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Breschnews Erbe an Putin: Friedliche Koexistenz

Stellvertreterkriege sind Kriege. Es gibt immer mehrere Beteiligte.

In den 80er Jahren war ich als Offizier der Bundesrepublik Deutschland in der Luftwaffe Teil des „Kalten Krieges“ zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt.

Die Fronten waren klar. Blau gegen Rot, West gegen Ost. Aber es gab ja immerhin die von der Sowjetunion geprägte und propagierte „Friedliche Koexistenz„. Sie vermittelte vielen in der NATO das Gefühl der Sicherheit, dass die Sowjetunion keinen Krieg wolle und keinen Krieg führen werde – solange äußere Umstände sie nicht dazu zwingen würden.

Regelmäßig wurde auf die „Friedliche Koexistenz“ zurückgegriffen, wenn es im öffentlichen Diskurs um die mit Breschnew verbundene Entspannung ging. Doch wenige achteten wirklich auf die Bedeutung der „Friedlichen Koexistenz“, wie sie von der Sowjetunion und damit vom Warschauer Pakt gesehen wurde. Die von Chruschtschow offen formulierte Bedeutung galt auch weiterhin unter Breschnew und bis tief in die Achtziger:

Auf dem XXII. Parteitag der KPdSU 1961 erläuterte Chruschtschow, friedliche Koexistenz sei „kein provisorischer labiler Waffenstillstand zwischen Kriegen“. Frieden und friedliche Koexistenz seien nicht identisch. Die Sowjetunion müsse demnach militärisch gerüstet sein, um den Frieden zu bewahren. Der Kern der friedlichen Koexistenz sei: „Es ist eine Koexistenz zweier entgegengesetzter Gesellschaftssysteme, die gegenseitig darauf verzichten, den Krieg als Mittel zur Lösung von Streitigkeiten zwischen den Staaten anzuwenden“.

[ Seite „Friedliche Koexistenz“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 25. Dezember 2013, 23:38 UTC. (Abgerufen: 9. Dezember 2014, 11:21 UTC) ]

Und viele ignorierten die Abstufungen von Krieg, „Friedliche Koexistenz“ und Frieden. In einer „Friedlichen Koexistenz“ war alles erlaubt – solange es keinen offiziellen Krieg gab.

Während meiner Zeit in der Bundeswehr war ich in keiner hochrangigen Position. Ich hatte ein paar Einblicke in Erkenntnisse im Bereich S2 (Stabsabteilung 2 für Sicherheit und Nachrichtenwesen). Ich war Staatsbürger (in Uniform) und informierte mich. Ich wusste von Reden Breschnews und nachfolgender Staatschefs der Sowjetunion vor hochrangigen Militärs oder angehenden Offizieren der roten Armee. Diese Reden bestätigten mir, dass die „Abwesenheit von Krieg“ durchaus Aktivitäten wie Lügen und Betrügen, Guerillakämpfe, Sabotage, verdeckte militärische Einsätze oder Stellvertreterkriege umfasste (nicht, dass solche Maßnahmen auf Seiten insbesondere der USA abwesend gewesen wären…). Möglicherweise deswegen versuchte ich, einen realistischen Blick auf viele Seiten der Medaille zu wahren.

Kürzlich las ich den Aufruf „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!, unterzeichnet von Personen, die beispielsweise als Schauspieler, Raumfahrer, Politiker oder Journalist tätig waren oder sind. Mir kam und kommt dieser Aufruf teilweise begründet aber doch reichlich einseitig und in mancher Beziehung auch naiv vor. Besonders bei Betrachtung der innegehabten Positionen einiger der Unterzeichner.

Mir scheint es, dass hier Feindbilder und Freundbilder aufgebaut werden und mit einseitigen Schuldzuweisungen hantiert wird. Sicherlich, es ist ein Aufruf, aber er verschärft die Spannungen in einer Zeit, in der die Signale auf Entspannung stehen müssten. Ich hätte mir einen ausgewogeneren Aufruf gewünscht, der mehr eingebunden statt ausgeschlossen hätte. Das müsste das Leitmotiv deutscher prominenter Persönlichkeiten sein.

Der vorgangehende Absatz ist in voller Absicht eine Abwandlung dieses Abschnitts im Aufruf:

Wer nur Feindbilder aufbaut und mit einseitigen Schuldzuweisungen hantiert, verschärft die Spannungen in einer Zeit, in der die Signale auf Entspannung stehen müssten. Einbinden statt ausschließen muss das Leitmotiv deutscher Politiker sein.

Deswegen empfinde ich den Kommentar von Ingo Mannteufel als gerechtfertigt und halte ihn für angemessen. Mehr noch: Ich sehe ihn als Appell an die Unterzeichner des Russland-Aufrufs (Kommentar: Russland-Aufruf offenbart Ahnungslosigkeit über Osteuropa).

Wenn selbst hochrangige ehemalige Mitglieder von Bundesregierungen, Staatssekretäre der Verteidigung oder gar der Sicherheitsberater Teltschik eine derart einseitige Sichtweise zeigen, dann weiß ich nicht so recht, was ich von dieser Art demonstrierter Ahnungslosigkeit halten soll.

Stellvertreterkrieg
Stellvertreterkrieg („Krieg – Auf dem MobileCamp Dresden 2011“)

Putin mag kein Breschnew sein, aber er ist ein Kind der Sowjetunion, damit ein Kind Breschnews, und er kennt sich im machtpolitischen Geschäft aufgrund seiner Positionen sehr wohl aus. Er kennt das Konzept der „Friedlichen Koexistenz“ und weiß um das Hadern und Zaudern und die Zurückhaltung des multinationalen Konstrukts der Nato und des westlichen Staatensystems, wenn es um mögliche Eskalationen geht. Das wussten schon die Partei- und Staatschefs der Sowjetunion – und deswegen haben sie auf das Konzept der „Friedlichen Koexistenz“ gesetzt. Putin setzt ebenfalls auf dieses Konzept, auch wenn er es nicht benennt.

Sicherlich ist Putin ebenso die Breschnew-Doktrin bekannt. Und aus Putins Sicht findet die Souveränität einzelner Staaten möglicherweise ihre Grenze an der Interessensphäre Russlands. Es muss ja nicht gleich Krieg sein – ein bisschen „Friedliche Koexistenz“ reicht schließlich.

Von Der Schreibende

Der Schreibende (* 14. April 1961 in Ingelheim am Rhein als Frank Hamm) ist Berater und Autor | Blogger, Jogger, SunriseRunner & Wanderer | Rheinhessen & Hawai'i Abhängiger | Science Fiction Fan, Philosoph & Trekkie. Der Schreibende lebt in der Ortsgemeinde Selzen (Rheinhessen). Im Blog Der Entspannende berichtet er über das Entspannen bei Wandern, Genuss und Kultur.