Genau jetzt würde ich den wirklichen Apfel für mich erfahren. Für so einen Marketing-Guru wäre es an der Zeit, meine Win-Situation zu verdeutlichen und den Angelhaken „Call-to-Action“ auszuwerfen.

Viele Grüße

Der dann nicht kommt.

Interessanterweise kommt so ein Spam bei Xing unter dem Navigationspunkt „Meine Kontakte“.

Ganz bestimmt nicht.

Aber da ist er ja, der Call-to-Action: „Als Spam melden“

Beschwerde über Sky Deutschland beim Bayerischen Landesamt für Datenschutzaufsicht

Sky Deutschland Sparangebot in HD

Wegen Verstoß gegen das Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG) habe ich beim Bayerischen Landesamt für Datenschutzaufsicht Beschwerde über Sky Deutschland Fernsehen eingereicht.

Im Oktober hatte ich an Sky Deutschland Fernsehen GmbH & Co. KG („Sky“) postalisch ein Schreiben mit einem Antrag auf Auskunftserteilung nach § 34 Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) sowie mit meinem Widerspruch nach § 28 BDSG geschickt. Nachdem Sky nicht auf mein Schreiben reagiert hatte, wendete ich mich gnädigerweise mit einer Fristverlängerung an Axel Knabe, Datenschutzbeauftragter von Sky (siehe mein Blogarikel: Sky Deutschland: Antrag auf Auskunftserteilung nach § 34 BDSG; Widerspruchsrecht nach § 28 BDSG).

Auch die zweite Frist verstrich, ohne dass Sky in irgendeiner Art und Weise reagiert hätte. Die für den nicht-öffentlichen Bereich zuständige Datenschutzaufsichtsbehörde  in Bayern ist das Bayerischen Landesamt für Datenschutzaufsicht (BayLDA).

Update (08.12.2017): Das Bayerische Landesamt für Datenschutzaufsicht hat mich informiert, dass für Sky als Privates Fernsehen die Bayerische Landeszentrale für neue Medien zuständig ist. Ich habe heute meine Beschwerde per Email an deren Beauftragten für den Datenschutz gesendet.

Update (03.01.2018): Inzwischen traf ein Schreiben von Sky nach Weihnachten bei mir ein. Sky hatte der Bayerischen Landeszentrale für Datenschutzaufsicht am 21.12. geantwortet und mir am 22.12. eine Kopie davon geschickt. In einem Satz: Sky hatte mir am 5. Dezember geantwortet, dass sie keine Daten von mir haben. Auch von diesem Schreiben haben sie mir eine Kopie beigefügt. Dumm nur, dass das Schreiben vom 5. Dezember bei mir nie ankam. Immerhin habe ich die Auskunft jetzt. Im Schreiben an die Landeszentrale hatte Sky übrigens auch darauf hingewiesen, dass Sky meinen Werbewiderspruch umgesetzt hätten (was Sky in ihrem Schreiben an mich vom 5. Dezember nicht erwähnt hatte). Sky meinte auch, dass die Deutsche Post die Daten ausgewählt hätte. Ja, das steht sogar im Werbeangebot – doch über die Herkunft der Daten steht darin nichts, nur über die Auswahl.

Das Bayerische Landesamt bietet für Beschwerden ein Online-Beschwerde-Formular an:

Mit diesem Online-Beschwerde-Formular können Sie einfach Datenschutzverstöße bayerischer verantwortlicher Stellen bei uns melden.

Sky: Beschwerde beim BayLDA
Sky: Beschwerde beim BayLDA

Soeben habe ich mit dem Formular eine Beschwerde beim Bayerischen Landesamt für Datenschutzaufsicht über Sky eingereicht.

Neben den Angaben zu meiner Person, dem Themenfeld für die Beschwerde („Auskunftsersuchen“), dem Beschwerdegegner, und dem weiteren Verlauf gilt es, den Beschwerdesachverhalt darzulegen. Meine Angabe zum Beschwerdesachverhalt:

Im Oktober 2017 erhielt ich postalisch ein „Sky Sparangebot In HD“ von Sky Deutschland Fernsehen GmbH & Co. KG (im Folgenden „Sky“) zugesendet. Am 27.10.2017 sendete ich postalisch einen Antrag auf Auskunftserteilung nach § 34 BDSG mit Fristsetzung von zwei Wochen nach Eingang zusammen mit der Erklärung meines Widerspruchsrechts nach § 28 BDSG an Sky.

