Gedanken über Geschichte, den Krieg und Flüchtlinge

Jüdischer Friedhof bei Hahnheim

In den letzten Monaten dachte ich sehr oft an das Thema “Flüchtlinge”, das immer wieder in den Medien auftauchte. Mit den Medien meine ich nicht nur die klassischen Mainstream-Medien sondern auch meine Mainstream-Medien wie Twitter oder Facebook oder Blogs. Auf dem BarCamp Rhein-Neckar habe ich das Thema aufgeschnappt, wie mit Freifunk in einem Flüchtlingsheim WLAN zur Verfügung gestellt werden kann. Ich habe das gleiche Thema, glaube ich, auch für ein Flüchtlingsheim in Mainz irgendwann einmal gehört.

Ich selbst schwanke immer noch von der Bezeichnung “Asylheim” und “Flüchtlingsheim”, doch in meinem Inneren halte ich inzwischen die Bezeichnung Flüchtlingsheim für die bessere Bezeichnung. Früher, da war das für mich einfach. Es gab das Asylrecht. Punkt. Aber die Welt hat sich gewandelt. Was viele unter dem Begriff “Wirtschaftsflüchtlinge” abtun, ist Armut, Gefahr, Lebensgefahr. Wir sollten in Deutschland von dem hohen Roß herunterkommen, dass wir uns unseren Wohlstand geschaffen haben und “die anderen” sich eine Scheibe von unserem Wohlstand abschneiden wollen. “Wir” haben diesen Wohlstand nicht zuletzt deswegen, weil wir eine Exportnation sind. Auch Waffen exportieren. Oder günstig in anderen Ländern der “Dritten Welt” produzieren lassen.

Flüchtlinge haben oft nichts als ihr nacktes Leben und ein paar ärmliche Klamotten. Als ob das erstrebenswert wäre, um in eine ungewisse Zukunft zu reisen?

Apropos Flüchtlinge: Viele haben vergessen, dass ein Großteil der Bundesbevölkerung selbst einmal Flüchtling war. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Hunderttausende, Millionen aus den Ostgebieten und hatten oft nur ihr nacktes Leben und ein paar ärmliche Klamotten. Es gab ähnliche Vorbehalte und auch feindliche Gefühle derjenigen, die plötzlich mit anderen zusammenleben mussten. Wir sind in den Jahrhunderten ein Volk von Flüchtlingen und einem Misch-Masch aus verschiedenen Völkern geworden.

Ich freue mich über Vielfalt. Auch ich habe Berührungsängste, Unsicherheit, Unwissenheit. Aber deswegen gegen “die anderen” zu wettern oder sogar ein Flüchtlingsheim anzustecken? Ist es so weit mit unserem christlichen Abendland gekommen? Zählt das Neue Testament nur noch als Antiquariat in irgendeiner Bibliothek, um von Forschern voller Ehrfurcht betrachtet zu werden?

Geschichte ist lebendig, wenn man sie ernsthaft betrachtet und versucht, daraus zu lernen. Es gibt keine einfache Ursache-Wirkung-Beziehung, auch nicht rückblickend auf die Geschichte. Aber wie viel Leid haben scheinbar normale gutbürgerliche “Volksdeutsche” über andere Menschen gebracht – weil sie anders sind? Hitlers willige Vollstrecker waren überall. Sie ließen oder wollten sich dazu machen. Und heute? Schauen viele nur auf sich selbst und nicht auf die Geschichte. Weil sie nicht lernen oder argumentieren wollen. Sie schnappen sich das, was ihnen passt, und bauen sich ihre kleinkarierte Welt.

Heute morgen beim Joggen kam ich am jüdischen Friedhof bei Hahnheim vorbei. Nein, eigentlich richtete ich es ein, dass ich dorthin lief und da eine Pause zu machen und mir etwas Nachdenklichkeit zu gönnen. Ich gehe gerne auf Friedhöfe. Durch sie können wir etwas lernen. Jüdische Friedhöfe haben keine Grabsteine aus den vierziger Jahren. Meistens reichen die Datumsangaben für das Todesjahr nicht über die Zwanziger hinaus. Die Angehörigen des jüdischen Volks waren Flüchtlinge, und “wir” hatten sie aufgenommen. Sie waren unsere Gäste über Jahrhunderte, doch wir haben sie nie als Gäste behandelt. Wir haben sie immer gerne als Sündenbock hergenommen – oft deswegen, weil sie das taten, was die “Deutschen” nicht machten wollten oder durften. Und dann hassten wir sie, dass sie erfolgreich waren. Wer weiß schon, dass viele “deutsche” Erfolgsmarken wie Hertie oder Dresdner Bank aus jüdischen Gründern entstanden?

Der jüdische Friedhof bei Hahnheim ist relativ klein, er scheint mehr zu verwittern als zu bleiben. Der Gedenkstein am Ende des rechteckigen Friedhofs verwittert so stark, dass ich den Text nicht mehr entziffern konnte. Irgendetwas mit Panzer, Nazi, Hahnheim. Ich nahm mir ein paar Minuten zum Nachdenken und für ein paar Fotos. Später, ein paar hundert Meter weiter und an der Selz, nahm ich mir die Zeit für einen Audioboo.

Geschichte ist zum Lernen und nicht zum Abheften da. Und Geschichte ist nie einfach. Vielleicht heften viele sie deswegen doch ab. Schade.

Mein Audioboo zum Nachhören.

Flickr Fotoalbum „Jüdischer Friedhof bei Hahnheim“ (Diashow)

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