Nachdem die Frist ohne Antwort/Reaktion seitens Sky verstrichen war, sendete ich am 11. November 2017 eine E-Mail an den Datenschutzbeauftragten von Sky, Axel Knabe. Ich informierte ihn darin über mein Schreiben und die bislang nicht eingegangene Auskunft beziehungsweise die fehlende Information zur Datensperrung. Ich gab Sky im Schreiben mit einer Fristverlängerung zum 1. Dezember die Gelegenheit, auf meine Anliegen zu reagieren.

Auf meine E-Mail hin oder auf mein ursprüngliches Schreiben hin erhielt ich von Sky weder Eingangsbestätigungen, Nachfragen, Auskünfte oder andere Reaktionen.

Weiterhin hängte ich an die Beschwerde drei PDF-Dateien:

  1. Das Sky Sparangebot In HD vom Oktober.
  2. Mein postalisches Schreiben vom 27. Oktober.
  3. Meine E-Mail an Axel Knabe vom 16. November.

(Im Beschwerdesachverhalt habe ich versehentlich den 11. November für meine E-Mail angegeben)

Angaben gemäß § 34 nicht, nicht richtig, nicht vollständig oder nicht rechtzeitig zu übermitteln, stellt eine Ordnungswidrigkeit dar.

Die Ordnungswidrigkeit kann im Fall des Absatzes 1 mit einer Geldbuße bis zu fünfzigtausend Euro […] geahndet werden. Die Geldbuße soll den wirtschaftlichen Vorteil, den der Täter aus der Ordnungswidrigkeit gezogen hat, übersteigen. Reichen die in Satz 1 genannten Beträge hierfür nicht aus, so können sie überschritten werden.

(§ 43 Bundesdatenschutzgesetz (BDSG): Bußgeldvorschriften)

Ich bin sicher, dass der wirtschaftliche Vorteil für Sky keine fünfzigtausend Euro beträgt. Doch ich bringe meine Hoffnung zum Ausruck, dass Sky für das Ignorieren meines Schreibens einen wirtschaftlichen Nachteil erfährt.

O2 schickt mir einen fremden Netgear-Router

Inzwischen sind es bald zwei Wochen seit meinem Festnetz-/DSL-Wechsel von O2 Business zu EWR-Herznet. Damals, als ich zu O2 gewechselt hatte, bekam ich von O2 einen AVM-Router Fritz!Box 7490 zurück. Rechtzeitig vor dem Wechsel hatte ich einen Retourenschein für den Router bekommen. Den Router schickte ich daher vor einer Woche per Retourenschein mit DHL zurück.

Heute war ich dann doch etwas überrascht, als ich mit DHL ein Päckchen von O2 erhielt. War das etwa ein Versuch, mich als Kunde wiederzugewinnen? Oder ein kleines Dankeschön für unsere gemeinsame Zeit.

Als ich dann das Päckchen öffnete, war meine Überraschung groß.

O2: Schreiben zur Router-Rücksendung
O2: Schreiben zur Router-Rücksendung

Guten Tag,

unser Logistikpartner […] hat uns darüber informiert, dass sich bei Ihrer Rücksendung Gegenstände im Paket befunden haben, die nicht zum O2 Portfolio gehören.

Anbei erhalten Sie diese zu unserer Entlastung zurück.

O2 sendet mir zu ihrer Entlastung einen Netgear-Router zurück – der sich allerdings nie in meinem Portfolio oder in meinem Besitz oder sogar Eigentum befand. In meinem Paket (Originalverpackung des AVM-Routers), das ich per Retourenschein an O2 gesendet hatte, befand sich der AVM-Router mit ein paar Zusatzteilen wie Netzteil, Kabel. Sonst habe ich nichts in das Paket getan. Für den Netgear-Router wäre darin auch gar kein Platz gewesen.

Verwunderlich für mich ist auch, dass O2 meint, in meinem Paket hätten sich Gegenstände befunden. Denn im Paket, das ich heute von O2 erhielt, war neben dem Schreiben und dem Füllmaterial jedoch nur ein Gegenstand.

Also werde ich gleich einmal die O2 Business Hotline anrufen, um sie …

Hier zucke ich doch etwas. Denn eine der Erfahrungen mit O2 Business war, dass ich als Geschäftskunde bei O2 in der Regel eine halbe Stunde oder länger in der Warteschleife verbrachte. Einen Versuch ist mir das Ganze jedoch Wert. Ich werde anbieten, dass O2 zu meiner Entlastung den Router bei mir abholen kann. Oder dass ich das Paket an DHL – mit Retourenschein – übergebe.

Viele Grüße

Ihr Frank Hamm Team

Nachtrag: So etwas ist mir in meiner Kundenzeit mit O2 bisher noch nie passiert. Nach 5 Minuten hatte ich jemanden am Telefon 😉

Nachdem ich ihn über die offensichtliche Verwechslung informiert hatte, war er auch etwas amüsiert 🙂 Ich erhalte per E-Mail einen Retourenschein.

Sky Deutschland: Antrag auf Auskunftserteilung nach § 34 BDSG; Widerspruchsrecht nach § 28 BDSG

Sky Deutschland Sparangebot in HD

Von Sky Deutschland und von Deutsche Post Direkt habe ich gemäß Bundesdatenschutzgesetz Auskunft über meine Daten verlangt. Außerdem habe ich der Nutzung oder Übermittlung meiner Daten widersprochen. Deutsche Post Direkt hat fristgerecht und korrekt gehandelt, doch Sky Deutschland reagiert nicht.

Ende Oktober erhielt ich von Sky Deutschland „ein Sky Sparangebot in HD“. Das motivierte mich, mein Recht auf Auskunftserteilung nach § 34 Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) sowie mein Widerspruchsrecht nach § 28 BDSG in Anspruch zu nehmen.

Das Recht auf Auskunftserteilung hat jeder Bürger, um von nicht-öffentlichen
Stellen (beispielsweise Unternehmen) zu erfahren:

  • Welche personenbezogenen Daten sind bei dieser Stelle über mich gespeichert?
  • Woher und zu welchem Zeitpunkt hat die Stelle diese Daten bezogen?
  • An welche Empfänger wurden oder werden diese Daten weiter gegeben?
  • Zu welchen Zwecken speichert die Stelle meine personenbezogenen Daten?

Hilfreich war eine kleine Fußnote auf dem Schreiben:

Widerspruchshinweis: Sollten Sie keine Werbesendungen wünschen, richten Sie Ihren Widerspruch bitte an den Absender. Verantwortliche Stelle i. S. d. BDSG: Die Adressselektion ist ein Service der Deutschen Post Direkt GmbH, Postfach 220159, 42371 Wuppertal.

Absender der Werbesendung war „Sky Deutschland Fernsehen GmbH & Co. KG., 22033 Hamburg“ – was letztendlich laut dem Impressum der Website von Sky Deutschland die Postanschrift vom Kundenservice ist.

Am 27.10.2017 versendete ich postalisch ein Schreiben an beide Stellen, Sky Deutschland und Deutsche Post Direkt, mit diesem Inhalt:

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit bitte ich um schriftliche und kostenfreie Auskunft über die zu meiner Person bei Ihnen gespeicherten Daten gemäß § 34 Bundesdatenschutzgesetz (BDSG). Bitte beantworten Sie mir folgende Fragen:

1. Welche personenbezogenen Daten haben Sie über mich gespeichert?
2. Woher und zu welchem Zeitpunkt haben Sie diese Daten bezogen?
(Namen und Adresse)
3. An welche Empfänger wurden oder werden diese Daten weiter gegeben?
(Namen und Adresse)
4. Zu welchen Zwecken speichern Sie meine personenbezogenen Daten?

Ich bitte Sie, die Auskunft innerhalb einer Frist von zwei Wochen nach Eingang zu erteilen. Sollten Sie eine längere Frist benötigen, bitte ich um eine entsprechende Zwischennachricht. Bitte bestätigen Sie den Eingang dieses Antrags und senden Sie mir die Auskunft postalisch zu.

Sollte für die Auskunftserteilung eine weitere Identifizierung meiner Person erforderlich sein, bitte ich Sie, mir mitzuteilen, welche Nachweise Sie benötigen.

Des Weiteren widerspreche ich der Nutzung oder Übermittlung meiner Daten für Zwecke der Werbung oder der Markt- oder Meinungsforschung (§ 28 Absatz 4 Bundesdatenschutzgesetz) und bitte, meine Daten zu sperren. Bitte lassen Sie mir eine entsprechende Bestätigung zukommen.

Deutsche Post Direkt

Am 2. November antwortete mir die Deutsche Post Direkt postalisch, das Schreiben ging also fristgerecht bei mir ein. Neben viel Bla Bla erhielt ich die gewünschten Auskünfte nach § 34 BDSG, auch wurden meine Daten gemäß § 28 BDSG mit einem Sperrvermerk in deren Datenbank gekennzeichnet.

Interessant ist übrigens, dass die Daten von „adpublisher AG, Industriering 3, FL-9491 Ruggell“erstmalig erhoben wurden. Und schwups – sind meine Daten außerhalb der Bundesrepublik Deutschland, nämlich im Fürstentum Liechtenstein.

Sky Deutschland.

Von Sky Deutschland sah und hörte ich bis heute nichts. Das ist ein Verstoß gegen die Auskunftspflicht und stellt eine Ordnungswidrigkeit dar, die mit einer Geldbuße bis 50.000 Euro geahndet werden kann. Da ich jedoch manchmal ein verständiger Mensch bin, wendete ich mich nicht sofort an den zuständigen Datenschutzbeauftragten des Landes Bayern (Sky Deutschland sitzt in Unterföhring bei München), sondern ich versuchte, den Datenschutzbeauftragten von Sky Deutschland, Axel Knabe, telefonisch zu erreichen.

Im Gegensatz zu Informationen wie dem Unternehmenssitz und dem Namen des  Datenschutzbeauftragten ist die Telefonnummer von Sky Deutschland nicht sofort ersichtlich, doch da halfen mir die Kontaktangaben der Corporate Website.

Zugegebenermaßen war 12:18 Uhr suboptimal für einen telefonischen Kontaktversuch. Zwar versuchte man, mich durchzustellen, aber vermutlich und nachvollziehbar war Herr Knabe in der Mittagspause. Man bat mich, eine E-Mail an Herrn Knabe zu senden (die Adresse steht auch im Impressum). Dafür haben die Mitarbeiter von Sky Deutschland mein volles Verständnis.

Kein vollstes Verständnis hat Sky Deutschland jedoch dafür, dass ich bislang weder eine Auskunft nach § 34 BDSG habe, noch dass ich eine Bestätigung über die Sperrung meiner Daten erhielt..

Da ich ich zwar nicht mehr vollstens, aber noch verständig bin, habe ich noch nicht den Landesdatenschutzbeauftragten informiert, sondern soeben eine E-Mail an Herrn Knabe gesendet und darin eine Fristverlängerung bis zum 1. Dezember 2017 gewährt.

P.S. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich das Sky Sparangebot in HD nicht wahrnehmen werde?

Deswegen will ich kein Paydirekt: Mein Warenkorb und meine Lieferadressen gehören mir! #privacy

Blindzahlen

Paydirekt macht kräftig Wirbel für sein deutsches Online-Bezahlverfahren, das beispielsweise gegen Paypal, Apple Pay und andere internationale Platzhirsche bestehen soll. Auch die Sparkassen wollen Paydirekt anschieben (Handelsblatt). Das ist auch kein Wunder, denn:

Paydirekt (Eigenschreibweise: paydirekt) ist ein Online-Bezahlverfahren deutscher Banken und Sparkassen. Es wird von der Paydirekt GmbH betrieben

(Seite „Paydirekt“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 25. Oktober 2017, 11:29 UTC. (Abgerufen: 13. November 2017, 10:00 UTC))

Doch Paydirekt kommt irgendwie nicht zu Potte. Dennoch: Ich will endlich in Deutschland bequem, schnell, einfach, sicher mobil und möglichst überall bezahlen. Deswegen habe ich mir vor längerem bereits Paydirekt einmal angesehen. Von einem Bezahlverfahren der deutschen Banken und Sparkassen erwarte ich, … vor allem, dass es träge, umständlich und teuer ist. Doch das zu prüfen, dazu kam es bei mir nicht. Denn bevor ich einen Vertrag für ein Bezahlverfahren abschließen, will ich wissen, was mich vertraglich und hinsichtlich des Datenschutzes erwartet.

Und da liegt der Hase im Pfeffer. Daran erinnerte ich mich soeben, als ich den Tweet von @electro_banker kommentierte:

Denn was ich über die AGB und die Datenschutzbestimmungen von Paydirekt herausfand, und was auch heute so noch auf der Website steht, das gefällt mir gar nicht.

AGB? Nein!

Auf der Suche nach den AGB war ich schon vor längerem auf der Website von Paydirekt. Heute habe In der Fußzeile der Website von Paydirekt verlinkt der Text „Rechtliche Hinweise und AGB“ auf den URL „https://www.paydirekt.de/agb/index.html„. Dort würde ich jetzt vor allem die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Paydirekt GmbH erwarten (siehe Impressum).

Allgemeine Geschäftsbedingungen (abgekürzt: AGB) sind im Rechtswesen alle für eine Vielzahl von Verträgen vorformulierten Vertragsbedingungen, die eine Vertragspartei (der Verwender) der anderen Vertragspartei (dem Vertragspartner) bei Abschluss eines Vertrages stellt.

(Seite „Allgemeine Geschäftsbedingungen (Deutschland)“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 8. August 2017, 11:31 UTC. (Abgerufen: 13. November 2017, 09:49 UTC))

Doch die Seite hat lediglich den Titel „Datenschutzbestimmungen„. Der Text der Seite beginnt auch nur mit der Überschrift (erste Ebene) „Hinweise zum Datenschutz.“ Keine Hinweise auf AGBs, Vertragsbedingungen. Auch die vier Links auf PDF-Dateien in der rechten Sidebar geben mir keinen Hinweis auf AGBs:

  • Teilnahmebedingungen
  • Datenschutzinformationen
  • Vorvertragliche Informationen
  • Vergleichsfassung Teilnahmebedingungen

Soweit, so schlecht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Paydirekt GmbH keine AGBs hat. Da ich nicht die Absicht habe, einen Vertrag mit Paydirekt GmbH einzugehen, ist das für mich nachrangig. Ob sie ihre AGBs auch auf der Website zur Verfügung stellen muss, mögen andere klären können, wie beispielsweise Thomas Schwenke (Kann man wegen fehlender AGB abgemahnt werden?).

Darum will ich keinen Vertrag mit Paydirekt eingehen: Datenschutzbestimmungen

Dann lese ich mir also die Datenschutzbestimmungen durch. Unter „2. Laufender Betrieb von paydirekt“ finde ich bei „2.1 Durchführung von Zahlungen und Rückerstattungen“ Informationen darüber, was die Paydirekt GmbH bei Zahlungen speichert.

Die paydirekt GmbH erhebt und speichert die Transaktionsdaten von paydirekt-Zahlungen. Die Transaktionsdaten umfassen die Transaktionsreferenz und die Transaktions-ID sowie Informationen zum Warenkorb, die die paydirekt GmbH vom Händler erhält, sofern er dies unterstützt.

[…]

Im Fall von paydirekt-Zahlungen mit verkürztem Kaufprozess übermittelt die paydirekt GmbH die von dem Teilnehmer hinterlegten Liefer- und Rechnungsadressen an den Händler, aus denen der Teilnehmer die gewünschte Adresse auswählen kann.

(Hervorhebung von mir)

Moment mal! Ich will einfach nur bezahlen, und der Dienstleister will meine Warenkörbe und meine Lieferadressen? Was geht Paydirekt an, was ich kaufe? Und wohin ich das liefern lasse? Warum speichert Paydirekt das? Na ja, ist ja nur, wenn der Händler das unterstützt… aber woher weiß ich das? Und selbst wenn: Ich will das nicht!

Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein!

Immer wieder habe ich in den letzten 20 Jahren von der Politik gehört, dass dieses Internet doch nicht anders behandelt werden darf wie „das richtige Leben“. Man stelle sich das mal vor: Ich überweise mit einem Überweisungsträger oder sogar per Online-Banking 96,64 € und schreibe in den Verwendungszweck außer der Rechnungsnummer noch rein:

  • Was ich alles gekauft habe (Produktbezeichnung, möglicherweise noch die Beschreibung wie Farbe)
  • Die jeweilige Menge
  • Der jeweilige Betrag
  • Die Lieferadresse

Nein, das kommt nicht in Frage.

Und dann steht unter „2.2 Betrugsprävention und -verfolgung“ noch:

Außerdem greift die paydirekt GmbH zur Vermeidung von Betrugsfällen auf die Dienste der Risk.Ident GmbH (im folgenden „Kooperationspartner“) zurück. Der Kooperationspartner erhebt und verarbeitet mit Hilfe von Cookies und anderen Tracking-Technologien Daten zur Ermittlung des beim Registrierungsprozess für paydirekt sowie ggf. bei der Nutzung der Händler-Webseite verwendeten Endgeräts sowie weitere Daten über die Nutzung der Händler-Webseite. Eine Zuordnung zu einem bestimmten Teilnehmer durch den Kooperationspartner erfolgt dabei nicht.

(Hervorhebung von mir)

So, so. Ich verstehe, dass Paydirekt Betrügereien vermeiden will. Aber das geht mir alles zu weit. „Andere Tracking-Technologien“ ist so schön generisch. Mit Profiling und Hash-Werte lässt sich alles mögliche tracken über alle möglichen Websites hinweg. So, so. Der Kooperationspartner nimmt keine Zuordnung vor – aber was macht Paydirekt mit meinen Daten? Welche Daten fließen zwischen dem Kooperationspartner und Paydirekt? Und in welche Richtung?

Nein, auch das alles schreckt mich ab.

Deswegen will und werde ich Paydirekt nicht benutzen. Denn mein Warenkorb und meine Lieferadressen gehören mir!

Warum ich Reichspogromnacht sage #GegenDasVergessen

Stolpersteine in Nieder-Olm

Ich sitze in einem Café in Nieder-Olm und denke an einen besonderen Tag: Heute vor 79 Jahren fand die Reichspogromnacht statt.

Heute morgen bereits bekam ich mit, dass verschiedene Leute in meiner Timeline entsprechende Tweets absetzten, um an diesen Tag zu erinnern. Das erste Mal, dass ich von diesen fürchterlichen Ereignissen „offiziell“ erfuhr, war im Gymnasium. Persönlich hatte ich zuvor schon darüber irgendwo gelesen und war entsetzt. Später, in der Offizierschule der Luftwaffe lernte ich noch viel mehr und auch die differenzierte Betrachtung des 20. Juli. Ich lernte in der Offizierschule viel über das Dritte Reich und die oft mehr als geduldete Herrschaft der Nazis. Besonders anschaulich und bedrückend war unser Besuch in der KZ-Gedenkstätte Dachau (Fotoalbum KZ-Gedenkstätte Dachau auf Flickr).

Hitler war von je her ein fürchterlicher Antisemit. Bei seinen  Anhängern, Mitmachern und Mitläufern war der Antisemitismus selbstverständlich. Doch auch in der deutschen Bevölkerung war Antisemitismus weit verbreitet. Und machen wir uns nichts vor: Auch in vielen anderen westlichen Ländern war (und ist!) der Antisemitismus weit verbreitet. Und auch Luther, den wir in diesem Jahr feiern, war wohl ein Antisemit.

In Deutschland jedoch, durch viele Umstände wie den Folgen des Ersten Weltkrieges wie dem Versailler Vertrag sowie durch den organisierten Antisemitismus der radikalen Rechten und später offiziell der Regierung, waren der Antisemitismus und die Judenverfolgung so schrecklich wie sonst nirgends. Die Nürnberger Gesetze, die Ab- und Ausgrenzung sowie Verfolgung von Andersdenkenden und Andersseienden … all das kulminierte in der Reichspogromnacht. Vorrübergehend, denn es wurde noch viel, viel schlimmer.

Die Verwendung von Bezeichnungen für jene Nacht war und ist nicht einheitlich. Pogromnacht, Kristallnacht, Reichspogromnacht, Reichskristallnacht sind die gängigen Bezeichnungen. Früher habe ich  oft „Reichskristallnacht“ verwendet. Doch das verharmlost die Verfolgung und Tötung von Menschen. Pogrome gibt es schon seit Jahrhunderten. Meistens waren es Ausschreitungen von Menschengruppen gegen eine Minderheit. Aber auch staatlich organisierte oder geförderte Pogrome gab es.

Die Novemberpogrome 1938 – bezogen auf die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 auch (Reichs-)Kristallnacht oder Reichspogromnacht genannt – waren vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen gegen Juden im gesamten Deutschen Reich.

(Seite „Novemberpogrome 1938“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 8. November 2017, 08:57 UTC. (Abgerufen: 9. November 2017, 12:05 UTC))

Ich glaube, „Novemberpogrome“ oder auch „Pogrome“ reicht für dieses unfassbare Ereignis 1938 nicht aus. Als ob es mehrere, nur lose miteinander verbundene Pogrome in Deutschland gewesen seien. Für mich war das ein großes Pogrom in Deutschland. Die „Gewaltmaßnahmen“ waren initiiert, organisiert und gelenkt durch offizielle Stellen. Doch das war bei weitem nicht alles. Viele besorgte Bürger haben von sich aus mit- und weitergemacht.

Ich kann die Meinung von Martin Krauss in der Jüdischen Allgemeinen nachvollziehen, wenn er den Begriff „Reichspogromnacht“ als problematisch empfindet:

Doch unproblematisch ist auch er nicht, macht er doch aus den Pogromen eine Aktion des Staates. Als ob nicht weite Teile der Bevölkerung sehr freiwillig mitgemacht hätten. Ja, als ob es nicht das Wesen des Pogroms ist, von der Gesellschaft, eben ohne staatlichen Zwang, ausgeführt zu werden. Vom NS-Regime initiiert, heißt eben nicht, dass nichtjüdische Deutsche unter Androhung drakonischer Strafen mittun mussten.

(Martin Krauss: Nachdenken über einen Begriff – Warum sowohl die Wörter »Kristallnacht« und »Reichspogromnacht« problematisch sind)

Initiiert und herbeigeführt waren die Ereignisse durch offizielle Stellen. Ein Großteil der Gewaltausbrüche in jener Nacht war organisiert und gelenkt. Und im Reich machten sehr, sehr viele freiwillig mit. Und zwar groß- und weitflächig im ganzen Reich. Es waren keine einzelnen Pogrome nur in isolierten Teilen des Reiches. Die Jagd auf Juden, das Niederbrennen von Synagogen oder Geschäften, die Angriffe auf Juden und das Töten auf Juden fanden im ganzen Reich statt.

Diese Nacht war ein weiterer Schritt zur systematischen Verfolgung und Tötung von Juden im Deutschen Reich und in verbündeten Staaten. Diese Nacht führte dazu, dass heutzutage in vielen Städten und Gemeinden Stolpersteine im Bürgersteig zu sehen sind.

So wie die Stolpersteine in Nieder-Olm, die ich an der Pariser Straße vorhin da draußen vor dem Café sah. Nie wieder dürfen wir zulassen, dass so etwas Schreckliches stattfindet, was als selbstverständliche Aufregungen zunächst von Einzelnen und dann von Gruppierungen begann, sich als staatlich initiierte organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen im ganzen Reich fortsetzte und dann zu einem „ganz normalen“ Holocaust wurde, bei dem „ganz normal“ auch Hitlers  willige Vollstrecker mitmachten (siehe „Hitlers willige Vollstrecker: Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust“ von Daniel Goldhagen).

Deswegen verwende ich den Begriff „Reichspogromnacht“.

Und deswegen: Wehret den Anfängen jeglicher Verführer und Demagogen – egal aus welchen Reihen, welcher Partei und welchem Land!

Und jetzt gehe ich wieder raus aus dem Café auf die Pariser Straße und schaue, ob ich noch ein paar Stolpersteine finde. Damit ich die Reichspogromnacht und den Holocaust auf gar keinen Fall vergesse.

Stolpersteine in Nieder-Olm
Stolpersteine in Nieder-Olm